Ein Hauch von Asche und Vergänglichkeit

LUZERNER THEATER ⋅ Mehr Performance als Sprechtheater: In «White Out» fasst Regisseur Alexander Giesche die Schönheit der Melancholie fast nur in Bilder. Leider nur fast. Der Mittwochabend liess das Premierenpublikum mit gemischten Gefühlen zurück.
17. März 2017, 04:28

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Was ist in die jungen Theatermacher gefahren? Ein bitterer Geschmack von Endzeitlichkeit liegt derzeit auf ihren Inszenierungen. Wo man hinschaut, Ausnahmezustände, Untergangsszenarien und eine Menschheit, die für den Ernstfall probt.

Bei der Autorin Martina Clavadetscher (*1979) flüchtete sich am Zürcher Theater Neumarkt gerade erst der «letzte Europäer» vor der Bedrohung seines Kontinents in eine heile Kunstwelt. Bei der Theatergruppe Gee Gee Express simulierten letztes Jahr Selbstversorger in einer Stadtgärtnerei den Ernstfall («Semiramis»). Und Regisseur Zino Wey (*1988) inszenierte vor zwei Jahren am Schauspielhaus Zürich Philipp Löhles (*1978) Weltuntergangsszenario «Kollaps».

Es scheint, als stehe diese Generation unter dem tiefen Eindruck, dass wir uns auf einen Endpunkt zubewegen. Ob das eine echte Bedrohung ist oder das Produkt nervlicher Überreizung, lassen diese Stücke ebenso offen wie die Frage, ob wir uns darüber freuen oder daran verzweifeln sollen.

Im Fahrwasser der Verunsicherung

Auch das am Mittwoch am Luzerner Theater aufgeführte Werk des deutschen Regisseurs und Videokünstlers Alexander Giesche bewegt sich im Fahrwasser der Verunsicherung. Giesche, Jahrgang 1982, vom Fachmagazin «Theater heute» 2014 zum Nachwuchsregisseur des Jahres ernannt, schreibt mit den visuellen Mitteln des Theaters Gedichte. Sein Luzerner «visual poem» beschreibt die Schönheit der Me­lancholie. Die heisst inzwischen zwar Depression und gilt als hässliche Sache. In Giesches Werk «White Out – Begegnungen am Ende der Welt» hingegen ist es ein Zustand höchster Selbstbezogenheit, den der Regisseur in seinen ruhigen, überbelichteten Bildern mit dem geologischen Phänomen des «White Out» übersetzt. Dieses Phänomen kennt jeder Skifahrer, der schon einmal unter einer Nebeldecke den Boden vom Horizont nicht mehr unterscheiden konnte. Schwindlig macht das, und orientierungslos. Es wirft einen komplett auf sich selbst zurück.

Eigentlich ist Giesches Inszenierung der Kunstperformance näher als dem Sprechtheater. Wir folgen keiner Geschichte, sondern sehen Zustände. Vom Ende der Welt trennen uns zweieinhalb Minuten. Giesche macht daraus 100 Minuten und den Abend zu einem sehr langen retardierenden Moment. In jedem wunderschönen Bild liegt ein Hauch von Asche und Vergänglichkeit. Ballone werden in die Lüfte gestossen, bis sie kaputtgehen. Der Wasserkocher schaltet sich bei Erreichen des Siedepunktes aus, die Spässchen einer Tischgesellschaft sind bald verbraucht. Die Menschen sind bei sich und ihrem Handybildschirm. Ihre Mienen wirken abgelöscht – besonders die von Verena Lercher, die inmitten der mit einer Art Asche ausge­legten Bühne im Abendkleid an einem festlich gedeckten Tisch sitzt – ein skurriler Regieeinfall!

Derweil schwebt Matthias Kurmann im Tarnanzug als einsamer Pilot an einem Seil über die Bühne – seine Koordinaten werden an die Wand gelasert. Überhaupt besteht dieser Abend aus viel Statistik. Jakob Leo Stark verliest nach Auslösen eines Lawinenairbags in Trekkingmontur die ersten 20 Minuten des Abends Daten aus Nährwerttabellen – von der «Kartoffel, ungeschält» bis zu «Tee, schwarz, trocken». Shopping-Queen Alina Vimbai Strähler macht sich selbst Geburtstagsgeschenke. Und Lukas Darnstädt tanzt mit einem ferngesteuerten Scheinwerfer – sein Flirt mit dem Licht wird zum Flirt mit dem Ego.

Text macht das Bild kaputt

Dass Giesche den Zauber dieser zeitlosen Bilder im Laufe des Abends mehr und mehr durch Textpassagen zerstört, welche die Bilder plakativ in unserer Gegenwart fixieren, ist schade. Problematisch ist auch, dass er bei diesen Metaphern für die Einsamkeit und Selbstbezogenheit sich ganz auf das Gefühl seiner Generation bezieht. Wenn er seine Figuren bei Tisch über die Dating-App Tinder fachsimpeln lässt, war das ältere Premierenpublikum ratlos. Kopfschütteln beim Verlassen des Saales und ratlose Gesichter. Für viele war der Abend eine Überforderung. In der sehr auf Sprache und Publikumsnähe fixierten Sprechtheatersaison hat dieser provokative Beitrag in der Rolle des schwarzen Schafs dennoch seine Berechtigung.

 


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