12 französische Buchautoren für die Ewigkeit

TIPPS DER REDAKTION ⋅ Frankreich ist in diesem Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Bücherliebhaber aus unserer Redaktion erzählen, welche Autorin oder welcher Autor aus der «Grand Nation» sie ihr Leben lang beeindruckt oder geärgert hat.
11. Oktober 2017, 08:00

Mit Ekel gegen den Ekel - von Julia Stephan

Sartre Ich bin während meiner Schullaufbahn doch ein arg vergrübeltes und schlecht gelauntes Teenie gewesen. So mies drauf, wie ich war, standen mir eigentlich nur zwei Wege offen: Teil der Gothic-Szene zu werden oder aber Sartre zu lesen. Ersteres blieb mir aufgrund der Übermacht anderer Subkulturen an unserer Schule leider versagt. Und so war es nur konsequent, dass ich meiner Französischlehrerin vor dreizehn Jahren eröffnete, Sartres ersten Roman «Der Ekel» (1938) für die Maturaprüfung lesen zu wollen. Als die triefige Jacques-Brel-Chansons liebende Frohnatur den Ernst meiner Bücherwahl begriff, warf sie entsetzt die Arme zum Himmel. Der Ekel stand ihr im Gesicht. Wahrscheinlich dachte sie an die gemütlichen Wochenendstunden, um die ich sie mit meiner Bücherwahl gebracht hatte. 

Der Historiker Roquentin, der in einer französischen Kleinstadt vor sich hindämmert und dabei vor sich und der Welt nur Ekel empfindet, hatte damals meine volle Sympathie. Und das, obwohl er ironischerweise wie meine Französischlehrerin einzig beim Hören eines bestimmten Songs seine raren Glücksmomente hatte. 

Sartre hatte mit dem «Ekel» inhaltlich sein existenzialistisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts» (1943) vorweggenommen. Ich war eine nach Orientierung suchende Teenagerseele, die schwer an ihrer eigenen Durchschnittlichkeit zu knabbern hatte. Vor der Freiheit, die sich mir mit Berufswahl und Schulabschluss bot, erfasste mich dasselbe Grausen wie diesen Roquentin. 
Heute sind mir die etwas verspielteren Protagonisten wie die des deutschen Autors Wilhelm Genazino, die wie Roquentin zwar auch mal in die Botanik starren, um die Bedeutungslosigkeit des Daseins zu erfahren, aber sich selbst nicht so ernst dabei nehmen, um einiges sympathischer. Aber dennoch: In unserer sich in so vielen Nebensächlichkeiten verzettelnden Gesellschaft hat dieser Roman fast wieder etwas Kathartisches. 

Im existenzialistischen Schwarz an die Uni gegangen bin ich dann doch nicht. Aber eines hat mir das Buch auf den Weg gegeben: Dass man dem Leben mit dem Erzählen irgendwie beikommen kann. Das hat mich dann auch in meiner Berufswahl nachhaltig beeinflusst.   
Jean-Paul Sartre In Paris, France In 1964 -

Jean-Paul Sartre in Paris (1905-1980)

Virtuose des ewigen Augenblicks - von Bettina Kugler

Proust Gerade lachen sie sich wieder ins Fäustchen: Feuilletonisten und Berufsleser, die gern damit kokettieren, für Marcel Prousts siebenbändigen Mammutroman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» bislang noch keine Zeit gefunden zu haben. Man sollte unbedingt einmal, weil es die intellektuelle Biografie doch sehr veredelt, wie Joyces «Ulysses» ... Dann aber ist dem eiligen Zeitgenossen die nächste Staffel irgendeiner TV-Serie doch wichtiger; darüber lässt sich einfach besser Small Talk machen. Zumal Proust schon zu Lebzeiten dem Erfolg auf die Sprünge helfen musste: mit einer selbstverfassten Lobeshymne auf der Titelseite des «Figaro», für deren

