Der getriebene Fritz Lang

KINO ⋅ Alle kennen sie, die Melodie aus «Peer Gynt», anhand derer der Mörder in «M» überführt wird. Wie der berühmte Regisseur Fritz Lang zu seinem Thema kam, erzählt nun der biografische Spielfilm «Fritz Lang». Und stellt eine heikle These auf.

13. Oktober 2016, 06:43

Fritz Lang (1890–1976) hatte es mit dem Gigantismus. Für den Film «Metropolis» kamen als Statisten ein paar tausend Arbeitslose zum Einsatz, die sich allesamt den Schädel kahl rasieren mussten. Mehrere hundert Kinderdarsteller fehlten ebenso wenig wie kolossale und kostspielige Bauten. Doch 1930 wollte er weg vom Monumentalfilm: «Das war der falsche Weg. Menschenmassen und Maschinen, das will ich alles nicht mehr. Ich will nur noch den Menschen – einen Menschen.»

Diese Worte spricht Fritz Lang (Heino Ferch) im gleichnamigen deutschen Spielfilm von Gordian Maugg. «Fritz Lang» (2015) zeigt den berühmten österreichisch-deutschen Regisseur in der Krise. Der Tonfilm hat sich durchgesetzt, und Lang – der stumme Science-Fiction-Film «Frau im Mond» läuft gerade mit mässigem Erfolg in den Kinos – ist auf der Suche nach einem neuen Stoff. Den liefert ihm eine Schlagzeile in der «Berliner Zeitung» über einen Serienmörder in Düsseldorf – die Geburtsstunde von Langs erstem Tonfilm «M – Eine Stadt sucht einen Mörder».

Historisch-biografischer Überbau

Maugg führt Fritz Lang ein als rastlose Person, die Ablenkung im Kokain und im schnellen Sex mit einer Prostituierten sucht. Die Ehe mit der Drehbuchautorin Thea von Harbou (Johanna Gastdorf) ist gescheitert. Nach einer Nacht im Berliner Scheunenviertel packt Lang übereilt seine Koffer. Kein Wort zu seiner Frau.

Der «eine Mensch», von dem eingangs die Rede war, ist Peter Kürten (Samuel Finzi). Der Triebtäter hat schon mehrfach gemordet. Einen Invaliden, junge Frauen, Kinder. Die Suche nach dem Mörder hält eine ganze Stadt in Atem. Die Recherchen zu seinem neuen Filmprojekt konfrontieren Fritz Lang mit den eigenen Abgründen. Er verschafft sich Zugang zu Polizeimaterial. Die Bilder der Ermordeten und die Begegnung mit einer Freundin eines Opfers wecken die Geister der Vergangenheit: Seine erste Frau Elisabeth Rosenthal starb 1920 durch einen Schuss aus Langs Offizierspistole. Die Polizei musste die Untersuchung einstellen, der Tod Rosenthals wurde als «Unglücksfall» deklariert. Über die Figur des Kriminalrats Gennat (Thomas Thieme), der damals wie heute die Ermittlungen führt, konstruiert Gordian Maugg seine Story mit realgeschichtlichem und biografischem Überbau.

Eigenwillige Antwort auf eine ungelöste Frage

Maugg flicht nun Archivmaterial in seinen Schwarzweissfilm ein: Aufnahmen aus Wochenschauen der 1920er- und frühen 1930er-Jahre, Bilder vom städtischen Leben damals – und von der Suche nach dem Düsseldorfer Mörder. Das wirkt anfänglich leicht irritierend, da sich das Archivmaterial in der Qualität natürlich markant abhebt, funktioniert aber dann gut, wenn Szenen aus «M» suggerieren, wie sich der zukünftige Film vor dem geistigen Auge des Regisseurs Lang zu konkretisieren beginnt. «Fritz Lang» will, ebenso wie «M», auf verschiedenen Ebenen funktionieren: als Thriller, als Krimi, in dessen Zentrum die Ermittlungsmethoden der Polizei stehen, und als Psychogramm – das von Fritz Lang.

Derart knüpft Maugg an den dokumentarischen Stil von «M» an, der ein Augenmerk auf die exakte Wiedergabe von Polizeimethoden und der Auswirkungen der Mörderhatz auf die Gesellschaft gelegt hatte. Während Lang auf die Kraft der Vorstellung setzte, findet die grausame Brutalität bei Maugg ihre konkrete Entsprechung in Bild und Ton. Im Vordergrund steht also nicht so sehr der Umgang mit Triebtätern – etwas, das auch heute noch beschäftigt –, sondern, was die Auseinandersetzung mit dem «Vampir von Düsseldorf» in Lang auslöste. Insofern ist «Fritz Lang» eine eigenwillige Antwort auf die entscheidende ungelöste Frage im Leben des grossen Regisseurs.

Um einen Vergleich der beiden Werke kann es auch gar nicht gehen. Dass sowohl Kriminalrat Gennat als auch Peter Kürten in Mauggs Spielfilm natürlich eine wichtige Rolle einnehmen, gereicht «Fritz Lang» eher zum Nachteil, obwohl beide ihre Sache gut machen. Zu stark sind Otto Wernicke alias Kriminalkommissar Lohmann und Peter Lorre als Serienmörder Hans Beckert, die als eine der besten schauspielerischen Leistungen der Filmgeschichte gilt. Und Fritz Lang setzte mit seinem ersten Tonfilm formal neue Massstäbe.

Brillanter ­ Heino Ferch

Auf Heino Ferch aber in der Rolle des Fritz Lang lastet dieser Druck nicht. Er erscheint als eine Art Alter ego von Kürten, der die Kontrolle über seine Triebe auch schon verloren hat und sie erneut zu verlieren droht. Brillant.

«Fritz Lang» ist also als kritische Hommage zu verstehen, die das Meisterwerk «M» wieder ins Bewusstsein rückt. Der Film wurde 1934 von den Nazis verboten und wurde danach nur noch in einer zensurierten Fassung gezeigt. Nun liegt «M» restauriert vor, so nah wie möglich am Original von 1931.

Regina Grüter

Berlin 1931: Ein Kindermörder versetzt die ganze Stadt in Angst und Schrecken. Immer wieder schlägt er zu und die Obrigkeit ist machtlos. Bis sich ihm auch die Kriminellen an die Fersen heften. (youtube.com, 13.10.2016)

Berlin 1931: Ein Kindermörder versetzt die ganze Stadt in Angst und Schrecken. Immer wieder schlägt er zu und die Obrigkeit ist machtlos. Bis sich ihm auch die Kriminellen an die Fersen heften. (youtube.com, 13.10.2016)




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