Der Provokationskünstler

AUSSTELLUNG ⋅ Heute beginnt das achte Plakatfestival Weltformat in Luzern und Emmenbrücke. Stargast der diesjährigen Ausgabe ist der deutsche Plakatkünstler Klaus Staeck.

24. September 2016, 05:00

Neben einem dieser durchdesignten Plakate, wie man sie in der gegenwärtigen Party- und Kulturszene antrifft, wirken selbst neuere Arbeiten des deutschen Künstlers Klaus Staeck schwerfällig und etwas oberlehrerhaft. Parolen in Gelb und Signalrot, obszön montiert in Werbefotos oder Klassikern der Kunstgeschichte, erinnern in ihrer Machart mehr an die Collagen-Experimente der Dadaisten als an das smarte Plakatdesign von heute.

Das ändert nichts daran, dass Klaus Staeck, diesjähriger Stargast am Luzerner Plakatfestival Weltformat, mit der Grundaussage seiner Plakate immer noch ins Schwarze trifft. Bis heute hat der 1938 geborene Verleger, Rechtsanwalt und Künstler, gegen dessen Kunst in den letzten Jahrzehnten 41 Mal ohne Erfolg prozessiert worden ist, an die 300 Plakate geschaffen. In Deutschland sorgen sie seit Jahrzehnten für Zündstoff. Denn dieser Künstler schneidet mit der Wort-Bild-Schere, die auf seinen Plakaten klafft, tief ins schlechte Gewissen der Bürger und Politiker.

«Ein wichtiges Ziel meiner Tätigkeit war immer die Schaffung einer Art Gegenöffentlichkeit», schreibt Staeck, der sich als SPD-Mitglied immer dagegen gewehrt hat, für Parteiinteressen vereinnahmt zu werden, in einem seiner Rückblicke. 1976 antwortete ein CDU- Politiker bei einer Ausstellung in Bonn auf seine Weise auf diesen unabhängigen Blick: Er zerriss eines von Staecks Plakaten. Staeck erhielt später ein paar müde Mark Schadenersatz. Das Ereignis ging als «Bonner Bildersturm» in die Geschichte ein.

Die obszöne Seite der Konsumkultur

Auch wenn Staecks Motive – fettige Burger und riesige Pommes-Portionen – nicht mehr ganz in unsere Smoothie-verrückte Welt passen, so hat sich an den Grundproblemen, an denen unsere Welt krankt, nichts geändert: Die Scheinheiligkeit politischer Debatten, die obszöne Seite der Konsumkultur, die soziale Ungerechtigkeit, der desolate Zustand unseres Planeten – das sind Staecks Themen. Wenn in einem seiner Werke eine Welthalbkugel ausgepresst auf einer Zitronenpresse liegt, stösst uns das heute noch sauer auf.

Trotzdem hat es Staecks Kunst heute vermutlich schwerer als noch in den 1970er-Jahren, als sich politische Kunst noch nicht darauf beschränkte, 22 Flüchtlingsboote an der Fassade des Florenzer Palazzo Strozzi anzubringen, wie es der chinesische Künstler Ai Weiwei gerade getan hat. Auch die Bilderflut des Internets mag dafür verantwortlich sein, vor allem aber mag es an Staecks idealistischer Haltung liegen, die nicht mehr richtig provozieren kann, weil man sich gegen Idealismus heute mit Abgeklärtheit panzert. Es wäre spannend, zu erfahren, was Staeck von der Auftragskunst hält, die in der gerade zu Ende gegangenen Manifesta in Zürich zum Thema «What People Do For Money» produziert wurde.

Die Schweiz wurde auch schon Zielscheibe seiner Kunst. 1998, inmitten der Nazigold-Debatte, montiert Staeck unter die im Abendrot glühenden Symbolberge Eiger und Mönch zwei riesige Goldbarren wie zwei mächtige Grundpfeiler. Deren eingravierte Schokoladenwerbung lässt die Barren wie in Goldpapier eingewickelte Schokoladentafeln aussehen. Darunter der Satz «Gemeinsames kulturelles Erbe als tragfähige Basis für Europa».

Zur Kunst fand der ausgebildete Jurist als Autodidakt. Nach ersten Holzschnitten in den 1960er-Jahren montierte Staeck 1971, zum 500. Geburtstag des deutschen Malers Albrecht Dürer in dessen berühmtes Porträt seiner alten Mutter den Satz: «Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?» und liess das Bild als Plakat an 300 Nürnberger Litfasssäulen kleben. Die Resonanz war enorm. Auf den Redaktionen und der Stadtverwaltung liefen die Drähte heiss, und in Kürze wurde das Plakat von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen für ihre Interessen instrumentalisiert.

Europas schizophrene Haltung zur Flüchtlingskrise

Mit Collagentechnik und Massenvervielfältigung einem Klassiker der Kunst­geschichte die Aura zu nehmen, liegt in Staecks Interesse. Der Elfenbeinturm hat ihn nie interessiert. Seine Kunst ist Massenware. Noch heute vertreibt er seine Plakate ohne Exklusivitätsanspruch als ganze Sets kostengünstig im Internet.

Den Umweg über ein fest im kulturellen Gedächtnis verankertes Bild geht er auch in einem Werk aus dem Jahr 2014 (siehe Bild), welches auf das Flüchtlingsbootsunglück vor der Küste Lampedusas anspielt. Staeck montierte das historische Gemälde «Floss der Medusa» des französischen Malers Théodore Géricault (1791–1824) in ein EU-blaues Meer, über dem die Sterne der Union funkeln.

Die Fregatte «Medusa» war Teil eines Konvois, mit dem die Franzosen sich auf den Weg machten, die Kolonie Senegal von den Briten zu übernehmen. Als die «Medusa» auf Sand auflief, verweigerten der künftige Gouverneur Senegals und dessen Entourage den anderen Besatzungsmitgliedern den Zugang zu den Rettungsbooten. Während diese teilweise leer blieben, kämpfte der Rest auf notdürftig gezimmerten Flossen um sein Leben.

Der französische Maler hatte mit diesem Gemälde bei der Herbstausstellung des Pariser Salons 1819 für einen Eklat gesorgt, denn das Ereignis passte ebenso wenig ins Selbstbild Frankreichs wie die 390 toten Flüchtlinge bei Lampedusa ins Selbstbild des sich auf seine humanitäre Tradition berufenden Europa. Die kolonialistische Vergangenheit Europas, seine Verdrängung der Flüchtlingskrise, die zynischen Debatten um Flüchtlingskontingente angesichts menschlicher Katastrophen – all das hat Staeck auf wundersame Weise in diesem Plakat thematisiert. Nur ein Beispiel für die subtilen Querbezüge, die er in seiner Kunst herzustellen fähig ist.

Hinweis

Klaus Staeck: «Nichts ist erledigt». Luzern, Rössligasse 12, Erfrischungsraum. Bis 2. 10. Einführung: heute Sa, 16.30. Infos zu allen 10 Ausstellungen: www.weltform.at

Julia Stephanjulia.stephan@luzernerzeitung.ch


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: