Blumen des Bösen und vieldeutige Abstraktion

KUNSTBUMMEL ⋅ In Luzerner Galerien sind derzeit Werke von Irene Naef und Otto Lehmann zu sehen – bewegte Malerei und handfestes Handwerk. Eine weitere Ausstellung zeigt junges Schweizer Kunstschaffen.
18. März 2017, 08:43

Malerei bewegt sich nicht. Was früher galt, ist heute dank neuer Technologien überholt. Angesichts der Arbeiten von Irene Naef (55) im Ausstellungsraum der Hilfiker Kunstprojekte in Luzern ist die Erkenntnis unvermeidlich: Und sie bewegt sich doch. Mal so langsam zwar, dass die Bewegung kaum sichtbar ist, manchmal so schnell wie ein Jet, der seine weisse Spur in den blauen Himmel zieht.

Die Luzerner Künstlerin malt ihre Bilder am Computer. Im eigentlichen Sinn sind es Videos, die allerdings keine Geschichten erzählen, sondern in denen reale Phänomene durch Kombination und Überlagerung zu abstrakten Mustern verdichtet werden.

Zu bewegten Bildern verarbeitet

Aufnahmen von Wasserwirbeln, Spiegelungen, Schaumbläschen, aber auch von Rasenstücken, aufgewirbelten Blättern, Regentropfen oder eben auch von einem Jet am Himmel sind das Ausgangsmaterial, das die Künstlerin durch verschiedene technische Manipulationen zu bewegten Bildern verarbeitet. Durch Beschleunigung oder Verlangsamung der einzelnen Sequenzen, durch eine neue Farbgebung und vor allem durch das Zusammenschneiden der verschiedenen Motive werden die realen Abbilder verfremdet und in vielschichtige und vieldeutige Abstraktionen transformiert. So wird harmloser Seifenschaum zu einem mächtigen Lavastrom, der endlos aus einem Vulkankrater quillt.

Doch es sind nicht Hektik und Dramatik, welche die neuen Arbeiten von Irene Naef so besonders machen. Es ist die meditative Grundstimmung, die zu kontemplativer Betrachtung einlädt, welche die bewegte Malerei auszeichnet. Speziell ist auch das Format der Bildschirme, auf denen die Malerei erscheint. Es entspricht den Massen eines Handys. Die Bildschöpfungen der Künstlerin wären also handytauglich – allerdings zu einem ziemlich exklusiven Preis.

Auf neue Errungenschaften und Gadgets der Elektronik verzichtet der Luzerner Künstler Otto Lehmann (73) bei seiner Arbeit. Er baut in seiner Kunst auf handfestes Handwerk. In seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Müller in Luzern zeigt er Farbstiftzeichnungen aus der Serie «Noli me tangere» («Nicht berühren»). Es sind durchwegs expressive Arbeiten, ausgeführt mit kräftigem, festem Strich. Viel Druck und Energie stecken in den Zeichnungen, die zwar ästhetisch sehr ansprechende Formen und Gebilde zeigen, deren Oberfläche allerdings trügerisch ist. Was sich wie exotischer Blütenzauber ausnimmt, sind in Wahrheit Blumen des Bösen, krankmachende Viren und Bakterien, mit denen man besser nicht in Berührung kommt.

Thema stetig weiterentwickelt

Die Serie «Noli me tangere» beschäftigt den Künstler seit geraumer Zeit, in der sich das Thema stetig weiterentwickelt hat. Neu sind in der Ausstellung plakatgrosse Zeichnungen zu sehen, die eigentliche Kaleidoskope der gefährlichen Organismen sind.

Arbeiten von neun vorwiegend Schweizer Künstlerinnen und Künstlern sowie von einem Künstlerduo präsentiert die aktuelle Gruppenausstellung in der Luzerner Kunsthalle. Ausgewählt wurden die Kunstschaffenden aufgrund ihres Jahrgangs: Sie alle wurden in den 1980er-Jahren geboren. Das ist denn auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Denn in ihrer künstlerischen ­Arbeit, ihren Mitteln und Ausdrucksformen unterscheiden sich die Künstler so sehr, dass sie kaum vergleichbar sind. Ebenso wenig kann die Ausstellung für sich beanspruchen, repräsentativ für eine Künstlergeneration zu sein. Trotzdem sind in der bunt gemixten Schau ein paar interessante Werke zu finden. So beispielsweise die konzeptuelle Arbeit von Sebastian Utzni. Seine vier Bilder dokumentieren die Farbnuancen von vier zu Rekordpreisen verauktionierten Bildern.

Bemerkenswert sind auch die drei Gemälde der Solothurnerin Dimitra Charmandis und die Bilderserie der Luzerner Künstlerin Irene Bisang. Doch insgesamt zeichnet sich die Ausstellung durch eine gewisse Beliebigkeit und künstlerisch unkritische Selbstgenügsamkeit aus.

 

Kurt Beck

kultur@luzernerzeitung.ch


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