Wasserumverteilung im ganz grossen Stil – und hoch umstritten

INDIEN ⋅ Einerseits Überschwemmungen, andererseits Dürre: Um Regenwasser künftig besser zu verteilen, will Indien 60 seiner grössten Flüsse miteinander verbinden. Umweltschützer laufen Sturm.
12. September 2017, 07:25

Ulrike Putz, Singapur

Metropolen, deren Strassen zu reissenden Flüssen werden, versunkene Äcker, auf denen bis zum Horizont die nächste Ernte baden geht: Wenn es nach dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi geht, werden solche Szenarien in seinem Land bald der Vergangenheit angehören. Angesichts der verheerenden Schäden, die der diesjährige Monsun in Indien und seinen Nachbarländern angerichtet hat, hat Neu-Delhi beschlossen, den Unwägbarkeiten des Wetters seinen Schrecken zu nehmen.

Im Rahmen des so genannten River Linking Project sollen bis zu 60 der grössten indischen Flüsse miteinander verbunden werden, darunter der Ganges. Ziel ist, Regenwasser auf dem sowohl von Überschwemmungen als auch Dürren geplagten Subkontinent immer dahin zu leiten, wo es gerade benötigt wird. Gleichzeitig sollen Dämme und Wasserkraftwerke grosse Mengen des in Indien händeringend benötigten Stroms produzieren.

15000 Kilometer neue Wasserstrassen

Erreicht werden soll all dies mit Baumassnahmen gigantomanischen Ausmasses: Fast 15 000 Kilometer neue Wasserstrassen und 30 Kanäle sollen künftig bis zu 175 Billionen Liter Wasser pro Jahr umverteilen, teilte die zuständige Behörde für Wasserentwicklung (NWDA) mit. Das entspricht der vierfachen Wassermenge des Bodensees. 3000 teils riesige Staudämme sollen überschüssiges Wasser aus der Regenzeit bis zur nächsten Trockenperiode speichern. An den Dämmen sollen laut Plan 34 Gigawatt Strom produziert werden. Die Gesamtkosten werden mit umgerechnet 87 Milliarden Franken veranschlagt.

Die Idee, Indiens Flüsse zu verbinden und so den Wasserüberfluss und -mangel auszugleichen, kam schon kurz nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 auf. Dass jetzt Bewegung in die Sache kommt, liegt an dem ungewöhnlich starken Regen, der dieses Jahr weite Teile Südasiens unter Wasser setzte. Ein Drittel der Landfläche Nepals und Bangladeschs waren zeitweise überflutet, auch Mumbai soff vorübergehend ab. Über 1400 Menschen starben in Indien und den angrenzenden Staaten.

Angesichts dieser Katastrophe um positive Schlagzeilen bemüht, besann sich Premierminister Modi der alten Pläne, erteilte Sondergenehmigungen und setzte den Baubeginn für den ersten Bauabschnitt für Dezember an: Zum Auftakt des auf Jahrzehnte angelegten Unternehmens sollen die durch die Bundesstaaten Uttar Pradesh und Madhya Pradesh fliessenden Flüsse Ken und Betwa durch einen 22 Kilometer lange Kanal verbunden werden.

500000 Menschen müssen weichen

Doch schon zeichnet sich politischer Ärger ab: Wasser ist in Indien Sache der Bundesstaaten, ein Wirtschafts- und somit Machtfaktor, der nur äusserst ungern geteilt wird. Zwischen den von der Ken-Betwa-Zusammenlegung betroffenen Bundesstaaten ist bereits heftiger Streit entbrannt, wer künftig wie viel Wasser abbekommt.

Nicht nur die Politik ringt mit dem Grossprojekt: Grosse Teile der Wissenschaftselite Indiens läuft gegen das Projekt Sturm. Die einen bemängeln Details wie die Tatsache, dass bei der nun anstehenden ersten Verbindung Waldflächen in einem berühmten Tigerreservat gerodet werden sollen. Nicht nur der Lebensraum der Grosskatzen werde zerstört, auch indigene Völker, die in Indiens Urwäldern leben, seien in Gefahr, warnen Aktivisten. Bis zu 500000 Menschen werden für die Staudammbauten umgesiedelt werden müssen.

Andere stellen den wissenschaftlichen Ansatz des Projekts in Frage. «Flüsse sind keine blossen Pipelines, die Wasser von A nach B transportieren», sagt Himan­shu Thakkar, Ingenieur vom Südasiatischen Netzwerk für Dämme, Flüsse und Menschen. Die Pläne liessen völlig ausser Acht, dass Flüsse fein austarierte Ökosysteme seien, die durch jeden Eingriff aus dem Gleichgewicht gerieten. Indien lebe im Übrigen gar nicht von Fluss- sondern von seinem Grundwasser, sagt Thakkar. Etwa zwei Drittel der Anbauflächen würden mit Grundwasser bewässert. Es sei, so Thakkar, viel sinnvoller, Wasserreserven im Boden aufzufüllen als Flüsse umzuleiten.


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