Ex-Terrorist Karl-Heinz Dellwo: «Wir haben uns selber delegitimiert»

DEUTSCHLAND ⋅ Vor 40 Jahren erschütterte eine Serie von Anschlägen der RAF das Land. Seit 2011 sind alle ehemaligen RAF-Mitglieder wieder frei. Nur wenige von ihnen reden über ihre Zeit in der Terrororganisation. Karl-Heinz Dellwo ist einer von ihnen.
11. September 2017, 04:39

Christoph Reichmuth, Hamburg

Als die Frage aufkommt, ob er Reue verspüre, erhebt sich die Stimme von Karl-Heinz Dellwo. «Die Frage nach Reue ist nichts als ein Abfragen. Reue bedeutet: Sag doch einfach, du hast in richtigen Verhältnissen etwas falsch gemacht. Diese Reue», fügt Dellwo hinzu, «habe ich nicht.»

Der 65-Jährige sitzt in seiner Küche in seiner Hamburger Genossenschaftswohnung. Ein Mann mit selbstbewusstem Blick, freundlich, aber distanziert. Dellwo wird in diesen Tagen, 40 Jahre nach dem Deutschen Herbst, oft gefragt, ob er seine Geschichte, die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF), erzählen könne. Dellwo war dabei, als das «Kommando Holger Meins» im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm besetzt und 12 Geiseln festgehalten hatte. Zwei Diplomaten wurden damals von den Linksterroristen getötet, der Militärattaché Andreas von Mirbach mit fünf Schüssen niedergestreckt, Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart am offenen Fenster exekutiert. Wer geschossen hat von den sechs RAF-Terroristen, darüber wird bis heute geschwiegen. Das «Kommando Holger Meins» will mit der Aktion die inhaftierten RAF-Mitglieder der ersten Generation, darunter Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, freipressen.

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) geht auf die Forderung nicht ein. Noch acht Wochen zuvor liess sich die Bundesrepublik auf einen Handel mit der linksradikalen Terrorgruppe «Bewegung 2. Juni» ein, nachdem diese den CDU-Politiker Peter Lorenz entführt hatte. Im Tausch mit Lorenz liess Deutschland inhaftierte Gesinnungsgenossen in den Südjemen ausfliegen. Kurz vor Mitternacht an diesem 24. April 1975 in Stockholm erschüttert eine gewaltige Explosion das Botschaftsgebäude. Aus bis heute ungeklärten Gründen fliegt die von den Terroristen präparierte Bombe in die Luft. Zwei RAF-Terroristen sterben bei der Explosion, Dellwo wird verhaftet und nach Deutschland überführt. Er, damals 23 Jahre alt, kassiert zweimal lebenslänglich. 1995 wird er, nach 20 Jahren, vorzeitig aus der Haft entlassen.

Keine Alternative zum Widerstand

Vier Jahrzehnte sind seit dieser Zeit vergangen. Dellwo sagt über die Botschaftsbesetzung: «Wenn es Alternativen gibt zu solchen Schritten, muss man diese ergreifen. Hätte ich damals ein reiferes Bewusstsein gehabt, ich hätte die Stockholm-Aktion mit Sicherheit nicht gemacht.» Dellwo möchte die RAF und ihre Aktionen in den Kontext der damaligen Zeit stellen. Aus seiner Sicht habe es keine Alternative gegeben zum Widerstand gegen die damaligen Verhältnisse in der Nachkriegs-BRD. «Deutschland», sagt Dellwo, «wurde von den Siegermächten nach 1945 eine Demokratie ­geschenkt, vormalige Nazi-Schergen, Verantwortliche für Auschwitz, Tod und Verbrechen, fanden sich in der neuen Gesellschaft auf verantwortungsvollen Posten wieder. Eine Abrechnung nach dem Faschismus hat es für die meisten nie gegeben.»

Bereits in den 1960er-Jahren regte sich in Deutschland dagegen Widerstand in Gestalt von Studentenrevolten, nicht zuletzt auch inspiriert durch die US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen und die Proteste gegen den ­Vietnam-Krieg. Der Staat setzte sich mit Vehemenz dagegen zur Wehr, erinnert sich Dellwo. «Die hysterische Reaktion der Staatsführung begründete sich in der Angst der Eliten, es stehe nun doch noch eine Abrechnung für die Verbrechen in der Nazi-Diktatur an. Deshalb wollte man die Revolten im Keim ersticken und die Opposition vernichten.» Obschon damals, wie Dellwo erzählt, die Proteste bis weit in die Mitte der ­Gesellschaft auf Sympathien stiessen, sei die Studenten- und Protestbewegung nicht in der Lage gewesen, «ihren Widerspruch über sich hinauszuführen, also vom Gegenkulturellen zum Gegengesellschaftlichen zu kommen», sagt Dellwo. Die Bewegung sei gegenüber «der Staatsrepression zerfallen».

