Auftakt-Adventskonzert des Lucerne Chamber Circle: Virtuos über alle Abgründe hinweg

CHAMBER CIRCLE ⋅ Der Countertenor Andreas Scholl eröffnete prominent die Adventskonzerte des Lucerne Chamber Circle im KKL. Dieser setzt in der aktuellen Saison neben Alter Musik auch ganz neue Programmakzente.
04. Dezember 2017, 04:38

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Der Lucerne Chamber Circle, seit 1999 die älteste Konzertreihe im KKL, eröffnete seine Saison traditionsgemäss am ersten Adventssonntag. Und gab eine passende Visitenkarte ab für den Fokus auf Alte Musik in historischer Aufführungspraxis. Dafür stand gestern nicht nur der Countertenor Andreas Scholl als Star ohne Starallüren, sondern auch das Ensemble 1700 um die Blockflötistin Dorothee Oberlinger. Man fragte sich allerdings, wie ein Programm, das weltliche und geistliche Musik des Spätbarock etwas bunt zusammenwürfelte, eine Dramaturgie der Erwartung einlöst, die man mit Advent verbindet.

Tatsächlich hatte Andreas Scholl seinen ersten Auftritt bereits zu Beginn in Bachs Kantaten-Arie «Jesus schläft, was soll ich hoffen». Und auch wenn der warm timbrierte Altus des Sängers bereits Qualitäten zeigte, die die Matinee prägten, lag Spannung im Raum. Denn die hier beschworene Angst vor des «Todes Abgrund» stand in verstörendem Kontrast zur Hoffnung, die wir mit Advent verbinden. Und das Konzert löste die Wende hin zur Zuversicht mit einer Über­raschung ein, die über die Erwartungen hinausging.

Seelenschmerz und Instrumental-Jubel

Den Weg dahin ebnete schon Bachs viertes Brandenburgisches Konzert. Neben den solistischen Blockflöten (Oberlinger und Emiliano Rodolfi) stach schon hier die Violine von Dmitri Sinkovsky heraus. Der Geiger, der letztes Jahr am Osterfestival in Luzern fulminant debütierte, schüttelte eng verzahnt mit den Flöten und dem Ensemble sprühende Figurationen musikantisch leicht und pointiert aus dem Ärmel. Für ungebremste barocke Lebenslust standen so die Instrumentalstücke: mit auch mal gepeitschten Akzenten in Vivaldis «La Follia», zum Temporausch gesteigert in Vivaldis Concerto in C-Dur für Flautino, in dem Oberlinger noch die wirbligsten Figurationen gestochen scharf artikulierte.

Diesen Vitalisierungsschub griff auch der Sänger auf. Scholl steigerte seinerseits in der Kantate «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust» die Ausdrucksmittel, wenn er dem Freudentaumel der Instrumentalmusik das Entsetzen über eine gottlose Welt voller «Rache und Hass» entgegenhielt. Da steigerte sich der beschwörende Erzählton und der klagende Schmelz seiner Stimme auch mal zum erregten Flattern und Stammeln. Es war, als ob uns einer ins Gewissen redete, allerdings mit Kammermusik vom Feinsten, wenn die Flöte ihre Figurationen mit einem Staccato darunterlegte, als sei sie es, die Gott «frech verlachte».

Das zweite vokale Hauptwerk löste diese Klage nicht auf, sondern stellte ihm mit dem Liebesschmerz in Händels «Mi palpita il cor» ein weltliches Pendant zur Seite, wo Scholl mit wild ausschlagenden Koloraturen für dramatischen Furor sorgte. Einen Hoffnungsschimmer und die Überraschung lieferte die Zugabe: In Purcells «Sound the Trumpet» legte Sinkovsky seine Geige weg und verschmolz seinen hellen Altus mit jenem von Scholl zum betörenden Hoffnungs­gesang: eine schöne Pointe in einem ganz aus einem improvisatorischen Geist heraus musizierten Programm.

Vom «Messias» bis zu David Garrett

Wirklich eingelöst wird die Adventshoffnung auch beim Chamber Circle erst vor Weihnachten. Am 10. Dezember kann man im Konzertsaal «Christmas with the King’s Singers» feiern, am 22. Dezember steht Händels Messias mit dem King’s Consort auf dem Programm. Ergibt sich dieser Fokus auf Musik zur Weihnachtszeit aus der Alten Musik? «Nein, eines unserer Erfolgs­rezepte ist, dass wir unsere Konzerte auf fixe Feiertage legen, weltliche wie geistliche», sagt Christoph Müller, einer der Initianten des Chamber Circle.

So bietet die Reihe Alternativen zum Neujahrskonzert («West Side Story» mit dem Gershwin Quartet, 30. Dezember) und Neujahrskonzert (Camerata Salzburg, 7. Januar). Ein neuer Farbtupfer in dieser Saison ist ein Konzert mit dem Star-Geiger David Garrett (1. Februar). «Kammermusik gehörte beim Chamber Circle immer schon dazu», sagt dazu Müller: «Aber wir spüren schon, dass etwa das Luzerner Sinfonieorchester inzwischen auch Kammermusik im KKL anbietet – zu Preisen, bei denen wir als nicht subventionierter Veranstalter nicht mithalten können. Garrett ist ein Beispiel, dass wir künftig stärker auch darauf achten, einmal den Konzertsaal ganz voll zu haben.»

Hinweis

Programm des Lucerne Chamber Circle: www.swissclassics.ch.

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