Konstantin Wecker: «Auf den 70. freue ich mich richtig»

LIEDERMACHER ⋅ Konstantin Wecker feiert einen runden Geburtstag und kommt auf seiner Tournee auch mehrfach in die Schweiz. Wir sprachen mit dem politischen Poeten über den Neoliberalismus, die Vorteile des Alters und das Osterfest.
16. April 2017, 09:39

Interview: Susanne Holz

Konstantin Wecker, Sie werden am 1. Juni 70 Jahre alt, gehen gross auf Tour, veröffentlichen Biografie und CD. Sie sind derzeit ein gefragter Interviewpartner. Gibt es überhaupt Fragen, die Sie noch nicht beantwortet haben, und Antworten, die Neues erzählen?

Ich habe nie eine fertige Antwort parat, je nach Gegenüber fällt mir jeweils was Neues ein – sonst würde es ja langweilig. Und auch meine Sicht auf mich selbst ist immer wieder eine andere.

Wie meinen Sie das?

In der Einleitung der aktuellen Biografie zitiere ich Max Frisch mit der Aussage, jeder Mensch erfinde sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält. Vor 10 Jahren, als ich die «Kunst des Scheiterns» schrieb, auch eine Art Autobiografie, habe ich mein Leben durch andere Augen betrachtet als heute. So wie man auch seine Eltern mit 17, 30 oder 70 jeweils anders sieht. Die Sicht auf das Leben, die Mitmenschen und auch auf sich selbst ändert sich immer wieder.

Sie sind sehr rege, engagieren sich politisch und auf der Bühne, haben Familie. Bleibt da noch Zeit für Selbstreflexion?

Ich schreibe viel, und jedes Schreiben ist Selbstreflexion. So habe ich ein Drittel der nun erscheinenden Biografie selbst geschrieben. Das zweite Drittel stammt von meinem alten Freund Günter Bauch, dem «Willy», und das letzte von Roland Rottenfusser, einem Autor und Journalisten, der 2003 das Webmagazin «Hinter den Schlagzeilen.de» gegründet hat – Untertitel: «Magazin für Spiritualität und Rebellion.»

Ein Rebell mit Liebe zur Spiritualität – das sind Sie ja auch?

Weshalb ich früher mal von Spirituellen und mal von Marxisten kritisiert wurde. (lacht) In den letzten Jahren ist es aber einfacher geworden, Politik und Spiritualität zu verbinden. Ich kenne grossartige spirituelle Mystiker, die trotzdem politisch sind.

Was bedeutet Ihnen Spiritualität?

Ich bezeichne mich als Mystiker. Ich möchte mir Gott nicht von einem Priester erklären lassen, sondern Gott selbst zu mir sprechen lassen. Wie Goethes Faust schon erkannt hat: Es dreht sich immer um die Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist auch die Suche des Mystikers. Darum war ich auch der Poesie schon immer sehr verbunden: Die Poesie lehrt uns, nicht immer alles auszuinterpretieren. Das ist wichtig.

Sie sind schon vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Haben Sie mit der Kirche Ihrer Kindheit abgeschlossen?

Ja, zu Recht, aber Papst Franziskus macht mir wieder Hoffnung, der ist toll. Wird der nächste Papst eine Frau und wie Franziskus, dann trete ich wieder ein. (lacht)

Bedeutet Ihnen das heutige Osterfest trotzdem etwas?

Klar tut es das. Ich habe meinen Kindern immer Ostergeschenke versteckt. Und der Kleine war ehrlich sauer, als ich ihm eines Tages erklären musste, dass es den Osterhasen doch nicht gibt. Wenn ich an den Zauber der Kindheit meiner Söhne denke, werde ich richtig rührselig.

Ohne es auszuinterpretieren: Haben Sie eine Ahnung bekommen, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Hätte ich darauf eine konkrete Antwort, wäre ich ein Scharlatan. (lacht)

Ihre Biografie ist betitelt mit «Das ganze schrecklich schöne Leben». Ein typischer Wecker-Satz, möchte man meinen. Im Lied «Wut und Zärtlichkeit» (2010) heisst es: «Sei ein Heiliger, ein Sünder.» Sie stehen zu Ihren dunklen Seiten?

Ich habe viel Mist gebaut, viele Herdplatten angefasst, bin gesunken.

Von Ihrer Kokainsucht hat Sie schlussendlich das Gefängnis befreit, wie Sie immer wieder betonen. Es ist ausserdem zu lesen, dass Sie dem Dichter Gottfried Benn einen gewissen Anteil daran zuschreiben, Kokain ausprobiert zu haben ...

