Was der Jura mit Katalonien zu tun hat

ABSPALTUNG ⋅
12. Oktober 2017, 04:39

So lautete der Tenor diesen Sommer, als die letzten Abstimmungen auf Kommunalebene über die Kantonszugehörigkeit mehrerer bernjurassischer Gemeinden über die Bühne gingen.

Doch im Jurakonflikt ging es «nur» um die Abspaltung von einem Kanton, nicht wie im Falle Kataloniens von einem Nationalstaat. Und: Ganz so friedlich lief der Loslösungsprozess des Jura nicht ab. In den 1960er-Jahren lag der Hauch eines Bürgerkriegs in der Luft. Die militante Front de libération jurassien verübte zwischen 1962 und 1964 Anschläge auf Einrichtungen des Kantons Bern und des Bundes. Der Jurakonflikt erreichte eine neue Eskalationsstufe.

Die Jurafrage indes waberte schon seit dem 19. Jahrhundert. Die mehrheitlich katholischen und französischsprachigen Jurassier fühlten sich im protestantischen und mehrheitlich deutschsprachigen Kanton Bern marginalisiert. 1947 brachte die Affäre Moeckli das Fass zum Überlaufen. Das Berner Parlament verweigerte dem jurassischen Regierungsrat Georges Moeckli das Baudepartement mit der Begründung, dieser sei zu frankophon. Daraufhin organisierten sich die Separatisten politisch, die Rassemblement jurassien (RJ) formierte sich. Die RJ lancierte eine kantonale Initiative, die zum Ziel hatte, die Einstellung der Jurassier zur Gründung eines eigenen Kantons zu erfahren. Ausserhalb des Juras wurde die Initiative 1959 klar verworfen. Im Jura selber stimmten ihr 52 Prozent zu.

Langwieriges Verfahren

Doch erst 1967 erklärte sich der Kanton Bern bereit, die Verfassung zu ändern und somit den jurassischen Bezirken einzuräumen, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen. Das Berner Stimmvolk stimmte dem 1970 zu. Das von einer eidgenössischen «Kommission der guten Dienste» angeregte Verfahren sah drei Abstimmungen vor: Zuerst im gesamten Jura über die Frage, ob es überhaupt eine Loslösung geben sollte, dann in den Amtsbezirken, in denen die Trennung abgelehnt worden war und schliesslich in den Gemeinden, die an den Grenzen zwischen den ablehnenden und den befürwortenden Amtsbezirken lagen. Die erste, alles entscheidende Abstimmung gewannen die Separatisten 1974 knapp. Bei der zweiten Abstimmung entschieden sich die Südjurassier für den Verbleib im Kanton Bern und in der dritten Abstimmung von 1975 wurden die neuen Kantonsgrenzen festgelegt. 1978 stimmte die Schweizer Bevölkerung zu, der neue Kanton Jura war geboren. Doch erst in diesem Sommer entschieden einzelne südjurassische Gemeinden endgültig über ihre Kantonszugehörigkeit. Der Bund und die Kantone Bern und Jura erklärten die Jurafrage damit definitiv für beantwortet.

Was kann daraus für Katalonien gelernt werden? Sicher einmal, dass ein demokratischer Loslösungsprozess sehr langwierig ist und viel Geduld voraussetzt. Seit der ersten Abstimmung 1959 sind fast 60 Jahre vergangen. Und noch wichtiger: Mit dem Bund gab es einen legitimen Vermittler zwischen den Streitparteien. Nur so gelang es, einen von beiden Seiten anerkannten politischen Prozess in Gang zu setzen, was Voraussetzung für eine friedliche Sezession ist. Katalonien fehlt dieser übergeordnete Vermittler – eine Rolle, die am ehesten die Europäische Union übernehmen könnte.

Dominik Weingartner

 

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