Hanreti – den Luzerner Songs Geheimnisse lassen

NEUES ALBUM ⋅ Hanreti sind ein Studioprojekt und eine Band mit Heimatbasis in Luzern. Die vier Musiker machen sich die vielfältigsten Einflüsse so zu eigen, wie das wenige können.

30. November 2016, 06:44

Indie-Rock, Hip-Hop-Beats, Pop, Psychedelik, Soul, Cosmic Country: Kunterbunt fliessen die Einflüsse zusammen und gerinnen bei Hanreti zu schlüssigen Songs. Es wimmelt von Zitaten quer durch die Popgeschichte, aber man hat sie noch nie so gehört. Die Band beweist Geschmack, Können, Experimentierfreude. Vor allem hantiert sie mit der richtigen Portion Lo-Fi-Unschärfe, die den Songs ihr Geheimnis lässt, das anderen Bands oft zu poliert über die Lippen kommt.

Die Tracks auf dem neuen Hanreti-Album «Cuetrigger» klingen nach verschollenen Hits aus den Dachkammern der frühen 1970er-Rockmusik. Gleichzeitig sind sie ganz von heute.

Sanfter Maniac

Mit dem Lift geht es in den sechsten Stock. Über den Dächern von Luzern hat Timo Keller (31) sein Studio eingerichtet. Hier stehen Instrumente, Verstärker und Lautsprecher herum und wird geprobt. Es ist ein Kreativ-Space, in dem man die Tage vergessen, die Nächte vergessen, die Zeit vergessen und wahrscheinlich auch so ziemlich verhangen könnte.

Keller ist oft hier. Ein so umtriebiger wie sanfter Maniac, immer dran, immer Musik im Kopf. Er spürt eine Mission, die zunächst nur für ihn gilt. «Ich will einen Fussabdruck hinterlassen. Wenn es mit der Musik nicht klappt, mache ich ein Kind», sagt er mit einem Lächeln. Er habe einen kindlichen Traum: «Ich würde extrem gerne etwas Schönes und Gutmütiges machen, damit die Leute den ganzen Shit vergessen können.» Es sind sehr oft die talentiertesten Musiker, die so romantisch denken.

Auf der Terrasse brutzeln ein paar Würste auf dem Grill. Eine Flasche Wein wird entkorkt. Da sind Schlagzeuger Mario Hänni, Bassist Rees Coray, Gitarrist Jeremy Sigrist und der Produzent himself: Keller begann erst vor drei Jahren Gitarre zu spielen. Inzwischen prägt er die Band auch mit seinem schlendernden Freak-­Crooner-Gesang. Diese vier Musiker bilden die Live-Ausgabe von Hanreti.

Langsam zieht die Dämmerung auf. Es wird kühl auf der Terrasse. Man diskutiert über das Selbstverständnis der Band. Der kuriose Weg, wie sie entstanden ist. Am Anfang waren die «gesammelten Werke», wie Timo Keller die über 100 Songskizzen nennt, die sich auf der Festplatte angesammelt hatten und vor lauter Produktivität dort liegen bleiben. Meistens waren es Beats und Samples, die er von verschiedenen Schlagzeugern einspielen liess und teilweise schon ausgereift bearbeitet hatte.

Sein engster Partner in Beats wurde Mario Hänni, einer der umfassendsten und innovativsten Schlagzeuger der jungen Schweizer (Jazz-)Generation. Wie Bassist Rees Coray hat er eine Jazzausbildung gemacht, aber spielt auch mit Pop- und Elektronikprojekten (Pablo Nouvelle). Auch Coray wurde schnell ein geschätztes Mitglied der Live-Crew.

Eines Tages hörte Ex-Alvin-Zealot-Gitarrist Jeremy Sigrist die «gesammelten Werke» und war vom Material beeindruckt. Das setzte letztlich den Hanreti-Prozess in Bewegung. Keller nickt. «Ohne Jeremy gäbe es die Band nicht.» Dann wurden sie von Kapnorth eingeladen, in Deutschland zu spielen. Auf dieser Tour wurden Hanreti eine Band. Das Label Little Jig zeigte Interesse an einem Album. «Alt F» erschien, später noch eine EP. Dann gewannen sie den Kick Ass Award für den besten Song 2015.

The Beatles entdeckt

Bis vor drei Jahren hat Timo Keller ausschliesslich Hip-Hop gehört und produziert. «Es gab für mich nichts anderes.» Er grinst. «Zurzeit bin ich musikalisch auf der Stufe eines Sechzehnjährigen, der es total geil findet, The Beatles entdeckt zu haben.» Soul-Sachen faszinieren ihn, Folk, Jazz, alles ist plötzlich eine Fundgrube, die Keller inspiriert. Mit seinem Sampling-Mind und dem Groove-Fundament seiner Hip-Hop-Jahre adaptiert er so ungeniert wie intuitiv die Essenzen der Pop- und Rockgeschichte und orchestriert damit die Live-Einspielungen der Band zum fertigen Song.

«Für mich ist Hanreti immer noch stärker ein Studioprojekt», sagt Hänni. Man sitze nicht, wie bei den meisten Bands üblich, stundenlang im Proberaum und jamme, bis sich etwas abzeichne. «Timo kommt mit einer Idee, ich spiele die Beats, Res und Jeremy schalten sich ein, so wird etwas ganz konkret entwickelt.» Am Ende ist es wieder Timo Keller, der mit seinem Produzentenohr am Mischpult nochmals seine Feinabstimmung dazugibt.

Mit diesem Prozedere entstand diese seltsam stimmige Mischung aus hippiesken Psych-Pop-Songs und zeitgenössisch entschlackter Beat-Praxis, die auf «Cuetrigger» den Hippie zum Hip-Hop bekehrt und umgekehrt. Hanretis frische Angehensweise ist sehr effizient und offen für alle möglichen Transformationen. «Dass wir eine Band geworden sind, hat das neue Album stark beeinflusst. Es ist alles mehr aus einem Guss», sagt Coray.

Gemeinsamer Flow

Mastermind Keller hat ein gutes Händchen, die richtigen Leute für seine Ideen zu finden. Umgekehrt haben auch seine Musiker-Kollegen viel Respekt für ihren Gitarristen, Sänger und Produzenten. Die Chemie scheint zu stimmen, die Musik spricht davon. Es sei nicht nur das Spielen, das sie verbinde, sagt der Schlagzeuger. «Wir hören auch zusammen Musik, diskutieren, können einen gemeinsamen Flow entwickeln. Das erlebe ich bei Hanreti als sehr befruchtend», sagt Hänni. Und ja. «Wir alle sind ready für den Fussabdruck.»

Pirmin Bossart
kultur@luzernerzeitung.ch

Hörprobe aus dem neuen Album «Cuetrigger». (youtube.com, 30.11.2016)

Hörprobe aus dem neuen Album «Cuetrigger». (youtube.com, 30.11.2016)




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