Abenteuerliche Reise durch Korianderwelten

KUNST ⋅ Der Bieler Künstler Gil Pellaton präsentiert unter dem Titel «Into Coriander» eine neue raumgreifende Arbeit. Die Installation im sic! Raum für Kunst spricht alle Sinne des Betrachters an.
19. März 2017, 09:44

Unter einem Blätterdach aus noch grünen Korianderblättern kann man aus nächster Nähe die schönen zackigen Blattränder, die unterschiedlichen Farbnuancen beobachten – in einem Kokon aus Fiberglas sitzend, von innen mit blauem Licht beleuchtet. Natur und Künstlichkeit, Verwelken und Erhalten, Schutz und Bedrohung treffen in diesem Objekt des Künstlers Gil Pellaton aufeinander. Das mit Korianderblättern bedeckte Ei – oder vielleicht auch Urhütte oder Raumkapsel – bietet Platz für eine Person.

Auch die neonleuchtend gelbe Schaukel, die davor im Raum hängt, ist eine Sitzgelegenheit. Entgegen des introvertierten Rückzugs auf sich selbst in der Korianderhütte, schlägt man mit diesem Gerät in alle Richtungen aus, dreht und wendet sich auf der instabilen Rolle.

Zwei Arten, in der Welt zu sein – wachsam, Ausschau haltend, jeden Weg als Möglichkeit sehen, oder abgekapselt, beobachtend, konzentriert – hier mit der Obsession mit diesem Gewürz exemplifiziert. Auch in der Machart kontrastiert die gebastelte Hütte aus (teilweise) Naturmaterialien mit dem cleanen Traum aus Kunststoff.

Ritueller Charakter eingeschleust

In den vier Himmelsrichtungen verteilt liegen am Boden gegossene Aluminiumobjekte, in die Tigerbalsam eingelassen ist. Im Hintergrund rezitiert eine monotone Stimme Sätze, in denen «Koriander» vorkommt und uns unterschiedliche Lesarten – oder vielmehr Ausstellungstitel – vorschlägt. Durch die archaisch wirkenden Aluminiumobjekte, den penetranten Duft und die Litanei wird in die Installation somit zusätzlich ein ritueller Charakter eingeschleust, der das Gegensatzpaar im Raum einrahmt. Vielleicht so gegensätzlich wie die Reak­tionen auf die Verwendungen von Koriander, dieses geliebt-gehassten Krauts, dessen leicht seifiger Geschmack heftige Ekelreaktionen hervorrufen kann – das aber auch als Heilpflanze und sogar als Parfum verwendet wurde.

Doch wie an so vieles, gewöhnt man sich auch an Koriander. Plötzlich kann das zuvor das ganze Gericht überdeckende Grünzeug als angenehme Geschmacksnote wahrgenommen werden, wie die Autorin aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Relativiert dies nicht die oft als unumstösslich geltenden Geschmacksurteile, die als absolut subjektive, und doch als absolute Kriterien hochgehalten werden und sich meist als allererste Reak­tion bei der Begegnung mit etwas Unbekanntem aufdrängen? Lässt man Gefallen und Abneigung hinter sich, können Nuancen und Details entdeckt werden, die einem zuvor verstellt waren.

In seiner alle Sinne ansprechende Installation fordert der Künstler Gil Pellaton die Betrachterinnen und Betrachter, ihre eigene Wahrnehmung als Leitfaden zu nehmen, sich durch die Ausstellung zu bewegen, sich zu den rätselhaften Gegenständen zu verhalten. Denn ein Schlüssel zu den Dingen existiert nicht – den hat er auch selbst nicht. Hilft es weiter, dass wir erfahren, wie der Künstler in seiner Kindheit auf neongelben Trainerhosen auf einer Schaukel rumturnte? Dass die Metallobjekte als Negativguss von Fundgegenständen von Pfahlbauern entstanden?

Obsessiv taucht der Künstler in Welten ein. Er sammelt wie ein Botaniker, kocht und experimentiert wie ein Alchemist, reist als Abenteurer durch Korianderwelten und versucht, sich mit Künstler und Parfumier Raphael Loosli und Niklaus Mettler nun auch als Duftdesigner: Am 7. April wird das neu entwickelte Korianderparfum im sic! Elephanthouse neugierigen Nasen vorgestellt.

 

Claire Hoffmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis
Gil Pellaton: Into Coriander. 12. März–29. April, Öffnungszeiten: Do/Fr: 15–19 Uhr, Sa: 14–17 Uhr.
Parfum-Release mit Raphael Loosli und Niklaus Mettler: Freitag, 7. April 2017, 19 Uhr.
sic! Raum für Kunst, Elephant-house, Neustadtstr. 29, Luzern.


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