Der Gardemaler des Papstes

CHAM ⋅ Robert Schiess stand viele Jahre im Dienste des Vatikans. Zu Lebzeiten hoch angesehen, verschwand der Künstler nach seinem Ableben allmählich aus dem Bewusstsein der Einheimischen. Nun widmet ihm die Gemeinde eine grosse Gedenkausstellung.

12. Oktober 2016, 05:17

Es ist, als wäre man mitten in eine Sammlung alter Meister geraten, betritt man den Mandelhof: Das Chamer Verwaltungsgebäude ist vorübergehend zur Gemälde­galerie erweitert worden. Bilder unterschiedlicher Formate hängen im Foyer und in den «Pawlatschen» aller Etagen. Es ist wohl das erste Mal, dass der Mandelhof in solchem Masse auch als Kunsttempel dient – und das erste Mal ist es auch, dass das Werk eines bedeutenden, doch weithin vergessenen Chamer Künstlers in solch umfangreicher Gesamtheit öffentlich gezeigt wird.

Die Ausstellung ist Robert Schiess (1896 bis 1956) gewidmet, Maler aus Cham und insgesamt 28 Jahre lang Schweizer­gardist im Vatikan. Zu diesem ­ehrenvollen Amt war Schiess gekommen, nachdem er 1921 mit Malkasten und Zither durch Italien gereist war und sich im Anschluss mit Erfolg bei der Schweizergarde beworben hatte. Bei seinem Eintritt im April 1923 wurde Schiess sogleich zum «Dekorationsmaler» der Schweizergarde ernannt. Später – nach einer längeren Dienstpause – wurde er beim Wiedereintritt zum «Kunstmaler» der Garde erhoben.

Alle Kommandanten von 1506 bis 1955

Robert Schiess’ Fertigkeiten ­waren sowohl inner- als auch ausserhalb der Vatikanstadt gefragt, die Aufträge entsprechend zahlreich. Er schuf – oft auf Bestellung – Kopien grosser italienischer Meister der Renaissance und des Barock, porträtierte Heiligenfiguren im Stile Raffaels. Auch entstanden Dutzende Landschaftsbilder aus Italien gleichwie aus seiner Heimat am Zugersee. Und in den Quartieren der Schweizergarde im Vatikan führte Schiess grossflächige Dekorationsmalereien aus, welche heute noch erhalten sind. Ausserdem entstanden mehrere Gemälde mit dem allgemeinen Thema der Schweizergarde, darunter auch Selbstporträts.

Einer der bemerkenswer­testen Aufträge, welche der Chamer in Rom erhielt, war eine Porträtserie sämtlicher Gardekommandanten seit Anbeginn der Schweizer Dienste im Vatikan anno 1506. Nach aufwendiger Recherche entstanden 27 Porträts von Kaspar von Silenen (im Dienst 1506 bis 1517) bis Heinrich Pfyffer von Altishofen (im Dienst 1942 bis 1955). Die Bilder hängen seither im Büro des Gardekommandanten in Rom. Einen zweiten Satz dieser Porträtserie in einem etwas kleineren Format schenkte Robert Schiess der Gemeinde Cham. Es mutet an wie die gemalte Geschichte der Garde: Die abgebildeten Kommandanten sind ­jeweils dem Zeitgeschmack ­entsprechend gekleidet. Mit Halskrause der Renaissance, Haarpracht der Barockzeit, Perücken und Attributen des Rokoko und so weiter bis zum Erscheinungsbild der Garde im 20. Jahrhundert.

Die Chamer Serie hat ihren Platz bis heute im Singsaal des Schulhauses Kirchbühl. Dies insofern zum Bedauern der Ausstellungsmacher im Mandelhof, als die Gemälde dort oben kaum Beachtung finden, geschweige denn von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. So war es denn das Ansinnen der Kuratoren Ignaz Staub und Heiri Scherer, das umfangreiche und stilistisch breite Werk des bedeutenden Chamer Künstlers, der heute aus dem Gedächtnis der Bevölkerung weit­gehend verschwunden ist, mit dieser aufwendigen Ausstellung wieder in Erinnerung zu rufen.

95 Werke haben die Kuratoren zusammengetragen – aus dem Fundus der Einwohnergemeinde, aus Privatbesitz, aus dem Gardemuseum in Naters. Hauptaugenmerk liegt zweifelsohne auf der eindrucksvollen Porträtserie, welche zentral im Foyer chronologisch auf Stellwänden angeordnet und mit Notizen von Robert Schiess persönlich versehen sind.

Weiter legen mehrere Landschaftsmalereien, Porträts aus Schiess’ familiärem Umfeld, Veduten und Stillleben Zeugnis ab vom breit gefächerten Schaffen des Chamers, der sich nach seinem Austritt aus der Schweizergarde auf Ischia niederliess, wo er im Dezember 1956 starb. Eigens aus dem Kloster Einsiedeln herbeigeschafft worden ist ein grosses Schiess-Porträt von Papst Pius XII. Das Delikate an diesem Bild: Seine Eminenz wollte nicht lange genug ruhig sitzen bleiben, sodass Schiess die Hände nicht mehr ausführen konnte. Deshalb sprang kurzerhand Wachtmeister Adolf Karlen aus Zug ein, um für die Händepartie Modell zu stehen.

Als Bonus innerhalb der Ausstellung sind auch drei unvollendete Gemälde des einst weltbekannten «Kaisermalers» Philip de László vorhanden, bei dem Robert Schiess vorübergehend eine Arbeitsstelle hatte. Sein Meister schickte ihn jedoch laut polternd zum Teufel, nachdem Schiess eigenmächtig ein Porträt von ­Lászlós Sohn angefertigt hatte.

Ein Werk von hohem ideellem Wert

Die Bedeutung von Schiess’ Œuvre geht weit über die Maltechnik oder den monetären Wert der einzelnen Gemälde hinaus. Obschon die Qualität der Bilder von einer routinierten Hand, einem sicheren Pinselstrich sowie einem ausgeprägten historischen Verständnis zeugen, so mag Robert Schiess in den Augen manchen Kunstkenners zwar «nur» ein Dekorations- und Auftragsmaler geblieben sein. Aber der ideelle Wert seines hinterlassenen Werkes ist umso grösser, ist es doch einerseits für den Kanton Zug und besonders für die Gemeinde Cham gewissermassen identitätsstiftend.

Andreas Faessler


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