Die Mächtigen haben Dario Fo gefürchtet

NACHRUF ⋅ Theaterleute, Profis wie Amateure, liebten seine Stücke. Jetzt ist Dario Fo im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war eine Art Clown, der in der Wahl seiner satirischen Ziele auch grosse Namen nicht scheute.

14. Oktober 2016, 08:23

Es ist ein Zufall, dass am gleichen Tag, als der Literaturnobelpreis an Bob Dylan ging (siehe Seite 3), der Tod von Dario Fo bekannt wurde. Denn Fo hatte diesen wichtigsten Literaturpreis überhaupt 1997 selber gewonnen.

Damals sprachen viele Kritiker vom «grössten Fehlurteil» der Stockholmer Akademie, während andere Stimmen eine «mutige Entscheidung» attestierten. Typisch, denn Dario Fo hat zeitlebens provoziert und polarisiert.

Putins Hirn in Berlusconis Kopf

So hatte Fo sein höchst angespanntes Verhältnis zum einstigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi als «Wettstreit zweier Berufskomiker» bezeichnet. Mit seiner 2003 uraufgeführten Bühnenarbeit «Der anormale Doppelkopf» – ein mehr als zweistündiges Zweipersonenstück, das er mit seiner Frau Franca Rame spielte – hatte er in Italien ein gigantisches mediales Echo ausgelöst. Im Stück hatte er Putins Hirn in Berlusconis Kopf verpflanzt.

«Dario Fo steht in der Nachfolge mittelalterlicher Gaukler. Er geisselt die Machtlosigkeit und richtet die Würde der Schwachen wieder auf», hiess es 1997 in der Jurybegründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees. Und Fo beschrieb sein eigenes kulturelles Credo so: «Wir sind Flegel, und wie allen Flegeln dieser Welt gefällt es uns, zu lachen und zu spotten, grotesk, vulgär und manchmal auch possenhaft zu sein.»

Auf der Bühne verhaftet und abgeführt

Kaum ein anderer Autor war im eigenen Land so umstritten und wurde so angefeindet. Regisseur Pier Paolo Pasolini befand einst über Fo: «Eine Art Pest, die das italienische Theater befallen hat.» Doch nicht nur in Intellektuellenkreisen, denen Fo wegen seiner unkonventionellen Volksnähe ein Dorn im Auge war, regten sich die Kritiker. Politiker, Richter und die katholische Kirche erklärten den Nobelpreisträger zu einer Art Persona non grata. Fernsehsender verbannten ihn vom Bildschirm. Einige Male wurde er auf der Bühne von der Polizei verhaftet und abgeführt. Ob Mafia oder Waffenindustrie, Kirchenstaat oder Umweltsünder: Fo hatte sie alle im Visier.

Dario Fo, der am 24. März 1926 am Ostufer des Lago Maggiore als Sohn eines Eisenbahnangestellten geboren wurde, war eigentlich ein Verlierer par excellence. Sein Studium der Malerei und Architektur brach er ab, und seine ersten Stücke, die er mit seiner 2013 verstorbenen Ehefrau Franca Reme gegründeten Theatergruppe aufführte, wurden verboten. Doch seine grossen Publikumserfolge, die sich zunächst ausserhalb Italiens Ende der 1970er-Jahre mit den Stücken «Bezahlt wird nicht» und «Zufälliger Tod eines Anarchisten» einstellten, führten auch zu einem Umdenken bei der Fachwelt.

Auch in der Schweiz sehr populär

Gerade seine von allen Stilrichtungen und Modetrends unabhängigen Stücke, in denen er scharfzüngig und provozierend gegen die moralische Doppelbödigkeit der Spiessergesellschaft zu Felde zog, begründeten die Erfolge des Enfant terrible. Und dies, wie auch viele Produktionen in der Schweiz zeigten, im Profi- genauso wie im Amateurtheater.

Volkstheater bedeutete für Fo immer, dass die Themen des Volkes auf die Bühne gebracht werden: «Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein.» Gerade deshalb war sein intensiver Kontakt zu den kämpfenden Arbeitern in den 1970ern für das Entstehen seiner Stücke wichtig.

Seine Stücke «Hohn der Angst» (1981) und «Offene Zweierbeziehung» (1984) gehö­ren weltweit zum Repertoire der Bühnen. Dabei war Dario Fo nicht nur ein erfolgreicher Dramatiker. Auch als bissiger Zeitungskolumnist, Sänger, Schauspieler (oft in eigenen Stücken), Regisseur und Bürgermeisterkandidat von Mailand sorgte er für Furore.

Die Folgen eines Schlaganfalls Mitte der 1990er-Jahre hatte er gut überstanden, genauso wie über 40 Gerichtsprozesse. Bis zuletzt gab sich der Hüne von 1,90 Meter Körpergrösse äusserst streitlustig und kreativ. Nun ist eine grosse Stimme des zeitgenössischen Theaters verstummt.

Peter Mohr


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