Weitermachen mangels Alternativen

GROSSBRITANNIEN ⋅ Die britischen Konservativen diskutieren über die Führungsfrage. Doch den aktuellen Putschversuchen fehlen geeignete Anhänger, die der angeschlagenen Premierministerin Theresa May gefährlich werden könnten.
07. Oktober 2017, 05:00

Soll sie bleiben oder gehen? Wenn die Abgeordneten der konservativen Parlamentsfraktion an diesem Wochenende mit Parteiaktivisten und den Bürgern in ihren Wahlkreisen zusammentreffen, dürfte diese Frage viele Gespräche bestimmen.

Die Rede ist von Premierministerin Theresa May, deren katastrophaler Parteitagsauftritt diese Woche eine Reihe von Rebellen auf den Plan rief. Die Herausgeforderte selbst gibt sich ­gelassen: Sie werde «mit voller Unterstützung des Kabinetts» weiterhin dem Land «ruhige Führung» angedeihen lassen.

«Verbitterte frühere Regierungsmitglieder»

An ihrer Rede zum Abschluss des Parteitags in Manchester übergab May ein Komödiant ein Kündigungsformular und behauptete, er tue dies im Namen von Aussenminister Boris Johnson. Der ­Brexit-Vorkämpfer hatte zuletzt immer wieder seine eigenen Ambitionen auf den Chefposten erkennen lassen. Genau dieser allzu nackte Ehrgeiz scheint nun viele Abgeordnete zu schrecken. Ausdrücklich mochte sich kein May-Kritiker dazu bekennen, er oder sie traue Johnson das höchste Regierungsamt zu. Andere als Nachfolger gehandelte Minister wie Amber Rudd (Innen) oder Philip Hammond (Finanzen) beteuern öffentlich ihre Loyalität; zudem befürworten sie einen möglichst weichen Brexit, sind deshalb dem EU-feindlichen Parteivolk kaum vermittelbar. Für May spricht ausserdem die Tatsache, dass alle ihre Kritiker, die sich aus der Deckung wagten, zu einer Gruppe zählen, die von Wirtschaftsstaatssekretärin Margot James als «verbitterte frühere ­Regierungsmitglieder» abqualifiziert wurden. Der einstige Generalsekretär von Ex-Premier ­David Cameron, Grant Shapps, wurde am Donnerstag als Organisator eines möglichen Putsches geoutet. Eigenen Angaben zufolge hat Shapps rund 30 Abgeordnete um sich geschart. Für eine Herausforderung wären aber nach Parteiregeln 48 Unterschriften nötig, erst dann müsste May der Fraktion die Vertrauensfrage stellen.

May gibt sich unverdrossen

Danach sieht es nicht aus. Empörte Kollegen wie Ex-Parlamentsvorsteher Nigel Evans rieten dem Kritiker, er solle «den Mund halten». May selbst gab sich unverdrossen. Nächste Woche werde sie eine Regierungserklärung zur Brexit-Politik abgeben. Ihre Florentiner Rede habe «eine neue Dynamik» in ­ die Brüsseler Verhandlungen gebracht, die am Montag mit einer neuen Runde weitergehen sollen. Demonstrativ setzt sie also auf «business as usual». Ob der Bluff gelingt? Am Montag kehrt das Parlament aus den Parteitagsferien zurück. Bis dahin bleibt den Verschwörern noch Zeit, Unentschlossene um sich zu scharen. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass May mangels Alternativen weitermachen darf.

Sebastian Borger, London


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