Futuristische Konzerthalle auch auf dem Inseli?

LUZERN ⋅ Das Lucerne Festival Orchestra brach diese Woche zu einer Asien-Tournee auf. Quasi als Vorprogramm gab es in Tokio Konzerte in der Ark Nova. Und diese Auftritte empfahlen die mobile Konzerthalle auch für Luzern.
06. Oktober 2017, 05:00

Urs Mattenberger, Tokio

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Dass klassische Musik in Japan boomt, belegen die vielen Orchester, die trotz der schwierigen Wirtschaftslage hierher aus den USA, Europa und auch aus Luzern eingeladen werden. So ging das Luzerner Sinfonieorchester letztes Jahr auf seine dritte und gehen die Festival Strings Lucerne 2018 auf eine weitere Asien-Tournee. Das Lucerne Festival Orchestra tourte 2006 unter Claudio Abbado erstmals in Japan und zwei Jahre später in China. Und diese Woche präsentiert es sich ab heute mit Konzerten in Japan, Südkorea und China erstmals unter seinem neuen Chefdirigenten Riccardo Chailly, der seinerseits seit 30 Jahren mit seinen ehemaligen Orchestern in Japan zu Gast war.

Die aktuelle Asien-Tournee des Festivalorchesters setzt auch deshalb einen besonderen Akzent, weil sie mit dem dritten Grossprojekt von Lucerne Festival in Japan verbunden wird, dem mobilen Konzertsaal Ark Nova. Das Festival hatte die ballonartig aufblasbare Hülle nach 2011 gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Kajimoto realisiert, um Kunst in die von Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe gebeutelte Region um Fukushima zu bringen, wie Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger am Mittwoch an einer Medienkonferenz in der Ark Nova in Tokio in Erinnerung rief.

Hilfsprojekt als Werbe­plattform für Luzern

Auch Riccardo Chailly äusserte sich hier zu diesem humanistischen Engagement von Kunst aus alltäglich-privater Perspektive: «Ich sage schon meinen Enkeln: Wenn ihr euch mit Musik beschäftigt, habt ihr einen Partner fürs Leben. Ob ihr Spass und Unterhaltung braucht oder Trost in schwierigen Lebenslagen – nie wird sie euch im Stich lassen.»

Auch wenn die Ark Nova nach dreimaligem Einsatz im Kata­strophengebiet jetzt in der japanischen Hauptstadt aufgebaut wurde: Der Erlös kommt wiederum der Krisenregion zugute. Aber erstmals wurde sie an einen Veranstalter vermietet, der darin ein buntes Unterhaltungsprogramm bot. Den Abschluss machten Panels und eine TV-Show, in der Michael Haefliger die Idee der Ark Nova sowie das Lucerne Festival Orchestra und seinen Chefdirigenten vorstellte.

Damit wurde zwar das Hilfsprojekt ein Stück weit als Werbeplattform zweckentfremdet – mit Erfolg, wie die insgesamt über 14000 Besucher zeigten. Aber vielleicht auch deshalb hielt sich Michael Haefliger mit künstlerischer oder gar touristischer Werbung zum Festival selber oder zur Stadt Luzern fast zu sehr zurück. Zum anderen traten Musiker des Festivalorchesters in ­diesem Rahmen in mehreren ausserordentlich gut besuchten Kurzkonzerten vor 2000 Zuhörern auf, und somit hatte die Kunst das letzte Wort.

Hier das sich in Ehrerbietungen ergehende, japanische TV-Moderatoren-Paar, dort die europäischen Festivalmusiker, die jede Zurückhaltung aufgeben auf der Suche nach dem «ultimativen Ausdruck», wie ihn Haefliger mit Blick auf das Festivalorchester beschwor: Der Kontrast unterstrich, dass trotz regelmässiger Tourneen Gegensätze aufeinanderprallen, wenn westliche Musiker ins Land der aufgehenden Sonne reisen. Die Disziplin, die das Spielen im Orchesterapparat verlangt, mag zum kollektiven Regulierungsgeist passen, den man schon bei der Passkontrolle am Flughafen von Tokio erlebt. Da werden Fingerabdrücke und Augenscans mit jener Verbindung von devoter Freundlichkeit und unerbittlichen Strenge abgewickelt, die einem auch im alltäglichen Umgang begegnet.

Aber die Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv, die darin zum Ausdruck kommt, passt so gar nicht zur rebellischen Feier des Individualismus, wie er in den auf dieser Tournee gespielten Werken zum Ausdruck kommt.