Seine Zeilen übers Kokain haben mich schon wahnsinnig angetörnt damals. (lacht) Benn hat mich als Poet immer verzaubert.

Haben Sie unter Drogen die besseren Lieder geschrieben?

Nein, Kreativität hat nichts mit Drogen zu tun. Aber ich hatte schon immer das Gefühl, dass man Poesie aus einer anderen Quelle holt und nicht aus sich selbst – damit meine ich aber keine Drogen. Mozart oder Rilke, sie scheinen einen Uferplatz an dieser Quelle gehabt zu haben. Im Unterbewusstsein muss es etwas geben, das viel klüger ist als man selbst bei vollem Bewusstsein. Meine besten Texte sind mir zugeflogen. So, als ob sie gar nicht von mir wären.

Den Drogen haben Sie abgeschworen, ein Rebell bleiben Sie. «Poesie und Widerstand» nennt sich die aktuelle CD zur Tournee. Wie viel Neues ist auf ihr zu hören?

Zwei Lieder sind neu, ansonsten ist es ein neu erfundenes «Best of». Verschiedene Musiker und ich haben zwölf Tage zusammen im Studio verbracht – die grosse räumliche und zeitliche Bedrängnis war auch ein grosser Vorteil. Wir spielten zusammen wie live auf der Bühne. «Ich singe, weil ich ein Lied hab’», das hab’ ich mit 20 geschrieben – das Stück ist mittlerweile ein halbes Jahrhundert alt und nun neu auf der CD. «Sage Nein!» aus den Neunzigern habe ich einmal allein und einmal zusammen mit Pippo Pollina, Conchita Wurst und Cetin Oranger, einem türkischen Sänger, eingespielt.

Sie sind nun das ganze Jahr auf Tour, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, von Nord nach Süd, von West nach Ost. Sie stehen oft mehrere Abende hintereinander auf der Bühne. Wie schaffen Sie das mit bald 70 Jahren?

Die Konzerte selbst halten fit und machen Spass. Nur das Autofahren nervt, wenn möglich, weiche ich auf den Zug aus. Auf der Schweizer Autobahn mit ihrem Tempolimit fahre ich übrigens lieber und entspannter.

Treibt ein Konstantin Wecker Sport?

Ich fahre Velo, schwimme gern. Ins Fitnesscenter gehe ich nicht.

Die Drogenzeit scheint Ihr Körper gut überstanden zu haben?

Ja, wie durch ein Wunder. Vielleicht auch, weil richtiges Atmen wichtig für den Körper ist und ich das schon immer praktiziere. Beim Singen lernt man, richtig zu atmen. Seit meiner Kindheit habe ich eine gesunde Sängeratmung – tief in den Bauch.

Ihre Tournee führt Sie im Juni nach Zürich und Bern, im November nach Basel. Ist auch ein Auftritt in Luzern geplant?

Ja, Ende Dezember vermutlich. Was mich sehr freut. Das KKL hat einen der grossartigsten Konzertsäle, die ich kenne. Auch mein Tontechniker liebt diesen Saal über alles. Er eignet sich sowohl für klassische Musik als auch für verstärkte Instrumente.

Wie fühlen Sie sich, kurz vor dem 70. Geburtstag?

In den letzten 10 Jahren hat sich bei mir vieles geändert. Vor dem 50. Geburtstag hatte ich richtig Angst. Den 60. fand ich auch nicht so sexy. Jetzt auf den 70. freue ich mich richtig. Hat man sich mal mit dem Alter angefreundet, merkt man erst seine Vorteile.

Die da wären?

Jugendliche Gockeleien beispielsweise kann man mit einem Lächeln bedenken. Die besten Freunde aus meiner Kindheit leben noch – mit 20, 30 hat man teils erbitterte Kämpfe geführt. Heute steht man gelassen darüber. Dann bin ich mit 70 dankbarer als früher, ich habe viel Glück gehabt im Leben, und das ist nicht mein Verdienst. Und je älter ich werde, desto weniger wichtig nehme ich mich selbst, und desto wichtiger wird mir mein Engagement. Ich weiss heute auch, dass alles in einem wohnt. Vor ein paar Jahren spielte ich in einem Film einen SS-Mann. Als ich die Uniform trug, musste ich gar nicht mehr spielen. Es machte Spass, so zu sein. Ich erkannte, seit Jahren den Faschisten in mir zu bekämpfen. Es ist alles in einem angelegt – oft ist es nur Glück, wenn das Schlechte nicht ausbricht.

