Wie kam Kim an die Raketen?

KOREA-KRISE ⋅ Die Vereinten Nationen haben die schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Dennoch entwickelt Pjöngjang unbeirrt sein Atomwaffenprogramm weiter. Doch woher hat das Regime die Technik?
11. September 2017, 04:39

Felix Lee, Peking

Wie ein kleiner Junge, der gerade beim Computerspielen einen Treffer gelandet hat, hüpft Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un vor Freude auf und ab. Vor einer Woche war das. Nordkorea ist soeben der sechste Nukleartest gelungen. Umringt ist er von einer Gruppe älterer Herren, allesamt in dunklen Anzügen und mit Brillen auf der Nase. Sie blicken auf einen Bildschirm und klatschen.

Diese Szene mit den Wissenschaftlern wird in diesen Tagen im nordkoreanischen Staatsfernsehen laufend wiederholt. Anders als etwa vor einem Jahr hat Diktator Kim den diesjährigen Nationalfeiertag, den er am Samstag beging, nicht einem weiteren Raketentest gewidmet, wie befürchtet, sondern den Technikern, die diese Tests ermöglicht haben. Als «Glücksfall für die nationale Geschichte», bezeichnete Kim sie.

Die Vereinten Nationen behaupten, dass sie nach insgesamt sieben Verschärfungen die inzwischen «strikteste gezielte Sanktionspolitik» betreibe, die sie in ihrer Geschichte je gegen ein Land verhängt haben. Für heute steht auf Antrag der USA eine weitere Abstimmung im UN-Sicherheitsrat an, die unter anderem auch ein Ölembargo gegen Nordkorea vorsieht. Dennoch ist es dem Regime in Pjöngjang in den letzten Jahren gelungen, sechs Atombomben zu testen, zudem mehrere Dutzend Raketen, allein 14 seit Jahresbeginn, von denen es sich in zwei Fällen um die Abschüsse von Interkontinental-Raketen handelt. Sie könnten das US-Festland treffen.

Hilfe aus dem Westen

Wie passt das zusammen? Wie ist es diesem weltweit so isolierten Regime trotz der Sanktionen dennoch gelungen, innerhalb eines Jahrzehnts sein eigenes Atomwaffenprogramm aufzubauen?

Die Entwicklung einer eigenen Atomtechnologie dürfte für das nordkoreanische Regime das geringere Problem gewesen sein. Dies geschah sogar zum Teil mit westlicher Hilfe. In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre hatten sich die USA und Nordkorea auf den Verbleib Pjöngjangs im Atomwaffensperrvertrag geeinigt. Im Gegenzug würden die USA Nordkorea bei der Umrüstung seiner Kraftwerke zu Leichtwasserreaktoren helfen. Dazu ist es zwar nie gekommen. Erste Pläne waren aber ausgetauscht.

2005 gab Nordkorea offiziell bekannt, über einsetzbare Kernwaffen zu verfügen. Kurz zuvor hatte der Chefentwickler des pakistanischen Atomwaffenprogramms, Abdur Kadir Khan zugegeben, entsprechende Pläne an Nordkorea verkauft zu haben. Khan, den Pakistan bis dahin wie einen Volkshelden feierte, wurde daraufhin in Islamabad unter Hausarrest gestellt. 2013 hat Nordkorea den Atomkomplex von Yongbyon mit seinem Fünf-Megawatt-Reaktor wieder in Betrieb genommen. Yongbyon gilt seitdem als Nordkoreas Hauptquelle bei der Herstellung waffenfähigen Plutoniums.

Sehr viel schwieriger erweist sich für Nordkorea die Entwicklung von Raketen. Um wirklich die USA abzuschrecken, müssen sie nicht nur eine grosse Reichweite hinlegen können, sondern auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Die ersten sogenannten ballistischen Raketen hatte noch Kim Jong Uns Vorgänger und Vater abschiessen lassen. Sie fielen allesamt unkontrolliert ins Meer. Südkoreanische Experten hatten sie analysiert und festgestellt, dass es sich dabei vorwiegend um Scud-Raketen aus sowjetischen Beständen handelte.

Anfang Juli dieses Jahres vermeldete das nordkoreanische Staatsfernsehen erstmals den Test einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14. Experten schätzen, dass die Rakete eine potenzielle Reichweite von 6700 Kilometern hat. Zum bislang letzten nordkoreanischen Test am 28. Juli verkündete Pjöngjang, die verwendete Rakete könne mit einer theoretischen Reichweite von 10 000 Kilometern das «gesamte US-Festland» erreichen.

Spur in die Ukraine

Wie Nordkorea an diese Technik gelangt ist, wird nun weltweit eifrig untersucht. Die USA hatten erst China im Verdacht. Doch das ist nicht erwiesen. Eine Spur führt in die Ukraine. Anfang August berichtete die «New York Times» über mögliche Lieferungen von Triebwerken aus der ehemals sowjetischen Raketenfabrik in der ukrainischen Stadt Dnipro. Der Artikel nannte explizit den Staatskonzern «Juschmasch». Doch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko dementierte. Sein Sicherheitsratschef sprach gar von einer gezielten «antiukrainischen Kampagne», die von russischen Geheimdiensten lanciert sei, um von eigenen Verbrechen abzulenken.

China begrüsst Schweizer Angebot

Vermittlung Nordkorea hat auf das Vermittlungsangebot der Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard noch nicht reagiert. Aber zumindest ein wichtiger Akteur in dem gefährlichen Konflikt schon: China. Sein Land «begrüsst und ermutigt alle Ideen und Anregungen, die die Spannungen und Konflikte lindern und zu einer Lösung der Atomfrage auf der koreanischen Halbinsel beitragen», sagte der Sprecher des chinesischen Aussenministeriums Geng Shuang letzte Woche. 
Geng betonte zugleich, die nukleare Frage der koreanischen Halbinsel müsse durch Dialog und friedliche Verhandlungen gelöst werden. «Wir hoffen, dass die betroffenen Parteien in der Lage sein werden, Ruhe zu bewahren und den Stimmen der Vernunft zu folgen.» Militärische Aktionen seien keine Option. 

Leuthard hatte vergangene Woche vorgeschlagen, dass die neutrale Schweiz Schauplatz für Gespräche werden könnte. «Wir sind bereit, unsere Rolle als Vermittler anzubieten», sagte Leuthard. Es sei «nun wirklich Zeit, sich an den Tisch zu setzen». 

Das Engagement der Schweiz im Korea-Konflikt hat Tradition. Seit dem Ende des Korea-Kriegs vor über 60 Jahren sind an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea Schweizer Truppen im Einsatz. Sie überwachen den Waffenstillstand zwischen den beiden verfeindeten Staaten. (flp)


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