«Café Society» – eine historische Versöhnung mit Hollywood

FRAME-FILMKRITIK ⋅ In seinem neusten Streich «Café Society» erzählt Woody Allen von einem jungen New Yorker, der in Los Angeles beim Film Fuss fassen will und mokiert sich über das jüdische Milieu.

10. November 2016, 17:17

Vordergründig ist «Café Society» ein Film, der mit der für Woody Allens Kino typischen Beiläufigkeit von einem jungen Mann namens Bobby (Jesse Eisenberg) erzählt. Dieser zieht in den 1930ern von Brooklyn nach Hollywood, in der Hoffnung, sein Onkel (Steve Carell), der eine Schauspieleragentur leitet, könne ihm einen Job geben. Doch hintergründig ist der Film die Auseinandersetzung Allens mit seinem einstigen Feindbild Los Angeles.

Der New Yorker Stadtneurotiker hat Hollywood lange verabscheut und ist jeweils auch den Oscarverleihungen fern geblieben. 1977 stöhnte er in seinem Meisterwerk «Annie Hall»: «Ich will nicht in einer Stadt leben, deren einzige kulturelle Errungenschaft es ist, dass man bei Rotlicht an der Ampel rechts abbiegen darf.»

Nun zeichnet er die Stadt in hellen Farben als Ort des (sexuellen) Abenteuers und der steilen Aufstiegsmöglichkeiten. Bobby zeigt sich vom Gerede in Hollywood um Kassenschlager und Stars «halb gelangweilt, halb fasziniert» und findet in Vonnie (Kristen Stewart), einer Sekretärin seines Onkels, die grosse Liebe. Im zweiten Teil des dialektisch aufgebauten Filmes heiratet Bobby in New York eine andere Frau (Blake Lively). Diese begehrt er zwar, liebt sie aber nicht so sehr wie Vonnie, in die sich auch sein Onkel verguckt hat.

Die Situationskomik rund um die amourösen Verstrickungen ist amüsant, weil Allen mit Suspense arbeitet: Als Zuschauer weiss man stets mehr als die Figuren, die eine Erzählstimme aus dem Off einführt. Die Figuren sind hervorragend besetzt. Herausragend im Ensemble ist Kristen Stewart. Sie spielt Vonnie hinreissend mit scharfen Blicken und verführerisch heiserer Stimme. Schliesslich ist «Café Society» auch eine milde Satire auf das jüdische Milieu, über dessen Doppelmoral sich der atheistische Allen mokiert.

So mag Bobby nicht mit einer Prostituierten schlafen, weil sie jüdisch ist, und seine Mutter lässt einen lästigen Nachbarn von ihrem Sohn aus dem Weg schaffen. Als der zum Tode verurteilt wird, bekehrt er sich vor der Hinrichtung zum Christentum, weil Juden nicht von einem Leben nach dem Tod ausgehen. Erst stelle sich ihr Sohn als Mörder heraus, nun sei er auch noch ein Christ, sie wisse gar nicht, was schlimmer sei, jammert dessen Mutter. Es gibt viel zu lachen in dieser luftig-leichten Komödie.

Christian Jungen

Liebes-Tragikomödie von Woody Allen. Kinostart: 10. November 2016. (Tel-A-Vision, 25.10.2016)

Liebes-Tragikomödie von Woody Allen. Kinostart: 10. November 2016. (Tel-A-Vision, 25.10.2016)




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