Wollte die Türkei Gülen entführen?

ANKARA ⋅ Seit über einem Jahr bemüht sich die Türkei vergeblich um die Auslieferung des islamischen Predigers und Erdogan-Erzfeindes Fethullah Gülen. Nun gibt es Hinweise, dass die türkische Regierung dabei auch zu unorthodoxen Mitteln gegriffen haben könnte.
13. November 2017, 07:50

Eine barsche Ansage: «Wir haben den USA gesagt, was zu tun ist und was wir erwarten», erklärte der türkische Minister­präsident Binali Yildirim am ­Wochenende nach seinem Treffen mit US-Vizepräsident Mike Pence in Washington. Yildirim meint den Fall Fethullah Gülen. Seit über einem Jahr bemüht sich die Türkei vergeblich um die Auslieferung des islamischen Predigers, der im Exil in den USA lebt. Staatschef Recep Tayyip Erdogan sieht in seinem einstigen Verbündeten Gülen den Drahtzieher des Putschversuchs vom Juli des Jahres 2016.

Aber verlässt sich die Türkei im Fall Gülen möglicherweise nicht allein auf ihr Auslieferungsgesuch? Das «Wall Street Journal» und der Sender NBC warteten am Wochenende mit einer brisanten Story auf: Türkische Regierungsvertreter sollen im vergangenen Dezember in ­Washington mit dem Trump-Vertrauten Michael Flynn Pläne geschmiedet haben, Gülen von seinem Wohnsitz in Pennsylvania zu entführen und mit einem Privatjet in die Türkei zu bringen. Trump war damals bereits ­gewählter Präsident. Seinem ­designierten Sicherheitsberater Flynn und dessen Sohn hätten die türkischen Vertreter 15 Millionen Dollar für die Gülen-­Entführung angeboten.

Vergiftetes Klima zwischen Türkei und USA

Flynn hatte bereits 2016 von einem türkischen Geschäftsmann mit engen Verbindungen zu Erdogan 500000 Dollar für einen Beratervertrag kassiert. Er verlor seinen Posten als Sicherheitsberater wenige Wochen nach Trumps Amtsübernahme, weil er kompromittierende Russland-Kontakte verschwiegen hatte. Die Medien berufen sich in der Entführungsstory auf Untersuchungen des FBI-Sonderermittlers Robert Mueller. Flynns Anwalt dementiert die Darstellung. Die türkische Botschaft in Washington bezeichnet den Bericht als «falsch, lächerlich und unbegründet». Dass Erdogan bei der Jagd auf seinen Erzfeind auch unorthodoxe Methoden anwendet, wäre aber nicht neu. Ende September bot Erdogan den USA an, den ein Jahr zuvor in der Türkei verhafteten amerikanischen Pastor Andrew Brunson gegen Gülen auszutauschen. «Auch ihr habt einen Pastor», sagte Erdogan in Anspielung auf Gülen. «Gebt ihn heraus, dann werden wir euch den amerikanischen Pastor geben.»

Die Fälle Gülen und Brunson sind nur zwei von vielen Konflikten, die das Klima zwischen beiden Ländern «vergiften», wie der türkische Premier nach dem Gespräch mit Pence sagte. Ungeachtet türkischer Proteste beliefern die USA die syrische Kurdenmiliz YPG weiter mit Waffen. Für ­Washington sind die Kurden ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die IS-Terrormiliz; Ankara hingegen bekämpft die YPG als Ableger der Terrororganisation PKK. Nachdem die Türkei im Oktober einen Mitarbeiter des Istanbuler US-Generalkonsulats wegen angeblicher Gülen-Verbindungen hatte verhaften lassen, stoppte Washington die Visavergabe für türkische Staatsbürger. Vor Yildirims Besuch wurde der Bann zwar etwas gelockert, aber der Streit bleibt ungelöst.

U-Häftling könnte gegen Erdogan aussagen

Nicht nur im State Department gibt es Irritationen. Auch im Senat ist die Stimmung schlecht, seit bei Erdogans Besuch in Washington im Mai dessen Bodyguards friedliche Demonstranten krankenhausreif schlugen. Ein Senatsausschuss blockierte daraufhin eine geplante Lieferung von US-Handfeuerwaffen für Erdogans Leibwache.

Politisch noch explosiver als die angeblichen Entführungspläne um Gülen könnte für Erdogan ein anderer Fall werden. Bei ihrem Gespräch mit Flynn sollen die türkischen Regierungsvertreter auch erörtert haben, wie man Reza Zarrab freibekommen könnte. Der iranisch-türkische Geschäftsmann sitzt seit März 2016 in New York in Untersuchungshaft. Er ist angeklagt, mit dubiosen Gold- und Geldtransfers das Iran-Embargo unterlaufen zu haben. Zarrab ist zugleich eine der Schlüsselfiguren im Ende 2013 aufgekommenen Korruptionsskandal um Erdogans Regierung. Der Prozess gegen ihn soll am 27. November in New York beginnen.

In US-Medien gibt es jetzt ­Berichte, wonach Zarrab in der Hoffnung auf ein mildes Urteil mit den Justizbehörden kooperiert und im Prozess auspacken will – auch über Erdogans Rolle in der Korruptionsaffäre.

 

Gerd Höhler, Athen


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