Ein Plädoyer für die Rechte von Kindern

KINO ⋅ Der Dokumentarfilm «Double peine» der schweizerisch-kanadischen Regisseurin Léa Pool beschäftigt sich mit der Lage von Müttern, die eine Gefängnisstrafe verbüssen. Das ist eindringlich.
18. April 2017, 05:00

Die «doppelte Strafe» des Filmtitels verweist darauf, dass diese inhaftierten Frauen nicht nur ihre Freiheit verlieren, sondern oft auch ihre Mutterrolle nicht mehr oder nur eingeschränkt ausüben können. Unter dieser Situation leiden vor allem die Kinder, die nicht selten auf sich allein gestellt sind, wie Léa Pool festhält: «Wenn ein Mann ins Gefängnis geht, bleibt die Mutter meist bei den Kindern. Leider ist das umgekehrt eher eine Ausnahme.»

Die Schicksale einiger Mütter und ihrer Kinder stehen im Zentrum des sorgfältig gestalteten Dokumentarfilms. Die Regisseurin hat Frauengefängnisse in vier Ländern besucht und zeigt in ihrem Film auf, wie unterschiedlich der Staat mit der Situation von Müttern umgeht.

Rauer Gefängnisalltag in Bolivien und Nepal

Stationen sind Nepal, Kanada, Bolivien und die USA. Was vielleicht zuerst auffällt, sind die je unterschiedlichen Unterbringungsverhältnisse in den Ländern. Sowohl in Nepal wie in Bolivien sind die Gefängnisse überbelegt, und die hygienischen Bedingungen wirken eher rudimentär. Vor allem private Organisationen kümmern sich hier um das Los der Kinder, welche in Bolivien bis zu einem gewissen Alter auch bei den Müttern wohnen können. Diese Helfer sorgen etwa dafür, dass die Kinder und Halbwüchsigen in einen Hort oder eine Schule gehen können.

Die Zeugnisse betroffener Mädchen und Jungen im Alter zwischen acht und achtzehn Jahren sind in ihrer Schlichtheit oft ergreifend. Sie erzählen vom Alltag oder von ihren Zukunftsträumen, wobei spürbar wird, dass zwischen dem Filmteam und den Betroffenen ein Vertrauensverhältnis entstanden ist.

Vergleichsweise weniger hart erscheinen die Lebensbedingungen von inhaftierten Müttern in den USA oder in Kanada. Die Not springt weniger ins Auge, obwohl sich auch hier vor allem private Institutionen für bessere Strafvollzugsbedingungen einsetzen (Verbesserung der Besuchsräume, Unterstützung der Kinder, Programme für die Reintegration der Mütter). In den USA sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung mehr Menschen inhaftiert als in jedem anderen Land (aktuelle Zahlen sprechen von 716 Häftlingen auf 100 000 Einwohner; 121 sollen es im Vergleich dazu in China sein).

Rund eine Million Strafgefangene sind Frauen, davon sind vier von fünf Mütter. Am Beispiel von zwei Frauen im US-Bundesstaat New Jersey und in der kanadischen Provinz Québec illustrieren die Szenen, dass die Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen den in Obhut lebenden Kindern und ihren Müttern auch in diesen wohlhabenden Ländern organisatorische Anstrengungen verlangt. Und wiederum berühren einen vor allem die Aussagen der einzelnen Kinder.

Was die Episoden aus den vier Ländern verbindet, ist eine gewisse Konzentration auf fest­liche Ereignisse im Gefängnisalltag, wie Weihnachten, Muttertag oder eine Abschlussfeier. Solche Tage schenken den Familien unbeschwerte Augenblicke des Zusammenseins. Gleichzeitig machen diese Szenen deutlich, dass im Strafvollzug für Mütter noch viel zu tun ist – was auch eine Charta der Kinderrechte in Erinnerung ruft, deren Forderungen jeweils eingeblendet werden.

Strafvollzug «von Männern für Männer» konzipiert

Das Hauptproblem für inhaftierte Mütter mag der Umstand sein, dass der Strafvollzug «von Männern für Männer konzipiert wurde», wie es die 1950 in Genf geborene und als junge Frau nach Kanada ausgewanderte Léa Pool pointiert formuliert. Der Film ist eine Art persönliches Plädoyer: «Ich hoffe, durch diesen Film die Rechte und die Interessen der Kinder zu verteidigen, die zu selten in einem Urteil berücksichtigt werden (…).» Ihr eindrücklicher Dokumentarfilm bringt diese Hoffnungen auf beredte Weise zum Ausdruck.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Peter Mosberger

kultur@luzernerzeitung.ch

Video: Double peine - Trailer

Dokumentarfilm von Léa Pool. Kinostart: Donnerstag, 20. April 2017. (youtube.com, 18.04.2017)



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