Paulo Coelho – aus dem Spionagespiel wird tödlicher Ernst

NEUER ROMAN ⋅ Der brasilianische Starautor Paulo Coelho schreibt über die legendäre Tänzerin Mata Hari. Und zeigt, wie sie zum gesellschaftspolitischen Bauernopfer wurde.

28. November 2016, 07:28

Mata Hari, so der Künstlername der holländischen Tänzerin Margaretha Zelle, hat die Menschen zeit ihres Lebens fasziniert. Und nach ihrer Hinrichtung 1917 erst recht. Das gilt bis heute. Paulo Coelho hat ihr seinen neuen Roman gewidmet. Die Genre­bezeichnung ist wichtig: Coelho erlaubt sich erzählerische Freiheiten und verweist am Ende des Buches korrekterweise auf biografische Werke über Mata Hari.

Auch er folgt natürlich den wichtigsten Fakten in Mata Haris Leben, interessiert sich aber vor allem für das Psychogramm der Protagonistin sowie für den gesellschaftlichen Hintergrund, der sie selber und ihr Schicksal geprägt hat. Hier nutzt er den interpretatorischen Spielraum auf spannende Art. Den grössten Teil des Buches erzählt er in Form eines Briefes von Mata Hari an ihre Tochter. 1917 in ihrer Wahlheimat Frankreich wegen Spionage verurteilt, blickt sie im Gefängnis auf ihr Leben zurück.

Sündenbock, um vom Krieg abzulenken

Coelho macht nie einen Hehl aus seiner Überzeugung, dass die Spionageanklage gegen Mata Hari auf fadenscheinigsten Indizien beruhte. Mata Hari war, so Coelho, der willkommene prominente Sündenbock, um die französische Öffentlichkeit von dem grausam sinnlosen Gemetzel des Ersten Weltkrieges abzulenken. Hierbei kann er sich stützen auf öffentlich zugängliche Dokumente des britischen Geheimdienstes, gemäss denen Mata Hari den Deutschen keine relevanten Informationen geliefert hat. 2017, hundert Jahre danach, werden die Akten des Prozesses gegen Mata Hari öffentlich. Und wohl zu einer weiteren Klärung des Falles beitragen, bei dem manches im Dunkeln liegt.

Den Persilschein stellt Coelho seiner Heldin aber nicht aus. Dass sie ins Visier der Spionageabwehr geriet, lag auch an ihr selber. Die damals gut 40-Jährige war als Künstlerin längst auf dem absteigenden Ast und versuchte verzweifelt, ihre Karriere wieder in Schwung zu bringen. Um trotz des Krieges aus Deutschland wieder nach Frankreich reisen zu können, liess sie sich von den Deutschen als Spionin anheuern, um sich in Frankreich dann sogleich als Gegenspionin anzubieten.

Verführung als Mittel zur eigenen Freiheit

Ein gefährliches Spiel, das sie wohl nicht immer überblickte und sicher unterschätzte. Ernsthaft betrieb sie die Spionage­tätigkeit nie, vielmehr verliess sie sich auf ihre Fähigkeit, Männer zu manipulieren. Dass sie dann selber zum Opfer von Manipulationen wurde, ist tragische Ironie. Und Coelho findet darin keineswegs eine ausgleichende Gerechtigkeit.

Denn Mata Hari sah im Einsatz ihres Sex-Appeals (zeitgenössische Schilderungen ihrer tänzerischen Darbietungen strotzen vor Superlativen) und ihrer manipulativen Fähigkeiten die einzigen Möglichkeiten, das freie Leben zu führen, das den allermeisten Frauen damals verwehrt war. Ihre eigene Sinnlichkeit war in Bezug auf das Tanzen wohl authentisch, in Bezug auf ihr Sexualleben wohl nicht. Coelho zeigt, dass eine Vergewaltigung in ganz jungen Jahren und die anschliessende trostlose und gewaltreiche Ehe mit einem viel älteren Mann sie wohl bewogen hat, Sex als Mittel zum Zweck zu empfinden.

Als Margaretha Zelle verliess sie damals ihren Mann (und auch ihre Tochter), um als Mata Hari ein neues Leben anzufangen. Ein Leben ohne Fremdbestimmung in einer männlich dominierten Welt. Dafür bezahlte sie einen hohen Preis. Doch liest man Coelhos Buch, gewinnt man den Eindruck: Das war es ihr wert. Aber es stimmt wohl auch, wenn sie sagt: «Ich bin die Frau, die im falschen Jahrhundert geboren wurde.»

Arno Renggli
arno.renggli@luzernerzeitung.ch


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