Der Aufschwung hat erst begonnen

PIANO-FESTIVAL ⋅ Das erweiterte Klavierfestival konnte die letztes Jahr gesteigerte Besucherzahl halten. Und das bei besserer Auslastung und obwohl die Ressourcen, die viele Ausnahmekünstler bieten, noch längst nicht ausgeschöpft werden.

27. November 2016, 05:00

Das Piano-Festival, das heute mit einer Kammermusikmatinee beendet wird, führt den letztjährigen Erfolg unter anderen Vorzeichen weiter. Der Einbezug eines zweiten Wochenendes hatte damals die Zahl der Besucher auf gut 17000 gesteigert, allerdings bei einer leicht geringeren Auslastung. Jetzt stieg auch die Gesamtauslastung wieder um 4 auf 89 Prozent.

17400 Besucher kamen jetzt zum Festival, davon 11900 zu den 13 Konzerten und rund 5500 zu den Gratisveranstaltungen. Der Tastentag zum Thema «Russische Klavierschule» verzeichnete 1800 Besucher, 5000 Jazz-Fans besuchten die Gratis­veranstaltungen von «Piano off-stage».

Ausnahmekünstler und verpasste Chancen

Mit dem zum zweiten Mal durchgeführten Thementag zeichnete sich dabei erst behutsam ab, dass das Piano-Festival von neuen Formaten profitieren könnte, die Lucerne Festival im Sommer erprobt. Unverständlich blieb etwa, dass Igor Levit, der seinen Spass an Lectures im Gespräch mit unserer Zeitung bekräftigte, nur als Interpret am Flügel vorgestellt wurde. An den quasi vorauseilenden Standing Ovations für Kit Armstrong im Freitagsdebüt in der Lukaskirche spürte man förmlich, wie gern das Publikum am Leben dieses gross gewordenen Wunderkindes auch über diese Rezitalbegegnung hinaus teilgenommen hätte. Und dass Cameron Carpenter seine Hightech-Orgel nur einer Hand voll Kindern präsentierte, war ein fernsehtaugliches Format, aber als geschlossener Festivalanlass eine verpasste Chance.

Die Beispiele belegten aber, wie breit das Erlebnisspektrum selbst im Fall traditioneller Rezitals ist: Bei Levit ermöglichte es, wie im Eröffnungskonzert mit Grigory Sokolov, eine Goldgräber-Sternstunde musikalischer Interpretation, bei Carpenter ein Spektakel mit starken Sinnenreizen. Und Kit Armstrong zeigte sich allein schon durch seine Programmzusammenstellung als Ausnahmepersönlichkeit. Das hätte in der Lukaskirche in Luzern bis hin zur Zugabe gegolten, mit der Armstrong sein Debüt beschliessen wollte. So erzählte er freimütig, er hätte gern das folgende Choralvorspiel auf der Orgel gespielt. Dass er das Instrument nicht öffnen konnte, zeigte, dass Künstler mitunter spontaner sind, als sich das Veranstalter vorstellen. Aber wie der 24-jährige Pianist auf dem Flügel in fein ausbalancierten Stimmgeflechten die Melodie zart singen liess, offenbarte doch den «geborenen Bach-Interpreten», als den ihn Alfred Brendel früh gefeiert hatte. Das Programm als Ganzes verfolgte Entwicklungslinien der Virtuosität und des Kontrapunkts von Byrds Virginalmusik zu Mozart und Liszt: Auch interpretatorisch bestach es durch die Verbindung von virtuoser Prägnanz und klanglicher Expressivität, wobei der volle, mitunter wuchtige Klavierklang mit der Kirchenakustik zusammenhängen mochte. Besser auf diese eingestellt hatte sich Andrew Tyson im Debüt am Tag zuvor in einem Programm, das Direktvergleiche ermöglichte. In Sonaten von Domenico Scarlatti nämlich hatte der letztjährige Geza-Anda-Preisträger den Klavierklang so durchsichtig differenziert, dass man selbst die Gitarren rasseln hörte, die den Italiener in Spanien inspiriert hatten. Mehr als feinsinnigen Poeten denn als virtuosen Entfesselungskünstler erwies er sich dann als Zukunftshoffnung in Werken von Chopin und Liszt.

Sichere Werte auf dem Prüfstand

Zu einem Festival gehören aber auch Stars und sichere Werte. Wie relativ Letztere sein können, daran erinnerte am Freitag im Konzertsaal die von Murray Perahia vom Flügel aus geleitete Academy of St Martin in the Fields. Das einst marktbeherrschende Klassikensemble war von der Originalklangbewegung überholt worden, bevor es auf seine Art wieder Anschluss fand.

Das demonstrierte der vitale Schneid, mit dem das Orchester den Aufruhr in Beethovens Klavierkonzerten Nr. 1 und 3. hineintrug. Auf die Herkunft aus einer moderaten Klassiktradition verwiesen dagegen die romantisch-weich ausgekosteten, langsamen Mittelsätze. Hier wie dort erwiesen sich das Orchester und Murray Perahia als ideales Gespann, wobei der Pianist mit sportlich-virtuoser Attacke in den Ecksätzen und schwebend ausgehorchten Mystizismen in den Mittelsätzen die Gangart bestimmte.

Hinweis

Abschlusskonzert heute, 11 Uhr, Konzertsaal KKL: Lars Vogt und Freunde spielen Kammermusik von Brahms (Klaviertrio Nr. 1 u. a.)

Urs Mattenberger


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