Von Freund und Feind beschenkt

PUTINS GEBURTSTAG ⋅ Wladimir Putin wird heute 65. Aber dies interessiert ihn weniger als die im März anstehenden Präsidentschaftswahlen.
07. Oktober 2017, 09:31

Putin selbst gibt sich mal wieder asketisch. Auf die Frage, wie er seinen Geburtstag begehen wolle, liess sein Pressesprecher durchblicken, es werde wohl kaum gefeiert. «Arbeitsmassnahmen sind nicht ausgeschlossen.»

Heute wird Wladimir Putin 65 Jahre alt. Russland gratuliert eifrig. Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow veranstaltet in Grosny ein Fussballspiel. Im Moskauer Haus der Poeten eröffnet eine Ausstellung mit Internet-Trends, die Putin hervorgerufen hat. Er ist schliesslich Kult in Russland.

Strassenopposition verdirbt Putin die Laune

Aber vor allem hagelt es politische Geschenke, von Freund und Feind. Der selbsterklärte demokratische Präsidentschaftskandidat Alexei Nawalny, gerade wieder zu einem 20-Tage-Arrest verdonnert, rief seine Anhänger auf, Putin mit Massenprotesten zu gratulieren. Und nach Hausdurchsuchungen bei Aktivisten der Oppositionsbewegung Offenes Russland, twitterte deren Führer Michail Chodorkowski erbost aus dem Londoner Exil: «Festvorbereitungen für Putins Jubiläum.» Oppositionelle Experten halten die Repressalien für Routine. «Das Regime benötigt inzwischen ein bestimmtes Niveau von Gewaltmassnahmen, um seine Macht zu sichern», erklärt Politologe Juri Korgonjuk. Nawalny mit seinen Demos verdriesse Putin, nicht weil er ihm den Geburtstag verderbe. Sondern weil er vor den Präsidentschaftswahlen im März die schon tot geglaubte Strassenopposition wieder auf die Beine gebracht habe. Niemand in Russland zweifelt, dass Putin seine Wiederwahl erwartet. Auch wenn er 65 Jahre alt ist. Und Russlands Männer mit 60 Jahren in Rente gehen. Aber Putin gilt als topfit – körperlich wie geistig – nur sein Weltbild scheint langsam zu verknöchern.

Auch Putins Apparat hat Geschenke: Im September brachte ein Kremlbeamter gegenüber Medien Xenia Sobtschak als Putins «ideale Gegenkandidatin» ins Rennen. Die 35-jährige TV-Moderatorin profilierte sich als eine der Führerinnen der liberalen Strassenproteste 2012. Andererseits ist sie die Tochter des Ex-Bürgermeisters von Sankt Petersburg, Anatoli Sobtschak, dem Putin bis in dessen Tod treu diente. Keine wirkliche Feindin, eher eine Sparringspartnerin. Ein weiteres Geschenk wird im Dezember erwartet, von der Zentralen Wahlkommission: Es gilt als wahrscheinlich, dass sie Nawalnys Kandidatur ablehnen wird. Wenn schon nicht Putins Geburtstag, so soll doch seine Wiederwahl gemütlich werden.

Stefan Scholl, Moskau


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