Was ist «Heimat»?

AUSSTELLUNG ⋅ Das Stapferhaus Lenzburg lässt den Besucher Heimat sinnlich, aber auch nüchtern ideologiefrei erleben. Heimat in der Höhle, auf dem Riesenrad oder in der Geisterbahn sind einige Stationen.
16. März 2017, 04:29

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Müssen Sie die Scholle unter Ihren Füssen spüren, um sich daheim zu fühlen? Oder wird es Ihnen heimelig ums Herz, wenn Sie in einer Bar auf Bali vorm Laptop sitzen und auf der digitalen Datenautobahn fahren? Das Stapferhaus Lenzburg trifft mit der Ausstellung «Heimat. Eine Grenzüberschreitung» einen durch die Zuwanderungsdebatte stark überreizten Zeitnerv.

Dass das Thema Heimat szenografisch viel bieten würde, wurde den Ausstellungsmachern bereits bei den Recherchen klar. Von einer mobilen Roadshow durch die Schweiz bis zum Schiffscontainer-Dorf seien so einige Ideen in der Luft gelegen, sagt Projektleiter Detlef Vögeli. Entschieden habe man sich für ein heiteres Bild: die Chilbi. Schliesslich hängt an der so manche heimatstiftende Kindheitserinnerung. Zudem könne man auf dem Tummelplatz auch Grenzerfahrungen (auf der Achterbahn) machen und den Horror des Heimatverlustes als «unheimlichen» Geisterbahn-Trip erleben.

Bereits 2016 hatte das Team um Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger an 12 Schweizer Chilbis 1000 Besucher auf einem Riesenrad zu ihrem Heimat begriff befragt. Neben den ortstypischen Assoziationen sind die in der Ausstellung und auf der Homepage www.1001heimat.ch einzusehenden Antworten erstaunlich disparat. Was für den einen der Duft von Grossmutters Apfelkuchen ist, ist für den anderen eine Coop-City-Filiale. Gerüche scheinen unter sinnlichen Eindrücken allerdings die meisten Erinnerungen hervorzurufen.

Der Staat Schweiz wichtiger als die einzelnen Kantone

Am meisten assoziiert wurden Heimatgefühle mit Menschen (95 Prozent), Landschaften (94 Prozent) sowie Traditionen und ritualisierten Handlungen (91 Prozent). Der Ort auf der Landkarte war gerade mal für 67 Prozent der Befragten relevant. Wichtigstes kollektives Bezugssystem bildete in dieser Kategorie das Staatsgebilde Schweiz, nicht der viel beschworene «Kantönligeist».

Wer die Ausstellung in Lenzburg besucht, erhält eine Handvoll Jetons in die Hand gedrückt und wird erst mal in den «Uterus» zurückgeschoben. In einer runden Höhle auf Sitzkissen liegend betrachtet man eine gewölbte Decke, auf der eine projizierte «Ursuppe» vor sich hin wabert. So lange, bis sich eine Tür öffnet und man von der Wohlfühl­oase in eine Geisterbahn geschubst wird. Der Boden bebt, Baugeräusche hämmern ins Ohr. In einer Videosequenz werden den für die Region eierlegenden Migros-Hühnern im Staccato die Köpfe abgeschlagen. Hinter einer verschlossenen Tür bitten ausländische Stimmen um Einlass.

Naturzerstörung und Überfremdung

Parteiplakate des rechten und linken Flügels verbreiten Weltuntergangsstimmung: Eine riesige Baumwurzel zerfrisst Schweizer Boden, Bagger reissen mit ihren Schaufelmäulern Löcher in den Boden, und ein die Hände zum Rütlischwur erhobener Tell warnt vorm Völkerbund. Es sind die in der Umfrage am meisten genannten Ängste vor Heimatverlust, die hier ein Gesicht bekommen: Naturzerstörung (35 Prozent), Überbauung (28 Prozent) und Überfremdung (27 Prozent). Geteilt werden sie von rund der Hälfte der befragten Chilbi-Besucher.

Dieser sinnliche Einstieg fesselt wegen seiner offensichtlichen Botschaften kaum. Spannender wird die Ausstellung, wenn sie sich für das individuelle und kollektive Konzept von Heimat öffnet. In einem mit Fäden durchkreuzten Raum stehen Holz­pavillons wie Bedeutungsinseln. Darin teilen Menschen ihre von der Norm abweichenden Vorstellungen von Heimat in Videobotschaften und mit ausgelegten persönlichen Gegenständen. Da ist der digitale Nomade, Kitesurfer und Podcaster Marcus Meurer, der Dinge sagt wie: «Heimat ist dort, wo ich gerade bin.»

Dort die US-Amerikanerin Beth Zurbuchen, Direktorin des Swiss Center of North America. Die kocht in ihrer Küche so deftig wie ihre Schweizer Vorfahren und strahlt dabei mehr Swissness aus als ein Schweizer Original.

Aktuelle und überholte Konzepte von Heimat

Nachdem man mit einem Riesenrad eine Runde gedreht hat und im Obergeschoss durch ein Gartentor mit der als Parkordnung angebrachten Schweizer Verfassung schreitet, lösen sich die individuellen Heimatvorstellungen in Luft auf. Jetzt geht es um aktuelle und überholte Schweizer Heimatkonzepte und um Visionen, bevor man sich auf den Mond schiessen lässt, um nach Betrachtung der Erde einen personalisierten Heimatschein ausgestellt zu bekommen.

Diese nüchterne, ideologiebefreite Betrachtung von Heimat macht den Besuch dieser Ausstellung äusserst lohnenswert. Das in der Begleitbroschüre veröffentlichte Interview des Journalisten Peer Teuwsen mit den vier Präsidenten der grössten Schweizer Parteien macht deutlich, wie sehr die Umfrageergebnisse auf dem Riesenrad sich in die eine oder andere Richtung drehen liessen – würde man sie für ideologische Zwecke missbrauchen.

 

Zahlreiche Menschen befragt

Was ist Heimat für Sie? Wie viel Heimat brauchen wir? Ist die Heimat bedroht? Mit diesen und vielen weiteren Fragen hatte sich das Stapferhaus für das Projekt «1001 Heimat» im Vorfeld auf Schweizer Tour begeben. Vom Lenzburger Jugendfest über die Basler Herbstmesse, den Weihnachtsmarkt Montreux bis hin zur Chilbi an der Olma und in Weinfelden. An 12 Jahrmärkten sind die Ausstellungsmacher mit der Kamera auf Stimmenfang gegangen. Auf dem Riesenrad wurden die Bevölkerung sowie einige lokale Prominente zum Thema Heimat befragt. Die Gespräche sind Teil der Ausstellung, können aber auch auf der interaktiv gestalteten Seite www.1001heimat.ch abgerufen werden. Dort lässt sich dann  zum Beispiels erfahren, dass auf die Frage, welche Landschaft man mit Heimat verbinde, 60 Prozent mit «Berge» geantwortet haben.

as


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