Kopf des Tages

Vom Tito-Kommunisten zum Oligarchen

MONTENEGRO ⋅ Vor zwei Jahren kündigte er seinen Rückzug aus der Politik an. Nun hat Milo Djukanovic erwartungsgemäss die Präsidentenwahl gewonnen.
17. April 2018, 05:02

Mit seinen 56 Jahren ist Djukanovic ein Politveteran. Seit 1991 lenkt er die Geschicke der kleinen Bergrepublik an der Südadria mit gerade einmal 640000 Einwohnern. Präsident war er schon einmal zur Jahrtausendwende, Premier­minister mehrfach. Auch ohne Staatsamt zog er stets die Strippen im Hintergrund. Sein grösster Förderer war der Belgrader Kriegspräsident Slobodan Milosevic, der den damals 29-Jährigen zum Marionettenpremier der kleinen Bruderrepublik machte. Milosevic war längst tot, als Djukanovic 2006 Montenegro von Restjugoslawien loslöste und zur selbstständigen Republik erklärte.

Ob die Montenegriner ihn nicht loswerden können oder wollen, ist nicht klar. Das Land ist tief gespalten. Am Sonntag gewann Milo Djukanovic die Präsidentenwahl erwartungsgemäss mit 54 Prozent der Stimmen. Sein stärkster Rivale, der prorussische Kandidat Mladen Bojanic, kam auf 33 Prozent. Djukanovics simple Strategie «Ich oder das Chaos» geht immer wieder auf. Auch bei dieser Wahl setzte der Zwei-Meter-Mann instinktsicher auf den Wunsch der Montenegriner nach innerer Beständigkeit und äusserer Sicherheit. «Brüssel oder Moskau» lautete verkürzt die Botschaft, und die Wähler votierten mehrheitlich für den proeuropäischen Kurs ihres «Milo», wie sie ihn nennen. «Ein historischer Sieg», strahlte er. Der EU-Beitritt, sein erklärtes Fernziel, lässt allerdings noch auf sich warten, bis 2025, weshalb auch weiterhin mit seinem Rückzug nicht zu rechnen ist.

Den Nato-Beitritt im letzten Jahr hatte Djukanovic gegen massiven Widerstand der prorussischen Opposition durchgesetzt. Auch Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der von einer «feindlichen Provokation» sprach, liessen den Zwergstaatfürsten unbeeindruckt. Putin hatte Montenegro als militärischen Stützpunkt an der Adria im Auge. Djukanovic behauptet, vom Kreml gedungene serbische Söldner hätten ihn vor zwei Jahren bei einem blutigen Putsch stürzen wollen. Moskau dementierte. Doch bleiben die Hintergründe bis heute im Dunkeln, einige Rädelsführer stehen vor Gericht.

Ein Demokrat war der Chef der Demokratischen Sozialistischen Partei (DPS) nie. Djukanovic, als Sohn eines Richters in Nikšic, der zweitgrössten Stadt Montenegros, aufgewachsen, wandelte sich vom Tito-Kommunisten zum steinreichen Staatsoligarchen. Die Opposition, auch nicht mit viel mehr Demokratiebewusstsein ausgestattet, bezichtigt ihn der engen Verknüpfung des Staates mit der organisierten Kriminalität. Schüsselpositionen hat er mit Familienangehörigen und engen Verwandten besetzt. So kontrolliert sein Bruder die Banken, seine Schwester ist oberste Staatsanwältin.

EU und Nato drücken beide Augen zu, solange Djukanovic als westlicher Verbündeter gegen den geostrategischen Einfluss Russlands auf dem Balkan gilt. Von Italiens Justiz angestrengte Ermittlungen gegen ihn wegen Zigaretten- und Drogenschmuggels zerschellten an seiner politischen Immunität. Auch das ist ein Grund, warum es Djukanovic so schwer fällt, sich aus der Politik zurückzuziehen.

Rudolf Gruber, Wien


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