Maria João Pires als geerdete Solistin

PIANO-FESTIVAL ⋅ Die Pianistin Maria João Pires gastierte mit dem Kammerorchester Basel im KKL. Dirigent war Heinz Holliger, der für den erkrankten Trevor Pinnock eingesprungen war.

25. November 2016, 15:44

Beethovens viertes Klavierkonzert G-Dur hat es in sich: Nebst den technischen und gestalterischen Anforderungen sind auch sozialphilosophische Fragestellungen in das Werk eingearbeitet. Statt des gattungsüblichen Orchestervorspiels stellt sich zunächst die Solistin vor: Da kommt ein Individuum zu Wort, das in den folgenden Sätzen in Dialog mit der Masse des Orchesters tritt.

Maria João Pires spielte das choralartige Statement nachdenklich, beleuchtete jeden Akkord mit dem typischen Tiefgang. Ihre Anschlagskunst faszinierte, jeden Ton holte sie aus dem Tastengrund an die Oberfläche. Pires’ geerdeter, fast rauer, aber nie harter Klang erwies sich als ideal für die Subjektivität, die Beethoven vom Solisten fordert.

Das Konzert überrascht immer wieder mit lyrischen Episoden, nicht selten fühlt man sich an Schubert erinnert. So wirkte Beethoven plötzlich schubert­artiger als Schubert selbst: Vor dem Klavierkonzert hatte das Kammerorchester Basel dessen Ouvertüre D-Dur «Im italienischen Stil» interpretiert. Das Stück wurde bislang noch nie am Lucerne Festival gespielt.

Eine Menge Romantik

Nicht ohne Grund, denn obwohl Heinz Holliger die Ouvertüre anmutig und spritzig formte, haftet ihr eine gewisse Redundanz an. Sie war Schuberts Antwort auf den Rossini-Hype im Wien der 1810er-Jahre. Für Schuberts Personalstil ebnete Beethoven hörbar den Weg; in der üppigen Klavierkadenz steckt eine Menge Romantik. Pires, auch bekannt als wunderbare Schubert-Interpretin, liess sich mal von den rauschenden Läufen mitreissen, mal trat sie einen Schritt zurück und beobachtete die zierlichen Arpeggios.

Im zweiten Satz spielte Pires beseelt und tröstlich gegen die aufbrausenden Unisono-Rufe des Orchesters an. Dort waren die Reibungen teilweise nicht nur metaphorischer Natur: Hie und da herrschte Uneinigkeit bezüglich der Punktierungen, und der Streicherklang hätte durch mehr Homogenität zwingender wirken können.

Individuelle Spielfreude

Im dritten Satz stellt Beethoven der Solistin einen solistischen Cellopart zur Seite – das bis anhin einsame Individuum findet einen Partner. Als Zugabe und wie um die sich anbahnende stehende Ovation zu verhindern, spielte Pires Beethovens fünfte Bagatelle op. 126. Der verinnerlichte und sanfte Vortrag verlieh dieser Miniatur tiefe Bedeutung.

Es folgte Felix Mendelssohns dritte «schottische» Sinfonie. Besonders ohrenfällig die Naturhörner und Naturtrompeten, die die volkstümlich-geerdete Stimmung des Stücks unterstrichen.

Der zweite Satz, ein folkloristischer Tanz, versprühte Rosamunde-Pilcher-Stimmung; das Orchester zeigte so viel individuelle Spielfreude, dass Holliger die Zügel in den Händen behalten musste. Als Zugabe folgte ein glühender dritter Satz der Reformationssymphonie, «weil wir von Mendelssohn nicht genug kriegen können», so Holliger.

Katharina Thalmann
kultur@luzernerzeitung.ch


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