Das Kreuz mit dem Stau

KARFREITAGSKONZERT ⋅ Vom Osterfestival Andermatt in den Maihof, Luzern: Der Chor Molto Cantabile und der Kirchenchor Bürglen realisierten mit den Festival Strings Lucerne eine Zusammenarbeit mit Modellcharakter.
16. April 2017, 09:27

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

Den Tagen über Ostern kommt im weltlichen Jahr wie im Kirchenjahr eine besondere Bedeutung zu. Zum einen sind sie mit Karfreitag das wichtigste christliche Fest. Zum anderen schätzen viele die vier Feiertage als zusätzliches Feriengeschenk für die Fahrt in den Süden, wie der Rekordstau vor dem Gotthard bewies.

Bewusst wurde einem das am Karfreitag selber. Da stand am Osterfestival in der Pfarrkirche von Andermatt das programmatisch zentrale Konzert auf dem Programm. Inhaltlich galt das für Joseph Haydns Meditationen über «Die sieben letzten Worte unseres Herrn Jesus am Kreuze» und Schuberts Stabat Mater. Die Aufführung selber setzte mit einer exemplarischen Zusammenarbeit einen Akzent: Unter der Leitung von Andreas Felber traten erstmals der Luzerner Chor Molto Cantabile und der Kirchenchor Bürglen (Einstudierung Armin Wyrsch) mit den Festival Strings Lucerne auf.

Festival-Idee in Andermatt beginnt zu greifen

Aber der geistliche Höhepunkt wurde durch den weltlichen Osterbetrieb überschattet. Zwei Stunden Stau vor dem Gotthard? Wer sich davon abschrecken liess, von Luzern den Weg nach Andermatt anzutreten, konnte das freilich mit gutem Gewissen tun. Denn gestern wiederholten dieselben einheimischen Kräfte die – hier besprochene – Aufführung im Maihof in Luzern.

Dem Publikumsandrang in Andermatt tat das zwar keinen Abbruch. Aber Jörg Conrad, der Leiter des Osterfestivals, bestätigt, dass der späte Ostertermin für sein Festival Folgen hatte. «Wir verzeichneten mehr Besucher aus Andermatt selber. Und Rückmeldungen zeigen uns, dass wir auch deutlich mehr Bewohner aus Samih Sawiris’ Resort gewinnen», sieht Conrad seine Idee für das Festival bestätigt: «Aber wir spüren auch, dass wegen des späten Ostertermins mehr Leute weggefahren sind. Unter dem Strich egalisieren wir die Besucherzahlen vom letzten Jahr», zieht Conrad erfreut Bilanz.

Kirchensaal Maihof bringt Klangkulturen zusammen

Bei der Aufführung gestern in Luzern standen andere Fragen im Zentrum, die aber ebenfalls das Osterfestival betreffen. Dieses nämlich brachte erst den Luzerner Qualitätschor Molto Cantabile mit dem qualitativ stärksten Urner Chor (Conrad) zusammen.

Hier ein schlanker Projektchor und dort ein traditioneller Kirchenchor, die sich zu einem 70-köpfigen Grosschor verbinden – das steht für unterschiedliche Klangkulturen und die Idee, diese nach beiden Seiten hin zu verbinden. Und dafür war der Maihof-Kirchensaal ideal, weil er seinerseits die Deutlichkeit eines Konzertsaals mit der Fülle einer Kirchenakustik verbindet. Damit hatte dieses Projekt in jeder Hinsicht Modellcharakter – und löste ihn auf hohem Niveau mit einem erstaunlich homogenen Gesamtklang ein.

Schon Haydns «Jesus-Worte» (in der Fassung für Chor, Solisten und Orchester) zeigten, wie sich damit beides, Transparenz und Fülle, verbinden lässt. Der umrissscharfe, durchsichtige Chorklang ermöglichte kammermusikalische Intimität, wo die «Jesus-Worte» quasi Wort für Wort mit harmonisch doppelbödigen Akzenten auf «Blut», «Sohn» oder «Ewigkeit» ausgeleuchtet wurden. Er hatte aber auch durchdringende Kraft, wo er Gottes «Macht und Stärke» majestätisch beschwörte und sich in den warmen Sopranspitzen zum Jauchzer steigerte.

Vorzügliche junge Solisten

In Schuberts Stabat Mater kam zu atmosphärischen, abwechslungsreich registrierten Stimmungswerten die Beweglichkeit hinzu, mit der fugierte Passagen rasch und locker hingetänzelt wurden. Auch wenn man sich noch mehr von jenem angriffigen Gestus gewünscht hätte, der das abschliessende Terremoto bei Haydn nach allen Seiten aufzucken liess, waren die Festival Strings Lucerne für diese Koproduktion ideale Partner. Und das galt erst recht für die Solisten, wo Felber bei der Wahl vielversprechender junger Stimmen eine glückliche Hand bewies. Das galt neben Laura Binggeli (Alt) und Daniel Pérez (Bass) vor allem für die Sopranistin und den Tenor, die bei Schubert prominent exponiert waren: Wie Christina Boner-Suter engelhaften Glanz mit warmer Expressivität verband und Nino Aurelio Gmünder seinen Tenorschmelz zu bedrängendem Ausdruck steigerte, war grosse Klasse.

Hinweis

Letzte Konzerte des Osterfestivals Andermatt: heute, 20 Uhr, Ensemble Mozart con Tromba mit Matthias Höfs, Trompete.
Ostermontag, 17. April, 19 Uhr: Superbrass London (beide in der Pfarrkirche Andermatt).
www.swisschambercircle.ch


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