Tanzen und Plaudern mit «Pepper»

Chefdirigent Riccardo Chailly betonte mit Blick auf die bevorstehenden Konzerte des Lucerne Festival Orchestra genau diese Aspekte vor 50 japanischen Journalisten: Wie sich schon in Beethovens achter Sinfonie die Revolution der neunten ankündigt, wenn man das Werk in ­Beethovens raschen Metronom-­Tempi spielt. Wie in Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung «Till Eulenspiegel» dessen unbändiger Schalk im Orchester über seinen Tod hinaus weiterlebt. Und wie man in Strawinskis «Sacre du Printemps» das Lucerne Festival Orchestra mit seinen 130 Musikern dank der unzähligen solistischen Spots quasi «als Solisten» hören wird.

Im Gegensatz dazu kann man in Japan dank der weit fortgeschrittenen Digitalisierung des Alltags sehen, zu welch neuen sozialen Standardisierungen neue Technologien führen können. Symbol dafür ist der für die Kindererziehung gedachte interak­tive Roboter «Pepper», der in Tokio zum Verkauf in Schaufenstern steht und der einen mit seinen Glasaugen in die Augen schaut, wenn man mit ihm plaudert oder wenn er einen mit wippenden Tanzeinlagen zum Lachen bringen will. An Roboter erinnern aber selbst die Menschen, die hier in Schnellimbissen aufgereiht wie Hühner auf der Stange ihren Lunch verzehren und dabei auf ihr Gegenüber – die Laptops – starren.

Der Intendant als Solist an der Kuhglocke

Da ist es wie ein Wunder, dass sich die Japaner ihre sprichwörtliche Höflichkeit ungeschmälert bewahrt haben. Und vielleicht schätzen sie an klassischer Musik ja gerade die Verbindung von Freiheit und Emotionalität mit einer Formalstrenge, wie sie die Auftritte von Musikern im Frack verkörpern. Die Kurzkonzerte der Festivalmusiker boten in der Ark Nova insofern einen passenden Mix aus all diesen Elementen.

Selbst Michael Haefliger, in der Fernsehshow ganz seriöser Intendant, machte zum Spass auf der Bühne mit. In Franz Dopplers Rigi-Fantasie schlug er an der Schweizer Kuhglocke den Takt für das Ensemble um die hier virtuos auftrumpfende Flötistin, seine Frau Andrea Loetscher. «Der beste Kuhglocken-Perkussionist der Welt», witzelte der Trompeter Reinhold Friedrich zum Publikum und kündigte als «Lovestory» eine Bearbeitung von Sergej Prokofiews «Romeo und Julia» an.

Hier kam es zum solistischen Duell mit dem Posaunisten Joergen van Rijn, der nach seinem Solostück die Loop-Maschine erklärte, mit der er sein Instrument um eine Rhythmusgruppe erweiterte. Übersetzt wurde all das durch die aus Japan stammende Pianistin Eriko Takezawa. Und auch im Alumni-Streichquartett, das mit Borodin hochromantische Gefühle beisteuerte, war praktischerweise eine Japanerin mit von der Partie.

Anders als in Luzern legte Lucerne Festival hier offenbar grossen Wert darauf, dass die Ansprachen nicht bloss auf Englisch, sondern in der Landessprache gehalten wurden. Und so schien es, dass der ungezwungene Rahmen dieser Ballonhalle von allein viel von der Lockerheit und Spontaneität einlöste, die Lucerne Festival mit neuen Konzertformaten zu erreichen sucht.

Ark Nova in Luzern?

So gibt es viele Gründe, diese künstlerische Arche Noah dereinst doch noch nach Luzern zu bringen – vielleicht gar aufs ­Inseli als zeitweiser Ersatz für die Salle Modulable. Dafür spricht auch die skulpturale Kraft ihres vom Japaner Arata Isozaki entworfenen Designs. Erinnert die Ark Nova von aussen eher profan an einen Boxhandschuh, weckt der bis auf die Bänke für knapp 500 Besucher leere Innenraum eine zauberhafte Palette von Assoziationen.

Die Hülle selber nimmt man da als planetarisches Gewölbe wahr. Die schlauchartige Verstrebung, die quer durch den Raum ansteigt, ist je nach Optik Blume oder Trompetentrichter, der den Raum in sich hineinzusaugen oder aus sich herauszustülpen scheint.

Die Verpflanzung nach Luzern wäre zwar eine Wunschvorstellung des Festivals. Allerdings sind die Kosten für den Transport und Aufbau mitsamt dem Gebläse, das den Ballon aufrecht hält, höher als ursprünglich angenommen. Und die Zeit drängt, weil der Kunststoffplane spätestens nach zehn Jahren die Luft ausgehen wird.

Hinweis

Blogs und Bilder vom Auftakt der Asientournee des Orchesters auf www.lucernefestival.ch.

  • Geoffroy Schied / LUCERNE FESTIV
  • Geoffroy Schied / LUCERNE FESTIV

Das Lucerne Festival Orchestra brach diese Woche zu einer Asien-Tournee auf. Quasi als Vorprogramm gab es in Tokio Konzerte in der Ark Nova.


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