Drama endet im stummen Gebet

FESTIVAL ⋅ Taufrisch wie beim Debüt vor über 20 Jahren: Mit Bachs Matthäuspassion vermenschlichte John Eliot Gardiner radikal das geistliche Herzstück des Osterfestivals.

19. März 2016, 05:00

Urs Mattenberger

In die Arme gefallen sind sich die Konzertbesucher am Donnerstag im Konzertsaal des KKL zwar nicht. Aber der Schlussapplaus war doch über die obligaten Standing Ovations hinaus etwa so enthusiastisch, wie man es vom ersten Auftritt John Eliot Gardiners in Luzern in Erinnerung hat. Der Originalklang-Pionier hatte 1994 Beethovens fünfte Sinfonie wie ein Sturmgewitter durch den Saal im alten Kunsthaus fegen lassen. Beethoven, der Revolutionär, war in Luzern angekommen: Das Publikum rieb sich elektrisiert die Augen und bestätigte sich gegenseitig, dass es einen historischen Moment erlebt hatte.

Tatsächlich öffnete erst dieser Erfolg der historischen Aufführungspraxis in Luzern Tür und Tor. Der damalige Intendant Matthias Bamert sagte später gar, diese Ensembles seien für ihn die grösste Entdeckung in seiner Zeit bei den Musikfestwochen gewesen.

Bekenntnisse vor Gericht

Aber kann man diesen Geist des Aufbruchs über 20 Jahre hinweg bewahren, wie Gardiner im Gespräch mit unserer Zeitung hoffte (Ausgabe vom vergangenen Samstag)? Die Probe aufs Exempel machen konnte man jetzt mit Bachs Matthäuspassion, dem Herzstück der geistlichen Musik dieses Osterfestivals.

Von Anfang an bestätigten Gardiners Stammformationen für das Barockrepertoire ihren exzellenten Rang. Die English Baroque Soloists brachten die instrumentale Einleitung im Wechsel zwischen geschmeidig atmenden Legatolinien und federnd hingetupften Staccati plastisch zum Sprechen. Und der Monteverdi Choir – mit je 14 Sängern in den beidseitig platzierten Chören – verband kristallklare Transparenz bereits hier mit einer unglaublichen Steigerungskraft. Dass sich die Luzerner Sängerknaben nahtlos und strahlkräftig einfügten, stellte auch der beteiligten Luzerner Formation ein vorzügliches Zeugnis aus.

Aber dann nahm Gardiner die ungeheuerliche Geschichte zunächst überraschend in ein privates Kammerspiel zurück. Mark Padmore als sensationeller Evangelist berichtete in fast beiläufigem Erzählton von der sich anbahnenden Verschwörung gegen den Gottessohn. Ins Private verwies auch die Besetzung der Arien durch Sänger aus dem Chor. Wie sie mal zögerlich, mal entschlossen an die Rampe traten, um persönlich Rechenschaft abzulegen, übertrug nebenbei den Charakter der späteren Gerichtsszene auf die ganze Aufführung.

Umschlag ins Dramatische

Dieses Menschliche hatte der Agnostiker Gardiner letztes Jahr in Luzern schon bei Bachs h-Moll-Messe betont. In der Passion jetzt akzentuierten das noch radikaler die individuellen Solo-stimmen wie die Gestaltung der Arien vom Wort her. Die Altistin «knirschte» in «Buss und Reu» gleichsam zwischen den Zähnen, die erste Sopranistin wand sich durch die Schlangen-Metapher in «Blute nur», der Tenor dehnte das «Zagen» leicht manieriert auf die Spitze. Da wurde der Gesang zu Gunsten der Rhetorik auch aufs Äusserste ausgedünnt. Bis im Duett «So ist mein Jesus nun gefangen» beides zusammenfand: Sopran und Altus vereinten sich zu einem irisierenden Wohlklang, der den ersten mystischen Höhepunkt markierte.

Es war der Umschlagpunkt für eine Interpretation, die zur Kreuzigung hin eine unglaubliche dramatische Dynamik entwickelte. Vorbereitet wurde sie durch den Evangelisten, der sich vom schmelzzarten Trauern zu erregter Raserei steigerte und selbst opernhaftes Pathos geschickt einfliessen liess. Von Beginn weg gab der Bassist Stephan Loges keinen Christus mit Heiligenschein, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut, verletzlich, grimmig, hadernd.

Mit den Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir wölbte Gardiner diesen riesigen Spannungsbogen über das ganze Werk hinweg. Der Chor zeigte seine Spitzenklasse nicht nur in den peitschenden und zischelnden Turbachören. Er formte auch die zunächst beschaulichen Choräle zu Stationen dieses Dramas, steigerte sie zu Kampfappellen («Mir hat die Welt»), nutzte sie für sanfte Kontraste («Wer hat dich so geschlagen») und nahm sie schliesslich in die Innigkeit eines stummen Gebets zurück (ein Wunder an Mystik: «Wenn ich einmal soll scheiden»).

Bei diesem Werk mit seinen vielen Unterbrüchen sei es schwierig, eine durchgehende Linie zu finden, hatte Gardiner im Gespräch gesagt. Gerade sie aber wurde in dieser sich vom Kammerspiel zum Weltdrama aufbäumenden Wiedergabe zum überraschenden Ereignis. Tatsächlich eines, das so taufrisch war wie einst Gardiners Beethoven-Revolution für Luzern.


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