Alles nur gespielt, oder was?

KINO ⋅ Verspielt und politisch präzise: In «Operation Avalanche» reanimiert ­ Regisseur Matt Johnson das Genre des Pseudo-Dokumentarfilms.

30. November 2016, 07:30

Die Amerikaner waren nie auf dem Mond, es war alles nur gespielt. Diese Lieblingsfantasie der Verschwörungstheoretiker bringt der kanadische Jungregisseur Matt Johnson (der Mann ist noch keine dreissig) in seinem irrwitzigen Pseudo-Dokumentarfilm «Operation Avalanche» auf die Leinwand.

Gedreht mit winzigem Budget, mischt der Film echte Archivbilder aus den 1960er-Jahren, heimliche Aufnahmen aus dem Space Center der Nasa sowie frei erfundene Spielfilmsequenzen zu einem cineastischen Spiegelkabinett, in dem man als Zuschauer zwar gelegentlich den Überblick über Wahrheit und Dichtung verliert, aber nie die pure Lust des staunenden Betrachtens.

Zwei junge CIA-Agenten (Regisseur Johnson und sein Gefährte Owen Williams) bekommen den Auftrag, einen Maulwurf zu enttarnen, der Informationen über das amerikanische Mondlandungsprojekt an die Sowjetunion weitergibt. Bald erfahren sie, dass dieses Projekt nicht gelingen kann, weil die Nasa technisch zwar den Anflug des Mondes, aber nicht die Landung darauf hinbekommt.

So entsteht die Idee, die Landung nachzustellen, sie der Weltöffentlichkeit vorzugaukeln. Wie man das fabriziert, lernen die Amateurfilmer bei Stanley Kubrick, dessen Filmset «2001: A Space Odyssey» sie besuchen. Doch die Agenten der Täuschung sehen sich bald selbst getäuscht, es naht Gefahr in Gestalt geladener Kanonen.

Augenfällige Aktualität ­ bei allem Aberwitz

Die Idee, einen Spielfilm aus pseudo-authentischen Amateuraufnahmen zu montieren, kam erstmals zur Jahrtausendwende in «The Blair Witch Project» voll zur Geltung. Seither wird sie in endlos wiederaufgelegten Horrorfilmserien langsam und grausam zu Grabe getragen. Hier freilich ist das in so lustvoller Form entwickelt und politisch so gehaltvoll und anspielungsreich, dass man dem Genre zu seiner Wiederbelebung gratulieren möchte.

Die Verzerrung der Wahrheit im Medium des gefälschten Bildes (man denke an Twitter), die Irreführung der Öffentlichkeit durch das virtuose Jonglieren mit Fehlinformationen (man denke an Trump): «Operation Avalanche» ist – bei allem Aberwitz – von augenfälliger Aktualität. Und so verzeiht man dem Film und seinen Machern auch, dass der Plot am Ende, wo er auch noch Thriller sein möchte, dann doch nur wirkt wie gespielt.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

David Lätsch
kultur@luzernerzeitung.ch

Dokufiktion von Matt Johnson. Kinostart: 1. Dezember 2016. (Tel-A-Vision, 30.11.2016)

Dokufiktion von Matt Johnson. Kinostart: 1. Dezember 2016. (Tel-A-Vision, 30.11.2016)




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