Der ganz normale Wahnsinn

FRAME-FILMKRITIK ⋅ Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi dokumentiert in «Fuocoammare», wie unbeeindruckt von der Flüchtlingstragödie die Italiener auf Lampedusa leben.

21. Oktober 2016, 09:46

Auf der italienischen Insel Lampedusa sind in den letzten 20 Jahren über 400 000 Flüchtlinge gestrandet; 15 000 sind beim Versuch, von Afrika mit dem Schiff nach Europa zu gelangen, gestorben.

Der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi («Sacro GRA») hat sich aufgemacht, zu erforschen, wie die Inselbevölkerung mit der Tragödie umgeht. Er hat 18 Monate auf ­Lampedusa gelebt und ist in dieser Zeit mit der Kamera nah an die Menschen herangegangen.

Seine Hauptfigur ist der 12-jährige Fischerssohn Samuele. Er spielt am liebsten mit einer selbstgebastelten Steinschleuder und scheint nichts von der Not der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Afrika mitzubekommen, die sich auf hoher See abspielt, wo überfüllte Schiffe von der Küstenwache aufgegriffen werden.



In einer schonungslosen und beklemmenden Szene zeigt Rosi, wie die Seewache Dutzende von Leichen aus dem Bauch eines Holzschiffes birgt; die Überlebenden, viele dehydriert, werden nummeriert und fotografiert. Ein Nigerianer singt in einem Lied davon, wie er gefoltert wurde und in Libyen vor dem IS flüchten musste.
Lange hat man das Gefühl, dass sich die Geschichten auf und um Lampedusa, ähnlich wie im Direct Cinema eines Frederick Wiseman, wie von selber erzählen, ohne dass Rosi mittels Kommentar oder Einblendungen etwas erklärt. Doch vieles ist arrangiert. So erfahren wir, dass Samuele auf einem Auge schlecht sieht – ein Symbol dafür, dass die lokale Bevölkerung das ganze Ausmass der Flüchtlingstragödie nicht wahrnimmt. Sie beklagt sich nicht über die Ankömmlinge, denn Fischer nehmen alles an, was aus dem Meer kommt, aber die Italiener lassen sich auch nicht von ihrem Alltagstrott abbringen.


«Fuocoammare» ist ein Dokumentarfilm mit eindringlicher Bildsprache. Der Goldene Bär der diesjährigen Berlinale ist aber zu viel der Ehre, weil der Film doch ziemlich unfokussiert ist.

Christian Jungen

Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi dokumentiert in «Fuocoammare», wie unbeeindruckt von der Flüchtlingstragödie die Italiener auf Lampedusa leben. (Youtube, 21.10.2016)

 

Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi dokumentiert in «Fuocoammare», wie unbeeindruckt von der Flüchtlingstragödie die Italiener auf Lampedusa leben. (Youtube, 21.10.2016)




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