Veröffentlichung er umgerechnet 1000 Euro hinblätterte. Er konnte sich das leisten, hätte es aber nicht nötig gehabt. Ob nun seine wunderbar mäandernden Sätze mit dem Asthma zu tun haben, das ihn plagte, oder ob ein Genie so schreibt, wenn es fast zwanzig Jahre lang im Bett liegt, die Wände mit Kork gegen den Lärm der Welt abgedämmt, um in die Tiefe der Dinge, der Menschen und Erinnerungen zu lauschen: Spielt das eine Rolle? Das Werk Prousts spricht für sich. Nebenbei schrieb er 90000 Briefe, in einem nur 51 Jahre währenden Leben. Grund genug, früh zu Bett zu gehen und spät das Licht zu löschen: mit Prousts gesammelten Werken auf dem Nachttisch. 
Marcel Proust

Marcel Proust (1871-1922)


Eine Ode an die Intelligenz - von Odilia Hiller

Barbéry Wenn ich etwas nicht ertrage, sind es Bücher, die mit Allgemeinplätzen gefüllt sind. Lesen sollte man doch wohl deshalb, weil man sich von interessanteren Gedanken einnehmen lassen will, als man sie selber hat. Dinge sollten so in Buchstaben gegossen sein, dass man denkt: «Genau. Genau so.» In der französischen Literatur passiert mir das besonders oft. Die Sprache kombiniert Rhythmus, Melodie und Inhalt wie keine andere. 

Die französische Autorin Muriel Barbéry, geboren 1969 in Casablanca, hat es geschafft, ein paar Millionen Leser und mich besonders zu berühren. Ich habe in ihrem Buch «Die Eleganz des Igels» (2006) eine Gedankenwelt gefunden, die ich liebe. Furchtbar pessimistisch und zynisch zwar, aber voller Humor – eine Ode an die weibliche Intelligenz. 

«Am Ende dieses Schuljahres, an meinem 13. Geburtstag, werde ich mich umbringen.» Paloma meint es ernst. Das hochbegabte Mädchen ist elendiglich genervt ob all der Dummheit, die sie umgibt. Notabene in ihrer Familie, einer typischen Pariser Oberschichtenkatastrophe. Sie durchschaut das volle Programm des Erwachsenenlebens und die Selbstlügen, die nötig sind, um nicht am Irrsinn der Welt zugrunde zu gehen. Dann aber lernt Paloma Madame Michel kennen. Die Concierge, an der nichts so ist, wie die Dummen denken. Denn Renée Michel hat die Eleganz eines Igels... 
Muriel Barbery

Muriel Barbéry


Die magische Moralistin - von Hansruedi Kugler

Reza Eigentlich passt diese Autorin gar nicht in mein Beuteschema als Leser. Ich mochte immer Autoren, die ihre Figuren in politische Dilemmas stürzen: als Täter, Opfer oder Zuschauer, als Erinnerungsarbeiter, Ankläger oder Melancholiker. Aber wahrscheinlich ist es das vordergründig Unpolitische, das mich bei Yasmina Reza anzieht – weil es mich irritiert. Die Wohlstandsprobleme der europäischen, ökonomisch sorglosen Mittelschicht mit ihren Status-, Ehe- und Identitätszweifeln kann man nämlich leicht verspotten.

Nur hatte ich bei Reza ein Erweckungserlebnis: Ich sass in «Der Gott des Gemetzels» und war baff. Höchstes Boulevard: Kunstvolle Konversations-Schlacht ohne Regie-Schnickschnack – es traf mich ins Herz, warf mich in Selbstzweifel. Von jeder Figur steckte etwas in mir selbst. Der Widerstreit der Reza-Figuren begleitet mich seit Jahren und ist Referenz bei Debatten über die bürgerlichen Luxusthemen Ehe, Erziehung, Status, Freundschaft. Yasmina Reza lässt unsdie eigene Peinlichkeit spüren und macht sie gleichzeitig erträglich, weil wir sie im Theater mit anderen Zuschauern teilen. Wie selbstgefällig wir unsere Werte und Haltungen der Welt aufdrängen, wie schnell wir Aufgeklärten verwirrt und intolerant werden, kann man bei Reza lernen. Der magische Reiz ihrer Stücke liegt in der verzweifelten Komik unseres eigenen Lebens.
Opening Ceremony - 43rd Deauville American Film Festival

Yasmina Reza


Dieser Wille, immer weiter zu gehen, keine Grenzen zu akzeptieren - von Katja Fischer De Santi 

De Beauvoir Ich war sechszehn Jahre alt und hatte keine Ahnung, was aus mir einmal werden sollte. Ich wusste nur, was ich nicht wollte: Kinder. Ich wollte nicht Hausfrau werden. Niemals. Ich wollte nicht Mann-Kind-Haus, ich wollte die Welt. Von Simone de Beauvoir hatte ich noch nie gehört. Feminismus sagte mir noch nicht einmal als Wort etwas. Ich war eine typische Nachgeborene. Undankbar und unwissend. 

Dann, eines Nachmittags in der Bibliothek des Lehrerseminars, ich war auf der Suche nach Literatur zu Albert Camus, entdeckte ich ein Buch. Darauf eine schöne Frau mit Turban. Ihr Blick stark und unnachgiebig. «Memoiren einer Tochter aus gutem Haus» stand auf dem Schutzumschlag. Ich lieh es aus und las die nächsten drei Nächte statt Albert Camus das Leben von Simone de Beauvoir nach. Dieses Leben, diese Stärke und Radikalität beeindruckten mich sehr. Als eine der ersten Frauen studierte die 1908 Geborene an der Pariser Sorbonne Philosophie, Literatur und Mathematik. Schloss als Jahrgangszweitbeste ab. Jahrgangsbester war ein gewisser Jean-Paul Sartre. Sie wollte nicht Mutter, sie wollte eine berühmte Schriftstellerin werden – und sie wurde es. Sie brach dafür mit allen Konventionen, selbst in der Liebe. 

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Was für ein Paar! Zwei hochintellektuelle Menschen. «Der erste Mann, dem ich mich unterlegen fühle», schreibt sie im zweiten Teil ihrer Memoiren. Und verliebte sich sofort in «diese hässliche, schlecht gekleidete Gestalt». Den beiden schien gelungen zu sein, wovon ich in meinen Zwanzigern naiv träumte. Die Quadratur des Geschlechterzirkels, eine Liebe ohne Abwasch, ohne Streit, ohne Heimlichkeiten, ohne Hausfrauengrau und Familienabgrund. Dafür freie Liebhaberwahl, tägliches Kopf-an-Kopf-Denken zwischen Philosoph und Philosophin, gleichberechtigt. Hochzeit, Kinder, Monogamie – das alles kam für Simone de Beauvoir nicht in Frage. Zu gross die  Gefahr, dadurch zum «Weibchen» zu werden. Im Alter von 21 und 23 Jahren hatten Beauvoir und Sartre ihren berühmten «Pakt» fürs Leben geschlossen, der über ein halbes Jahrhundert, bis zu Sartres Tod, währen sollte.

Für sie war klar: Nichts ist vorbestimmt, der Mensch schafft seine Existenz selbst – Männer wie Frauen. Weil es aber für Frauen so unendlich viel schwerer war und ist, ihre Träume zu leben, selber über ihr Leben zu entscheiden, veröffentlichte sie 1949 den ersten Teil von «Das andere Geschlecht». In einem  dreijährigen Kraftakt trug sie aus allen Bereichen Belege zusammen – aus Biologie, Literatur, Geschichte, Politik, Psychoanalyse oder Psychiatrie. Und deckte ein historisches Muster auf: Dass Männer den Frauen mit Hinweis auf angeblich objektive Befunde die körperliche oder geistige Beschränktheit einreden, aber gleichzeitig alle Hebel in Gang
setzen, wenn eine Frau doch aus dem sorgfältig gezimmerten Rahmen zu
steigen droht. 

Ihr 1000 Seiten starkes, zweibändiges Epos habe ich später gelesen. Doch ihre Romane (etwa «Les Mandarins»), Tagebücher und Briefe haben mich stets mehr interessiert. In ihnen fand ich alles, was Beauvoir für mich so faszinierend macht: Der Wunsch, etwas aus sich zu machen, der Drang nach Freiheit – die Geschichte einer gelebten, nicht einer theoretischen Emanzipation. Die Konsequenz, mit der Simone de Beauvoir aus ihrem Leben ihr Werk machte, fand ich sonst nirgends. Nachahmen wollte ich sie irgendwann nicht mehr. Ihre angeblich so offene Beziehung zu Sartre wurde spätestens mit der posthumen Veröffentlichung ihres Briefwechsels entzaubert.  Statt Freiheit waren da viel Eifersucht, Bosheit und seelische Abgründe. Auch ihr negatives Frauenbild mag ich nicht teilen. Aber ganz bestimmt habe ich es  Frauen wie Simone de Beauvoir zu verdanken, dass ich heute Kinder habe – und trotzdem kein «Weibchen» sein muss.
Simone de Beauvoir at Home in Paris

