Der Nobelpreisträger unter den Provinzlern

KINO ⋅ Ein argentinischer Literaturnobelpreisträger kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück ­ und provoziert ganz unterschiedliche Reaktionen. Daraus resultiert eine reizvolle Gesellschaftssatire.
12. April 2017, 05:00

Peter Mosberger

kultur@luzernerzeitung.ch

Der argentinische Schriftsteller Daniel Mantovani (Oscar Martínez) ist als Literaturnobelpreisträger ein gefeierter und gefragter Mann. Mit Ruhm und Reichtum hat aber auch ein gewisser Überdruss eingesetzt. Lustlos antwortet er zumeist mit einem «No» auf die von seiner Sekretärin vorgetragene Liste von Einladungen zu Lesungen oder Preisverleihungen in der ganzen Welt – bis er den Namen der argentinischen Kleinstadt Salas hört.

Dort, in einem kleinen Nest in der tiefen Provinz, ist der grosse Preisträger aufgewachsen. Und vom Leben der Menschen, das er vor über vierzig Jahren zurückgelassen hat, zehrte auch massgeblich sein literarisches Werk.

Kurioses Vergnügen ­ nimmt bedrohliche Züge an

Mantovani nimmt also die Einladung an, und die Rückkehr an den Schauplatz, der viele seine Romane inspiriert hat, führt zu angenehmen wie unangenehmen Begegnungen. Er trifft etwa seine erste Liebe (Andrea Frigerio) wieder, die sich als eine der wenigen im Ort aufrichtig über das Wiedersehen freut und inzwischen mit Mantovanis einstigem Konkurrenten (Dady Brieva) verheiratet ist.

Der Autor macht daneben aber auch mit der Engstirnigkeit oder dem Neid von angeblichen alten Freunden Bekanntschaft, währenddem eine Dorfschönheit ihre ganz persönliche Agenda verfolgt. Was in den Augen des neuen Ehrenbürgers von Salas als kurioses Vergnügen begonnen hat, gewinnt im weiteren Verlauf sogar bedrohliche Züge.

Engagement wird ­ als Hochmut interpretiert

Mit «El ciudadano ilustre» («The Distinguished Citizen») des Regie-Duos Mariano Cohn und Gastón Duprat überrascht das argentinische Filmschaffen nach dem Erfolg der schwarzen Komödie «Relatos salvajes» («Wild Tales – Jeder dreht mal durch!», 2014) erneut mit einer Burleske, die ein Zeitphänomen auf ebenso unterhaltsame wie vielschichtige Weise zu gestalten weiss. Waren es in «Relatos salvajes» die Frustrationen des zeitgenössischen (argentinischen) Alltags, bildet hier der Wunsch nach Bekanntheit oder Berühmtheit ein hintergründiges Leitmotiv.

Im geradlinig inszenierten Film, der mit seiner Mischung aus leichter satirischer Überzeichnung und dokumentarischer Beobachtung die Aufmerksamkeit fesselt, nimmt man Anteil an Mantovanis Bemühungen, den Menschen seiner alten Heimat seine Verbundenheit zu ­beweisen. Wenn dieses Engagement, zum Beispiel als Jury-­Mitglied eines lokalen Kunstwettbewerbs, von den anderen oft ins Gegenteil verkehrt und als Hochmut interpretiert wird, verleiht das der Satire gerade ihren besonderen Reiz.

Hervorragender ­Hauptdarsteller

Im Provinziellen von Salas widerspiegelt sich so gewissermassen das Provinzielle schlechthin. Und aus Schweizer Perspektive erinnert einen der Plot nicht zuletzt auch ein wenig an Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». In beiden Fällen kehrt eine erfolgreiche Persönlichkeit in das Kaff ihrer Kindheit zurück und provoziert vielfältige Reaktionen. Interessant sind auch die Unterschiede: Während sich Dürrenmatts Dorfbewohner vor allem als willfährige Bewunderer erweisen, beharren die argentinischen Provinzler auf ihrem Eigensinn und verderben es sich lieber mit «ihrem» weltberühmten Mann.

Dass einem Mantovanis Erlebnisse dabei durchaus nahegehen, liegt wesentlich am feinen Spiel des Hauptdarstellers Oscar Martínez, der in fast jeder Szene präsent ist. Für seine Leistung erhielt er am letztjährigen Filmfestival von Venedig denn auch den Preis als bester Darsteller.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Video: The Distinguished Citizen - Trailer

Originaltitel: «El ciudadano ilustre». Tragikomödie von Mariano Cohn und Gastón Duprat. Kinostart: Donnerstag, 13. April 2017. (Tel-A-Vision, 11.04.2017)




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