Seit einigen Jahren sieht man Sie mit dieser schönen Halskette, bestehend aus bunten Holzperlen. Hat diese Kette eine spezielle Bedeutung?

Diese Kette mit den Friedensfarben habe ich das erste Mal getragen, als wir 2003 mit der «Kultur des Friedens» im Irak waren, um zusammen mit Pazifisten aus über zehn Nationen gegen den Einmarsch und die Bomben der USA zu demonstrieren. Ihr Erlös kommt humanitären Zwecken zugute.

In den Siebzigern sangen Sie mit «Willy» gegen Rechtsradikalismus an, in den Neunzigern mit «Sage Nein!». 2017 ist der Zeitgeist wiederum von einem Rechtsruck geprägt. Wird es nie besser – sondern nur immer schlimmer?

Es ist schon erschreckend, was gerade passiert. Ein paar wildgewordene Machos versuchen die Welt zu regieren. Gleichzeitig aber gibt es eine grosse Gegenbewegung, ich nenne sie gerne den «Aufstand der Leisen» – diese Bewegung wird von den Medien nicht so wahrgenommen. Wenn ich bedenke, dass es allein in Deutschland Millionen Menschen gibt, die sich für Flüchtlinge engagieren, dann sollte uns das zeigen, dass wir die Chance haben, dem Gebrüll der Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen: unsere Empathie. Wie ich in einem Gedicht neulich geschrieben habe: «... Im Nationalismus liegt keine Freiheit,/wie es uns die Parolen brüllenden Populisten der Rechten/einreden wollen./Der Nationalismus ist der Anfang vom Ende der Freiheit./Freie Menschen brauchen keine Krücken,/die aus geschichtsvergessener Dummheit/geschnitzt sind.»

Auf Facebook zitierten Sie kürzlich den italienischen Schriftsteller Franco Berardi: Die europäische Krise sei eine Chance, Europa neu zu erfinden. Wie stellen Sie sich ein neues, besseres Europa vor?

Wie Berardi zu Recht schreibt, muss die europäische Idee neu erfunden werden: ein Europa der Menschen, der Kulturen und nicht ein ausschliesslich wirtschaftlichen Interessen dienendes Bündnis.

Im Lied «Empört euch» (2011) rechnen Sie ab mit Neoliberalismus und Finanzkapitalismus: «... statt an die Güte glaubt man an die Bonität.» Im Rückblick: Wann ging das soziale Denken verloren?

Mitte der Achtzigerjahre kippte etwas. Der Neoliberalismus war schlau, er wartete ruhig die Hippie-Revolution ab, die Friedensbewegung, die politischen Demonstrationen für eine bessere Welt. Irgendwann begannen die Denkfabriken den Menschen einzureden, dass nur Geld zähle. Doch der Neoliberalismus ist ein verlogenes Versprechen, das nur einem Prozent der Menschheit dient – und dennoch hat er die kulturelle Hoheit.

Sie zitieren auch gerne den Religionsphilosophen Martin Buber: «Erfolg ist kein Name Gottes.» War Erfolg nie Ihre Motivation?

Nein, das war er nie. Aber ich habe mich über ihn gefreut. Geschadet hat er mir auch: Ende der Siebzigerjahre war ich etwas grössenwahnsinnig. Mein Drogenproblem hatte auch mit dem Erfolgsdruck zu tun. Wichtig ist: Ich schrieb nie etwas, um Erfolg damit zu haben – das hat mir die Freude am Liedermachen bewahrt.

Bereuen Sie Dinge in Ihrem Leben?

Ich bereue die Zeitverschwendung der Drogenjahre und die Dinge, die ich anderen damals angetan habe.

Bereuen Sie auch die Sexfilme, die Sie Anfang der Siebziger drehten?

Diese Softpornos bereue ich am wenigsten. (lacht) Es war amüsant. Heute sind die nur noch lustig – ganz getreue Fans schauen sie auf Youtube.

Ein Wecker-Klassiker wie «Genug ist nicht genug» ist für viele Fans ein Stück Heimat. In Ihrem Lied «Was passierte in den Jahren» heisst es in einer Zeile: «... und beschliesst für alle Zeiten, nie mehr heimatlos zu sein.» Haben Sie Ihre Heimat gefunden?

Es bleibt immer ein Ziel, eine innere Heimat zu finden. Bestimmte Gedichte sind eine geistige Heimat für mich. Im herkömmlichen Sinn sind sicher Bayern und die Toskana meine Heimat.


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