Simone de Beauvoir (1908-1986)

Der Türöffner zum Französischen - von Arno Renggli

Goscinny Bekanntlich hat Französisch bei den meisten Schülerinnen und Schülern gegenüber dem Englischen einen schweren Stand. Das war schon damals so, als ich noch zur Schule ging, als es noch kein englischlastiges Internet gab, aber schon tolle Hollywoodfilme und viel englischsprachige Popmusik. Das war alles viel cooler als das Frankofone, zu dem wir kulturell kaum einen Bezug hatten.

Doch dann entdeckte ich den «kleinen Nick», oder eben «Le petit Nicholas», geschrieben von René Goscinny, kongenial illustriert von Sempé. Ich gebe zu, ich las die Abenteuer des einfallsreichen Lausbuben zuerst auf Deutsch. Aber dann fiel es mir mal auf Französisch in die Hände. Und ich war begeistert.

Trotz einer guten Übersetzung kommt der subversive Humor der Storys im Original auf noch filigran-elegantere Weise zum Tragen. Vermeintlich sind es Kindergeschichten, doch in ihnen spiegelt sich eine Erwachsenenwelt, die aus Kindersicht nur zu oft als absurd entlarvt wird. Gerade Papa und Mama von Nick versuchen stets, den Schein zu wahren. Und sind fast immer heillos überfordert.

Und dann gibt es wunderbare Nebenfiguren wie etwa den streitsüchtigen Nachbarn Bleder (original «Blédurt») oder den Hilfslehrer mit Spitznamen Hühnerbrüh («Le bouillon»). Dank René Goscinny, dem wir ja auch noch den Asterix verdanken (hier lohnt sich die Originallektüre ebenfalls!), lernte ich die französische Sprache lieben. Vor allem ihren Charme und ihren Witz. 
Good kisses of Asterix

René Goscinny (1926-1977)


Die Welt ist absurd - von Stefan Schmid

Camus Die grossen Fragen des Lebens stellen sich erstmals in der Pubertät. Was soll das Ganze hier eigentlich? Warum verhungern Tausende Kinder, warum kommen Unschuldige in Kriegen ums Leben? Die Welt ist absurd. Und ungerecht. Und unerklärbar. Manche beginnen zu kiffen, andere rebellieren gegen die Eltern. Nur wenige stürzen sich – wie ein guter Freund von mir – in die Literatur. «Lies die französischen Existenzialisten», riet er mir, damals, an der Kantonsschule. «Sartre, de Beauvoir und vor allem: Albert Camus. Sie liefern Antworten auf Fragen, die dich umtreiben.» 

So verschlang ich nebst den Klassikern wie «Die Pest», «Der Fremde» oder «Der Mythos des Sisyphos» auch das erst posthum erschienene, autobiografische Werk «Der erste Mensch», das ich als Maturalektüre wählte. Mein damaliger Geografielehrer, der zu mir stets wohlwollend auf Distanz blieb, fiel mir nach der mündlichen Prüfung fast um den Hals, weil er Camus liebte – eine absurde Situation. 

Ja, unser Verhältnis zu anderen Menschen und zur Welt ist oft absurd. Wir können das nicht ändern. Aber wir können dem Leben Sinn geben, indem wir die Absurditäten akzeptieren und dagegen immer wieder rebellieren. Selbstmord ist keine Lösung, es wäre die Kapitulation vor dem Absurden. Gott gibt es nicht und unsere Vernunft ist eine Einbildung. Akzeptieren wir es! Und spielen Fussball. Wie Camus, der ein guter Goalie war. Und ein begnadeter Philosoph.
Close-up: Albert Camus

Albert Camus (1913-1960)


