Viehwirtschaft wie vor 100 Jahren

RUMÄNIEN ⋅ Die Kleinbauern stehen gegen die effizienteren Berufskollegen aus Westeuropa auf verlorenem Posten. Marktchancen für rumänische Schafe bietet die Arabische Halbinsel.
31. März 2018, 13:33

Eva Konzett

Jetzt im Frühjahr, wenn die Schafe niederkommen, bestimmt das Bündel mit Fresszetteln über Wohl und Weh von Traian Banea. Blickt der Bauer abends auf vollgeschriebene Blätter, so hat er einen guten Tag hinter sich. Sind die Zettel blank geblieben, geht er mit Bauchschmerzen ins Bett. Dann ist nicht viel passiert im Stall, dann ist kein Lamm geboren worden. Frühmorgens schon macht er seine erste Kontroll­runde bei den Tieren. Nach dem Abendessen kommt er noch einmal. An diesem Märztag holt er das Papierbündel schon am Nachmittag aus der Brusttasche und wedelt damit triumphierend wie mit einem Pack Geldscheine. Drei Zeilen hat er mit dem abgegriffenen Kugelschreiber vollgeschrieben. Es wird ein guter Tag.

Trainan Banea hat vor 16 Jahren seine Soldatenuniform gegen den Arbeitskittel getauscht. Jetzt steht der 68-Jährige vor der ehemaligen Kolchose am Rande der Gemeinde Vurpar in Siebenbürgen, rund 30 Kilometer von der Stadt Sibiu entfernt. Der Regen hat die Zufahrtsstrasse in Matsch verwandelt, der Traktor aus sozialistischer Produktion steckt fest. Von den Gebäudewänden blättert der Putz, aber immerhin ist das Dach dicht. Hier, wo einst der Sozialismus die Bauern in die kollektive Arbeitsweise zwang, versucht Banea nun sein eigenes Glück. Er hat ein zitterndes Lämmchen aus der Herde gezogen. Vor zwei Tagen wurde es geboren, in zwei Monaten wird es die Herde verlassen. Es wird wohl den Weg in Richtung der Arabischen Welt nehmen, so wie unzählige andere rumänische ­Schafe auch.

Der drittgrösste Schafsbestand in der EU

Eine Million Tiere gehen jährlich alleine nach Jordanien, weitere Ladungen in den Irak und nach Libyen. Für jeweils 250 Lei, etwas mehr als 60 Franken, wird Banea seine Böcklein verkaufen. Das ist nicht viel, aber immerhin. Aus einem Mutterschaf holt ­Banea Milch für zwölf Kilogramm Käse pro Monat heraus.

Rumänien zählt mit knapp zehn Millionen Schafen nach Gross­britannien und Spanien am drittmeisten Schafe in der EU. Die meisten der Tiere leben auf traditionelle Art in kleinen Herden, sie werden im Frühjahr erst auf der Allmend rund um die Dörfer und später von Hirten auf die Alp getrieben. Banea betreibt mit seinen 100 Schafen und der Handvoll Kühe Viehwirtschaft wie vor 100 Jahren. So wie mehr als drei Millionen rumänische Kleinbauern auch. Doch: Die kleinen Parzellen, die arbeitsintensive und wenig automatisierte Bewirtschaftung, die veralteten Geräte, der geringe Einsatz von Pestiziden, sie mögen die Natur und Umwelt schonen. Konkurrenz­fähig ist diese Praxis nicht. Überall bis in die Kleinstädte stehen Supermärkte mit Importware aus Westeuropa, die billiger ist.

«Die EU hat uns den Markt zerstört», sagt Sándor Berecki aufgebracht. Es ist sieben Uhr morgens, und er hat noch nichts verkauft. Seit einer Stunde steht der Bauer auf dem Viehmarkt in dem Dörfchen Band, 140 Kilometer von Baneas Stall in Vurpar entfernt. Wie die meisten rumänischen Bauern hat er sich nicht auf eine Tierrasse oder den Ackerbau spezialisiert, ist nicht Milchbauer, Schweinemäster oder Hühnerbrüter, sondern Bauer für alles. Weil er zu geringe Mengen produziert, um an Handelsketten verkaufen zu können, steht er sich hier auf dem Markt seit vielen Jahren die Beine in den Bauch. Berecki bleibt glücklos an diesem Tag. Seine vier Ferkel quieken aus der Holzkiste, anstatt einen Abnehmer zu finden.

15 Millionen Schweine wurden 1989 in Rumänien noch geschlachtet. Heute sind es vier Millionen. In den Supermarktregalen finden sich Koteletts aus Deutschland und Hackfleisch aus Frankreich, weniger als die Hälfte des Schweinefleisches wurde aus rumänischen Sauen geschnitten. 230 000 Tonnen Schweine und Schweinefleisch werden jährlich importiert. «Wie sollen wir da überleben?», fragt Sándor Berecki zornig.

2016 hat die rumänische Regierung versucht, rumänische Produkte in die Supermärkte zu zwingen. Mindestens 51 Prozent der Lebensmittel in den Regalen sollten demnach aus Rumänien stammen. Das Gesetz scheiterte an der EU – sie sah den Binnenmarkt ausser Kraft gesetzt – und an der Realität: Die rumänische Landwirtschaft hätte die Importware nicht ersetzen können. Nun versucht sich die Führung in Bukarest an Freiwilligkeit: Gerade hat sie eine Kampagne für Schafsfleisch lanciert.

Traian Banea wird weitermachen. So oder so. Er nimmt die Wollmütze vom Kopf, wischt mit dem Oberarm den Schweiss von der Stirn. Er blickt über seine Herde. Sie macht ihm Arbeit. Sie bringt ihm kaum Geld. Aber «ohne Tiere», sagt der Kleinbauer, «geht es nicht».


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