«Hagard» – 36 Stunden obsessiver Wahnsinn

ROMAN ⋅ In Lukas Bärfuss’ neuem Roman «Hagard» wird ein durchschnittlicher Mittvierziger zum Stalker. Ein doppelbödiges, faszinierend obsessives Buch.
27. Februar 2017, 04:29

Hansruedi Kugler

kultur@luzernerzeitung.ch

Philip, ein rundlicher Mittvierziger und selbstständiger Immobilienhai in Zürich, verpasst einen Geschäftspartner und einen schnellen Gewinn von einigen zehntausend Franken. Er vertrödelt seine Zeit und sieht plötzlich ein Paar «pflaumenblaue Ballerinas» an den zierlichen Füssen einer jungen Frau.

Für ihn ist es ein Signal: «Zwei scheue Wiesel, verloren im Getrampel», sein erotisch aufgeladenes Beschützergefühl ist geweckt. Er glaubt, die Aufforderung zu erkennen, ihr zu folgen: absichtslos, nicht bösartig, eher verwundert über sich, oder wie der Titel andeutet: «hagard», was im Französischen so viel heisst wie «verstört».

Ihr Gesicht bekommt er nie zu sehen

Mit dieser Begegnung schickt Lukas Bärfuss seine Hauptfigur auf eine 36 Stunden dauernde obsessive Odyssee und entwickelt dabei einen starken Sog. Über weite Strecken wird tempostark und spannend ein Episodendrama erzählt und in der zeitgenössischen Befindlichkeit gespiegelt.

In den News dominieren Flugzeugabstürze, Vogelgrippe und Krieg auf der Krim. Philip verpasst Geschäftstermine, vergisst sogar seinen Sohn bei der Tagesmutter. Stattdessen verfolgt er die junge Frau, deren Gesicht er nie zu sehen bekommt. Was sie denkt, erfährt man nicht. Sie anzusprechen, vermag Philip nicht – aus Feigheit und weil das betörende Geheimnis verloren wäre.

Er hechtet in einen Vorortszug, verliert einen Schuh. Bald steht er ohne Geld, ohne Telefon, ohne Ausweise nachts verloren in einer Vorort-Wüste. Diese ­Szenen sind unheimlich dicht, nachvollziehbar und irritierend zugleich. So ganz zufällig kippt Philip nicht aus seinem soliden, geregelten Leben in die verstörende Obsession, in der er alle Verpflichtungen vernachlässigt. Er ist zwar auf den ersten Blick kein gescheiterter Mann, nicht «von inneren Spannungen zerrissen».

Nein, Bärfuss liefert keine psychologischen Erklärungen. Die Verstörung liest sich als zeitkritischer Befund. Dass er einen zynischen Immobilienhai abstürzen lässt, wirkt nur kurz als Häme eines Autors, der als scharfzüngiger Intellektueller medial omnipräsent ist. «Hagard» ist aber kein Pamphlet, keine Satire, sondern eine kühle, präzise Seelendiagnose, die uns alle trifft.

Von Anfang an ist klar, dass der Erzähler kein neutraler Erzähler, kein Freund ist. «Ich weiss alles, und ich begreife nichts», sagt er gleich zu Beginn. Philips Trip könnte ein Albtraum des Erzählers sein. Oder eine zu Ende gedachte Laune, die in der erotisch und masochistisch angehauchten Zufallsbegegnung seinen Anfang nimmt (die junge Frau trägt auch noch Pelz!) und Philip nach 36 Stunden in der Verwahrlosung und in einer kafkaesken Situation der Leere und Bestrafung endet.

Was hat das Erzählte mit eigenen Obsessionen zu tun?

Bärfuss löst das Rätsel nicht auf. Wo sich der Mensch völlig enträtselt, droht jeder Geschichte der Kitsch. Man müsste «Hagard» als Novelle bezeichnen, als eine straffe Erzählung mit einer unerhörten Begebenheit, die Figuren und Leser vor Rätsel stellt.

Erzählerisch kontrastiert Bärfuss Philip mit einem Vagabunden, der sich im Gegensatz zu ihm am Leben erhält, und mit einem japanischen Mathematiker, der sich in sein Genie zurückzieht. Die Obsession des Erzählers wird auch als Obsession des Autors lesbar. Bärfuss liefert darin eine dritte, eine reflexive Ebene. Inwiefern hat das Erzählte, Fantasierte mit eigenen Obsessionen zu tun? Darin steckt die Hilflosigkeit aller Tagträumereien: «Herauszufinden, was sie mir sagen wollen.» Hierin mag man sich als Leser herausgefordert fühlen – und Bärfuss ist ein Autor, der sich selber nicht herausstiehlt.

 


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