Der Macaron-König - von Diana Hagmann-Bula

Hermé Er ist der Held aller Schleckmäuler. Weil: Macher der besten Guezli. In den Läden von Patissier und Kochbuchautor Pierre Hermé werden sogar Entscheidungsfreudige unschlüssig. Welche der über zwanzig Macaron-Kreationen sollen es sein? «Ispahan» mit Rose, Litschi, Himbeere? Als Hermé seine Lehre bei Ladurée antrat, seinem heutigen Konkurrenten, war die Qual der Wahl minim. Vier Sorten, nicht mehr. Unterdessen gehören zum Imperium des Elsässers über 40 «Boutiquen». Die neuste eröffnet bald in Marrakesch. Andere schreiben für ihre Liebste, Hermé bäckt für sie: Das Macaron enthält Strohblume und Cédrat-Zitrone, beides typisch für Korsika, wo seine Partnerin herkommt. Nicht nur Valérie schmeckt «valérie».
Opening Ceremony - 43rd Deauville American Film Festival

Pierre Hermé


Gegen den Körperwahn - von Melissa Müller

Giraud Rote Flecken breiten sich aus, brennen auf dem Körper des kranken Kindes. «Ich bin ein Hummer, in kochendes Wasser geworfen, der innerlich schreit und unfähig ist, seine Gliedmassen zu bewegen.» Der Schmerz ist nicht das Schlimmste, es ist die Scham, mit entblössten Pobacken dazuliegen. «Anfangs ist mir nicht bewusst, dass ich einen Körper habe. Dass mein Körper und ich für immer zusammenbleiben werden.» Die Französin Brigitte Giraud beschreibt nüchtern und präzis die Entwicklung ihrer namenlosen Ich-Erzählerin, die anfangs lieber ein Bub sein will. Das geschieht allein über die Körperwahrnehmung, sie beobachtet sich selbst von Kopf bis Fuss.

«Einen Körper haben» ist ein Buch gegen den Körperwahn und die Entfremdung von sich selbst. Aus dem Mädchen wird eine Frau, aus ihr die genussvolle Geliebte eines Mannes, eine Schwangere und Mutter eines Sohnes. Als ihr Lebensgefährte bei einem Autounfall stirbt, wird ihr der eigene Körper unerträglich fremd. Die 1960 in Algerien geborene Autorin schildert das wenig spektakuläre Leben einer normalen Frau. Und doch konnte ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Das liegt an der unaufgeregten, klaren Sprache, in der Brigitte Giraud alltägliche Dinge wie durch einen Zauber in einem anderen Licht erscheinen lässt. 
Brigitte Giraud Portrait Session

Brigitte Giraud

Ein Filmkünstler, der das geschriebene Wort liebte - von Andreas Stock

Truffaut Berühmt ist er in erster Linie als einer der ganz grossen Filmemacher: François Truffaut, Regisseur der «Nouvelle vague» und von Meisterwerken wie «Les 400 coups», «Jules et Jim», «Fahrenheit 451», «Le dernier métro» oder «La nuit américaine».

Im Kino konnte ich Truffaut damals leider erst entdecken, als es schon beinahe zu spät war. Denn 1984 ist der französische Regisseur im Alter von 52 Jahren viel zu früh gestorben. Dass Truffaut als Filmkritiker begonnen hatte, bevor er Regisseur wurde, hat mich nachhaltig geprägt – und selbst zum Filmjournalismus geführt. So habe ich dann auch sein Buch verschlungen, das längst zu einem Klassiker und Meilenstein der Filmliteratur wurde. Für «Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?» hat der Hitchcock-Fan Truffaut den grossen Regiemeister während rund 50 Stunden interviewt. Das Buch ist eine Fundgrube über die Magie und die Kunst des Kinos und noch immer ein Standardwerk zum Kino von Alfred Hitchcock. 

