Wenn Iren nicht mit Iren fiebern

WM-BARRAGE ⋅ Die Geschichte des nordirischen Fussballs ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Der Konflikt entlang der Konfessionen flackert immer wieder auf.
09. November 2017, 07:27

Dietrich Schulze-Marmeling

Gleich mit zwei Mannschaften war die irische Insel bei der EM 2016 in Frankreich vertreten. Sowohl Nordirland als auch die Republik Irland konnten sich für die Endrunde qualifizieren. Im Norden der Insel fieberte eine grosse Mehrheit der katholischen Fussballfans aber nicht mit dem eigenen Team, sondern mit dem der Republik. Wenn nun heute Abend der Norden in der WM-Barrage gegen die Schweiz und der Süden gegen Dänemark um ­einen Platz bei der WM in Russland kämpft, wird dies nicht anders sein. Die nordirische Auswahl ist den meisten Katholiken «zu protestantisch» und «zu unionistisch». Beispiel gefällig? Als der Autor im Oktober anlässlich des Länderspiels gegen Deutschland in Belfast weilte, gab man ihm im katholischen Westen der Stadt auf den Weg: «Macht sie fertig – so wie 2014 die Brasilianer!»

Die Nordiren können zurzeit an die Jahre 1980 bis 1986 anknüpfen, es war die erfolgreichste Zeit der nordirischen Auswahl. Trainer des Teams war Billy Bingham. Aufgewachsen in einem protestantischen Arbeiterviertel East Belfasts, hatte Bingham als Jugendlicher mit Steinen nach Altersgenossen aus dem katholischen Nachbarviertel geschmissen. Sein Kapitän war Martin O’Neill, der erste Katholik, der die Binde tragen durfte. Das Team war mehrheitlich protestantisch, aber einige der Leistungsträger – neben O’Neill noch Gerry Armstrong, Mal Donaghy und die Torwartlegende Pat Jennings – waren Katholiken.

Nach dem anglo-irischen Abkommen von 1985 wurde die Stimmung bei den Heimspielen der nordirischen Elf zusehends sektiererischer und deren Belfaster Spielstätte, der Windsor Park, zu einer «no go area» für Katholiken. Windsor Park liegt in einem ehemaligen protestantischen Arbeiterviertel. Martialische Wandbilder loyalistischer ­Paramilitärs bedeuten Katholiken, dass sie hier nichts zu suchen haben. Das ­Stadion ist auch Spielstätte des Linfield FC, einer Belfaster Version der Glasgow Rangers. Während in vielen anderen Sportarten – ungeachtet der staatlichen Teilung – gesamtirische Verbände und Mannschaften existieren, ist dies im Fussball nicht der Fall. In Zeiten, in denen die Auflösung des «Protestant State for Protestant People» begann, diente Nordirlands Nationalmannschaft vielen Loyalisten als Mittel der Abgrenzung vom «katholischen» Süden und als (letztes) Symbol nordirischer Eigenständigkeit.

Nahezu zeitgleich erfuhr das fussballerische Kräfteverhältnis zwischen Nord und Süd eine dramatische Veränderung. 1988 konnte sich die Nationalmannschaft der Republik Irland mit der EM in Deutschland erstmals für ein grosses internationales Turnier quali­fizieren. Bis dahin hatte sie im Schatten des nordirischen Teams gestanden. Der Aufstieg der Republik hatte zur Folge, dass Nordirlands Katholiken nun über eine Alternative verfügten, mit der sie zugleich ihre nationalistischen Aspi­rationen verbinden konnten. 1998 ­beendete das sogenannte Karfreitags-­Abkommen den Bürgerkrieg in Nord­irland. Obwohl die Waffen nun weitgehend schwiegen und trotz einer lagerübergreifenden Regierung aus Republikanern und Unionisten: Im Fussball ändert sich zunächst nichts. Im Belfaster Windsor Park gaben unver­ändert die Hardcore-Loyalisten den Ton an.

Nach der Jahrtausendwende sorgte der «Fall Lennon» für Schlagzeilen. Neil Lennon stammte aus einem katholisch-republikanischen Viertel in Lurgan. 2001 bestritt er im Windsor Park gegen Norwegen sein erstes Länderspiel nach ­seinem Wechsel von Leicester City zu Celtic Glasgow. Celtic-Spieler im Nationaltrikot waren den Loyalisten schon immer ein Dorn im Auge. Jedenfalls sofern sie Katholiken waren. Bereits beim Einlaufen prasselten von den Rängen anti­katholische Schmähungen auf Lennon nieder. Zur Halbzeit nahm ihn Trainer Sammy McIlroy Lennon aus dem Spiel.