«Entweder wir gehen einen Schritt weiter – oder wir gehen zu Grunde»

Der militante Teil ging indes unter anderem in der RAF auf, die sich 1970 gegründet hatte. Dellwo, in einem links-intellektuellen Haushalt sozialisiert, hegte Sympathien für die Idee des bewaffneten Widerstands. Der Tod des RAF-Häftlings Holger Meins im November 1974, der mit einem Hungerstreik gegen die Isolationshaft protestiert und an dessen Folgen mit 33 Jahren gestorben war, nennt Dellwo entscheidend für seinen Schritt in den Untergrund. «Sein Tod war für mich die Stunde der Entscheidung. Wir sagten uns: Entweder wir gehen einen Schritt weiter – oder wir gehen hier zu Grunde.»

Die Ereignisse im Herbst 1977 bezeichnet Dellwo als «Neugründung der Bundesrepublik». «Ich hadere nicht mit dem Scheitern der RAF, ich hadere, wie wir gescheitert sind», sagt Dellwo. Die RAF sei am Ende «in einer gewissen Weise privat geworden». Es ging in ihrem Kampf primär nicht mehr um eine gesellschaftliche Veränderung, sondern um die Herauspressung der politischen Weggefährten aus den Gefängnissen und die Finanzierung des Lebens im Untergrund durch Banküberfälle. Dabei hätte damals, in den 1970er-Jahren, durchaus die Chance bestanden zum gesellschaftlichen Umbruch, ist Dellwo überzeugt. Vor allem die Landshut-Entführung habe aber zu einem Schulterschluss der Bevölkerung mit den Eliten der BRD geführt. Damals seien willkürlich Leute aus der Bevölkerung als mögliche Opfer ausgewählt worden. Der Staat habe die Staatsräson über alles gestellt und dabei den überwiegenden Teil der Bevölkerung auf seine Seite gezogen. Durch die Ereignisse im Deutschen Herbst 1977 seien vormalige Sympathisanten von der RAF abgerückt und ­hätten begonnen, sich der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen. «Elite und Bevölkerung haben zueinander gefunden», räsoniert Dellwo und fügt hinzu: «Wir haben die Machtfrage auch verloren, weil wir uns durch illegitime Handlungen selber delegitimiert haben.»

«Bin froh, dass es die RAF gab»

Aber töten? Dellwo erzählt, er habe in den damaligen Gegnern abstrakte Figuren, Repräsentanten eines verhassten Systems gesehen. «Ohne diese Abstraktion hätten wir die Aktion in der Botschaft nicht durchführen können.» Mit den Opfern in der Botschaft, sagt er, habe er sich auseinandergesetzt. Inwiefern, das lässt er offen. Wenn Dellwo von damals erzählt, tut er das sehr sachlich. Hanns-Martin Schleyer, der im Oktober 1977 ermordete Arbeitgeberpräsident, war ein ehemaliges Mitglied der SS. Jemand mit dieser Vita in einer gehobenen Position, das war für Dellwo unerträglich. «Wäre ich damals frei gewesen, ich hätte bei einer Sache wie der Schleyer-Entführung mitgemacht.»

Kann er seinem Leben, diesen 20 Jahren im Gefängnis, nur noch einen Sinn geben, wenn er seine damalige Extremhaltung nun nicht einfach verwirft? «Ich bin nicht bereit, diesem System gegenüber Reue zu bekunden, und kann trotzdem feststellen, dass wir auch falsch gehandelt haben.» Dellwo spricht über Ungerechtigkeiten in unserer Welt. Über ein System, in dem Menschen ausgebeutet würden, einige wenige Milliarden haben und andere an Hunger und Entbehrung sterben. «Man redet über die Toten, für die wir verantwortlich sind. Aber die Unzahl von Menschen, deren Leben zu Grunde gerichtet wird oder die sogar, wie in diesen Flüchtlingslagern, auf das nackte Leben reduziert werden – das ist dann einfach so?», fragt er einmal. Von seiner Geschichte in der RAF distanziert er sich nicht. «Ich bin trotz aller Fehler froh, dass es sie gab. Es gibt zu wenig Wider­standsgeschichten in der Gesellschaft.»

Dellwo ist heute Geschäftsführer einer kleinen IT-Firma, politisch engagiert er sich über seine Tätigkeit als Verleger. 2009 war er Mitgründer des Laika-Verlags, in dem politische und philosophische Schriften linker Autoren herausgegeben werden. «Es bringt keine grosse Wendung für irgendetwas in dieser Gesellschaft», sagt Dellwo, «aber es hat den Moment einer politischen Sinnhaftigkeit für mich. Es ist ein kleiner Rettungsanker gegen die Tendenz der Verzweiflung.»


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