François Truffaut liebte das geschriebene Wort und die Bücher. Das sieht man in jedem seiner wunderbaren Filme: Stets finden sich darin Szenen von Menschen, die Bücher lesen oder aus Büchern zitieren. Truffaut war ein «homme de lettres», er hat sehr, sehr viele Briefe geschrieben. 500 davon, zwischen 1945 und 1984 verfasst, sind Deutsch übersetzt und in einem über 700-seitigen Buch im Verlag vgs Köln 1990 publiziert worden. Antiquarisch ist der Wälzer noch erhältlich. Er erlaubt einen tiefen, intimen Einblick in das Leben eines sensiblen, klugen Menschen und Filmemachers, der mit Haut und Haar fürs Kino und die Literatur gelebt hat. Seine Korrespondenz mit Hitchcock sowie vielen weiteren Regisseuren, Darstellerinnen und Freunden ergibt eine Art Autobiografie in Briefform. 
Francois Truffaut

Francois Truffaut (1932 - 1984)


Der schockierende Antimoralist - von Hansruedi Kugler

De Sade Vergewaltigen, töten und straflos den Machtrausch geniessen: Der erzählerische Kern aller Werke des Marquis de Sade, des bösesten Schriftstellers der europäischen Kulturgeschichte, schockiert noch 200 Jahre nach seinem Tod. Die Franzosen haben von Rabelais bis Michel Houellebecq eine Tradition der literarischen Negativität – böse, oft auch «perverse» Literatur. Sadistisch, also krank? Klar, schliesslich ist der Marquis der Namensgeber für die Quällust, den Sadismus. Nach wenigen Seiten ist man angewidert. Hinschauen aber lohnt sich.

De Sade greift, anders als unzählige neue Thriller, nicht nur in die Psyche verkrüppelter Individuen, sondern stellt zentrale Fragen der Moral ins Zwielicht. Er verhöhnt zynisch die christliche Moral, indem er die Vorteile der Skrupellosigkeit zeigt, er stellt den Menschen als lüsternes Raubtier ohne Gewissen dar und entlarvt den menschenverachtenden Feudalismus. Vor allem stellt er uns in der Negation indirekt die beunruhigende Frage, wie man Menschenwürde rein rational, ohne Religion begründen kann. Eine Antwort gibt er nicht. Aber in seinen Büchern entdeckt man den prophetischen Blick auf koloniale Ausbeutung und Faschismus, die den Menschen missbrauchen. De Sade lässt uns in die Hölle der Macht blicken – schauderhaft zu lesen, beunruhigend lehrreich. 
Donatien Alphonse François de Sade

Marquis de Sade (1740-1814)

Fanatiker triumphieren - von Rolf App

France Zwar stellt es schon einen Schönheitsfehler dar, dass seine Landsleute und Zeitgenossen Émile Zola und Marcel Proust den Nobelpreis für Literatur nicht erhalten haben. Aber man kann Anatole France, der 1924 80-jährig starb, durchaus als der Ehre würdig ansehen, die ihm 1921 nach längerem Hin und Her verliehen wurde. Einem Teil des Nobelkomitees war er ohnehin immer noch zu links und viel zu politisch. Genau dies aber begründet die Aktualität seines Romans «Die Götter dürsten» aus dem Jahr 1912, der sich am ehesten zum Kennenlernen eignet. 

Dass Anatole France dieses Sittenbild der Französischen Revolution zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb, hat seinen tieferen Grund: Der Fanatismus, der «Die Götter dürsten» als einen roten Faden durchzieht, findet sich nicht nur in seiner eigenen, kriegsschwangeren Zeit. Er findet sich ebenso heute. Auch in unserer Gegenwart leben Menschen, die sich wie dieser Évariste Gamelin zum Werkzeug blutiger Mächte machen lassen. Dabei führt der junge Maler ein Doppelleben. 

Offiziell lebt er das prinzipienfeste Leben eines Anhängers der in ihrem vierten Jahr heiss umkämpften Revolution und steigt zum Geschworenen an jenem Gericht auf, das Todesurteile in immer rascherem Takt verhängt (und am Ende ihn selbst unter der Guillotine abliefern wird). In aller Heimlichkeit aber liebt er Élodie, die Tochter eines Kunsthändlers. 

Gamelin glaubt fest, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, und findet im verarmten Adeligen Brotteaux des Ilettes, mit dem er sich heftige Debatten liefert, seinen Gegenspieler. Nachsicht sei ein Verbrechen, meint Gamelin, «die Guillotine muss das Vaterland retten!» Brotteaux hingegen glaubt nicht, «dass die Revolution die Gleichheit einführen wird, auch wenn man im Land alles von oben nach unten kehrt». Man müsse «die Menschen so regieren, wie sie sind, und nicht, wie man sie haben möchte».
Portrait Of Anatole France

Anatole France (1844 - 1924)


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