Im August 2002 erhielt Lennon vor dem Länderspiel gegen Zypern, bei dem er das nordirische Team als Kapitän auf den Rasen des Windsor Parks führen sollte, eine Morddrohung loyalistischer Paramilitärs. Lennon verzichtete auf ­einen Einsatz und erklärte seinen Rücktritt aus dem Nationalteam. Der «Fall Lennon» ging durch die Weltpresse und war ein schwerer Imageschaden für die Irish Football Association (IFA), der vorgehalten wurde, sie sei eine protestantische Institution und würde nichts gegen die antikatholische Stimmung tun.

Die Entfremdung zwischen der nordirischen Nationalelf und den nordirischen Katholiken befand sich nun auf ihrem Höhepunkt. Und hatte ein Ausmass angenommen, das für die weitere fussballerische Entwicklung der Provinz extrem kontraproduktiv war. Das Sektierertum behinderte die sportliche Entwicklung, indem es das durch die geringe Bevöl­kerung Nordirlands ohnehin begrenzte Reservoir, aus dem der Verband seine Auswahlteams rekrutieren konnte, weiter reduzierte. Denn nach den katholischen Fans zeigten auch immer mehr junge katholische Spieler der Auswahl die kalte Schulter und optierten für das Team der Republik.

Nicht nur die Spieler, auch die Zuschauer blieben weg. Viele protestantische Mittelschichtler fühlten sich ab­gestossen. Neue Zuschauerschichten liessen sich in dieser Atmosphäre nicht erschliessen. Schliesslich wurde die IFA endlich aktiv und entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einer Speerspitze im Kampf um ein stärkeres Miteinander in der nordirischen Gesellschaft.

Katholischer Nationaltrainer als Zeichen

2012 wurde mit Michael O’Neill erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder ein Katholik Trainer der nordirischen Fussballer. Seine Ernennung wurde als Versuch interpretiert, die katholische Minderheit mit der Nationalmannschaft zu versöhnen und der demografischen und politischen Entwicklung Rechnung zu tragen. Denn Katholiken stellen heute rund 45 Prozent der Bevölkerung – und ihr Anteil wächst weiter. O’Neill wird nicht müde zu betonen: «Wir haben ein gemischtes Kader. Das heutige Nordirland ist ein anderes Land als das, in dem ich aufgewachsen bin.»

Tatsächlich ist sein Team zu mindestens 75 Prozent protestantisch. Wer als Katholik ausreichend gut ist, um für die Republik zu kicken, der tut dies auch. Vor dem EM-Turnier 2012 entschied sich der aus Derry stammende nordirische Katholik James McClean für eine Nationalspielerkarriere mit dem Süden. Angesichts der Union-Jack-Fahnen und der Gesänge im Windsor Park, so erklärte er, könnten sich nordirische Katholiken in der Auswahl des Nordens nicht wohlfühlen. Anschliessend gingen auf McCleans Twitter-Account Beschimpfungen und Morddrohungen ein. Im Juniorenalter hatte McClean noch für Nordirland gespielt, war also auf Kosten des nordirischen Verbands ausgebildet worden.

Obwohl sich die Stimmung im Windsor Park zum Positiven verändert hat: Bei den Heimspielen sind nur etwa 5 Prozent von ihnen Katholiken. Die Lage des Stadions bleibt weiterhin ein Problem. Und die Entscheidung vieler nordirischer Katholiken für die Nationalmannschaft der Republik ist wohl nicht mehr umkehrbar. Am Abend des Spiels gegen Deutschland blieben in den Pubs des katholischen Westen von Belfast die Fernsehgeräte ausgeschaltet. Einen Abend später spielte die Republik gegen Moldawien – und die Geräte liefen.

Hinweis zum Autor

Dietrich Schulze-Marmeling lebte mehrere Jahre als Journalist in Nordirland. Er hat mehrere Fussballbücher verfasst. Aktuell schreibt er ein weiteres über den Fussballclub Celtic Glasgow.


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