Alles im Fluss zwischen Magie und Kitsch

OSTERFESTIVAL ⋅ Erstmals steuert das Luzerner Theater eine Produktion zum Osterfestival bei. Claudio Monteverdis «Marienvesper» fügt sich als Bewegungstheater ins geistliche Thema ein, bleibt aber vor allem ein musikalisches Ereignis.
05. April 2017, 05:00

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Am Anfang war die Idee – der geniale Einfall, dem einsamen Sterben der Traviata auf der Bühne des Luzerner Theaters (Ausgabe vom Dienstag) das pure Gegenteil gegenüberzustellen, nämlich eine Art kollektive Feier des Lebens. Als solche hatte am Montag in der Jesuitenkirche Claudio Monteverdis «Marienvesper» Premiere.

Die «begehbare Installation» mit dem ganzen Sänger- und Tanzensemble des Theaters sowie dem Barockorchester «Les Passions de l’ me» war bemerkenswert auch als erster Beitrag des Theaters zu Lucerne Festival zu Ostern. Dort das körperintensive Leiden der Traviata, hier die frühbarock überquellende Sinnlichkeit Monteverdis: Gemeinsam nahmen sie den Übergang vom Karfreitag zum Osterjubel vorweg, den die geistlichen Konzerte des Festivals bis Sonntag in loser Folge thematisieren.

Eine Wolldecke für alt Stapi Franz Kurzmeyer

In der Aufführung selber wurde denn auch rasch klar: Am Anfang steht die Musik. Zwar machte sich im Publikum schon beim Betreten der Plattform, die in ganzer Länge über die Bänke der Jesuitenkirche gebaut wurde, abenteuerliche Neugier breit. Und es ist egal, wenn man einen der Sitzplätze auf den Seitenbänken für den Auftritt eines Musikers räumen muss. Denn «begehbare Installation» meint wörtlich, dass man während der anderthalbstündigen Aufführung wie die Musiker, Sänger und Tänzer den Standort wechselt.

Szenisches Konzert, «Liturgische Installation» oder «Menschenskulptur», wie es in Publikationen des Theaters dazu heisst? Alle spitzfindigen Fragen sind hinweggefegt, wenn der Dirigent Olof Boman – gut sichtbar auf einer der Podestinseln postiert – den Einsatz gibt. Da explodieren förmlich die Klänge und Farben von Zink und Posaunen, Geigen oder Lauten und bringen Licht und Leben in die Kirchendämmerung. Staunend hört man die Klänge und Stimmen in den Jesuitenhimmel entschweben und denkt: Einen Tag nach der «Traviata» schon wieder ein Theaterereignis?

Das hält an, wenn Monteverdis musikalischer Urknall die im Publikum zerstreuten Sänger und Tänzer in Bewegung setzt. Wie haltlose Elementarteilchen winden und schlängeln sie sich zwischen den Zuschauern hindurch. Strecken ihnen fast flehend die Hand entgegen, formen sich zu kleinen Menschenketten und -trauben und schmiegen sich auch mal diskret an die Mitläufer unter den Besuchern an. Das ist wohl auch alt Stapi Franz Kurzmeyer, der von einem Tänzer und einer Tänzerin in eine der dargebotenen Wolldecken gehüllt wird, noch nicht passiert.

Kein «Mitmachtheater» – oder etwa doch?

Aber bald einmal macht sich auch Ernüchterung breit. Nicht, weil sich der Aktivismus der Darsteller verlangsamt. Mit der Beruhigung der Bewegungsdichte gestaltet Choreograf Sebastian Matthias vielmehr die Dramaturgie des Werks mit, die von tänzerischer Lebenslust zu mystischer Besinnlichkeit führt. Da rückt die Bewegungschoreografie, die anfangs die vielstimmig verschlungene Musik in räumliche Verläufe übersetzte, gefährlich nahe an die Grenze zum Kitsch. Und der haftet auch dem Öko-Chic der archaisch stilisierten Samurai-Kostüme von Modedesigner Kostas Murkudis an.

So wird die begehbare Installation auch ein bisschen zum Spiessrutenlauf für Besucher, die nicht in Berührungsrituale hineingezogen werden wollen, die einst in alternativen Workshops Mode waren. Macht nichts. Matthias sagt im Programmheft sogar ausdrücklich, dass das kein «Mitmachtheater» sein soll. Diesbezüglich hätte man sich tatsächlich mehr Konsequenz gewünscht. Denn wenn sich die Performer selber zu Pietà-Skulpturen formieren, sind diese so expressiv wie die Musik.

Der eigene Leib vibriert mit

Diese bleibt bis zum Ende das Herzstück dieser Produktion. Das Ensemble aus Bern musiziert mit einer Frische und einem Schmelz, deren Farbigkeit durch die wechselnden Konstellationen auf den Podesten unterstrichen wird. Damit führt das Raumtheater, wie in der «Traviata» im Theater, auch hier akustisch zu einer neuen Art Gesamterlebnis. Und das gilt für die durchs Band vorzüglichen Sänger umso mehr, als man sie hier in nachbarlicher Tuchfühlung erleben kann.

Da spürt man körperlich die Bassvibrationen von Vuyani Mlinde (der Sarastro der «Zauberflöte»). Der Sopran von Magdalena Risberg (die Gilda aus «Rigoletto») schwebt auch mal als Engelsstimme vom Seitenbalkon hoch oben herunter. Der Bariton von Bernt Ola Volungholen verbindet sich mit den Tenören von Denzil Delaere und Robert Maszl über den ganzen Raum hinweg zu schwelgerischem Wohlklang. Und Letztere zeigen mit erregt flatternden Trillo-Repetitionen, welche Trümpfe das Ensemble für Barockopern hat.

Musikalische Menschenskulptur

Musikalisch löst diese «Marienvesper» damit die hohen Erwartungen ein. Und der Musik verdankt der Abend auch seine eindringlichste Menschenskulptur: Wenn das Publikum – ab Notenblättern – den Hymnus «Ave maris stella» mitsingen darf, steht die Zeit still.

Selbst die für den Choreografen zentrale Frage der Produktion, «welche Rolle jeder in dieser Gemeinschaft übernimmt», fand hier eine überzeugende Antwort. Denn jeder, der unsicher ist, kann sich an einem Sänger in seiner Nähe orientieren. Ein magischer Moment, nach dem man beim Verlassen der Kirche selbst die Kerzenkette, die zum Theater führt, nicht kitschig findet, sondern passend wunderschön.


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