Ein Herz für Dilettanten und Genies

LITERATUR ⋅ Als künftige Co-Kuratorin des Lyrikforums Babelsprech könnte Michelle Steinbeck (25) bald noch mehr für die junge Literaturszene bewirken, als sie es bereits tut. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht.

27. März 2016, 05:00

Julia Stephan

«Es gibt Büchersammler, das sind Bibliophile; es gibt Geldsammler, das sind Reiche; und es gibt Sammler eigener Werke, das sind schreibwütige Dilettanten und Genies.» Mit diesen Worten wollte der russische Autor Daniil Charms (1905–1942) einst einen befreundeten Literaturwissenschaftler dazu ermutigen, doch selbst literarisch aktiv zu werden.

Junge Underdogs

«Daniil Charms war für mich eine Offenbarung», sagt die Zürcher Autorin, Redaktorin und Veranstalterin Michelle Steinbeck, die den Russen während ihrer Zeit am Literaturinstitut in Biel in ihr Herz geschlossen hat. Ohne ihn würde Steinbecks Zürcher Lesereihe, in welcher schreibwütige Dilettanten ebenso willkommen sind wie arrivierte Genies, nicht das hippe Label «Dilettanten & Genies» tragen. An der ersten Ausgabe erwies Steinbeck dem toten Dichter deshalb im russischen Pelzmantel ihre Reverenz.

In dem Format toben sich seit 2013 die jungen wilden Underdogs der Literaturszene aus, die in Zürich, dem Steinbeck vor drei Jahren noch einen chronischen Lesebühnenmangel attestierte, damals kaum Auftrittsmöglichkeiten fanden.

Ein Festival, das keines ist

Steinbeck bezeichnet ihr Format, zu dem sie in der Zwischenzeit auch eine Anthologie herausgegeben hat, geradeheraus als «Festival». Das ist masslos übertrieben für eine literarische Soiree. Aber tatsächlich soll dort gerüchteweise eine Art Festivalatmosphäre herrschen. Es fliesst der Alkohol, es wird die Nacht zum Tag performt, die Musik ist elektronisch, und Literaten werden auch mal per Videoleinwand zugeschaltet.

Daniil Charms, mit dessen Namen Steinbeck sich auch den Charme teilt – denn der scheint ihrem unbeschwerten Wesen angeboren –, hat auch ihren ersten, in Biel entstandenen Roman «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» geistig mitgeprägt. Steinbeck liess sich von einem Prosastück des russischen Autors inspirieren, in dem ein Mann eine tote Alte in seinem Zimmer findet, in einen Koffer packt, sich in den Zug setzt und den Leser damit ratlos zurücklässt.

Aus der alten Frau zauberte Steinbeck ein Kind und aus der absurden Anlage eine Coming-of-Age-Geschichte, in der eine junge Frau nach ihrem Vater und einem passenden Lebensentwurf sucht.

Der Text wird getragen von der Lust an einer Absurdität, die sich um keine Logik schert und fantastische Blüten treibt. Die Reise der jungen Frau zu sich selbst ist gepflastert mit brachialer Gewalt, die im Text wie selbstverständlich hereinbricht und ohne Konsequenzen bleibt – wie ein actiongeladener Comic.

Erfolgreiche Geschwister

Steinbeck, die derzeit Soziologie und Philosophie studiert, gibt im alternativen Zürcher Kulturzentrum Rote Fabrik die «Fabrikzeitung» heraus, was ihr so verrückte Kontakte wie zur Hackerszene verschafft hat. In diesem Zentrum der 1980er-Revolte bekam die Tochter zweier Lehrpersonen schon als Kind ihre erste Dosis Kultur ab. Das konnte nicht spurlos an ihr und ihren beiden Geschwistern vorübergehen. Schwester Sophie studiert in Hildesheim und Wien kreatives Schreiben. Bruder Oskar vereinigt als erfolgreicher Produzent von Electrodance-Musik unter dem Namen Panda Eyes im Internet Klicks auf sich, die in die Millionen gehen.

Engagement für die Lyrik

Kommt die Finanzierung zu Stande, wird die Frau, die als Kind mal eine Geschichte über einen Aal in einer Badewanne schrieb, mit der Basler ­Autorin Simone Lappert bald die Schweizer Sektion des länderübergreifenden Forums Babelsprech für junge Lyriker leiten. Bislang hatte der Berner Autor Michael Fehr, derzeit Hausautor am Luzerner Theater, für die Schweiz diese Initiative mehrerer deutschsprachiger Kulturinstitutionen betreut.

Das künftige Leitungsteam möchte das Forum, das zu einem Erfolgsmodell für eine sonst eher an den Rand gedrängte Literaturgattung geworden ist, künftig über die Sprachgrenzen ausbauen und der Übersetzung mehr Raum lassen. In ihrer Kuratorinnenrolle könnte Steinbeck aus der aktuellen Literaturszene so hoffentlich noch dem einen oder anderen Genie oder Dilettanten zu mehr Publizität verhelfen.

Hinweis

Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Lenos, 151 Seiten, 22.90 Franken.

Lesung: Mi, 30. 3., 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.


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