Kopf des Tages

Ein Text wie flirten nach sieben Bier

JAN BÖHMERMANN ⋅ Der Satiriker macht sich mit Hilfe von fünf Affen über die aktuelle Popmusik lustig. Leider bleibt er dabei selber an der Oberfläche.
15. April 2017, 09:52

Alles Affen in der Musikindustrie. Das stimmt. Zumindest ein bisschen. Auf Platz 7 der deutschen Singlecharts liegen tatsächlich fünf Schimpansen. Der Satiriker Jan Böhmermann hat mit ihrer Hilfe einen Hit geschrieben. Er und sein Team ordneten verschiedenen Früchten Textzeilen zu – eine wilde Mischung aus Werbebotschaften, Kalenderweisheiten und Twitterbotschaften. In der Reihenfolge, wie die Früchte gefressen wurden, stellte das Team den Songtext zusammen.

Heraus kamen grotesk-grossartige Songzeilen wie «Ich brauch mal wieder Zeit mit dir – das Schwarze mit der blonden Seele». Das klingt wie Flirten nach sieben Bier und bedeutet: Nichts. Dazu bastelte ein Komponist eine fröhliche Melodie, und ein schwülstig-schmalziges Video wurde zusammengeschnitten (inklusive Frau in Unterwäsche – wieso auch immer). «Menschen, Leben, Tanzen, Welt» schaffte es in die Top Ten in Deutschland.

Genau das war auch das Ziel von Böhmermann: Aufzeigen, mit wie wenig Inhalt man es in die Charts schafft. Sinnentleerter deutscher Pop (es gibt auch Schweizer Vertreter, die da hineinpassen) tummelt sich seit geraumer Zeit weit oben in den Hitparaden und wird auch hierzulande rauf und runter gespielt. Dass all die Max Giesinger und Tim Bendzkos vor allem Worthülsen absondern, wurde noch nie derart öffentlich vorgeführt wie jetzt von Böhmermann. «Was man nicht im Kopf hat, das hat man in den Beinen – perfekter Halt fürs Haar, wer schön sein will muss leiden» dichteten die Affen. Das ist im Vergleich zu vielem, was man in den sogenannten Formatradios hört, fast schon Poesie.

Böhmermann entlarvt und provoziert in seiner Sendung «Neo Magazin Royal» immer wieder. Der Sendung «Schwiegertochter gesucht» jubelte er einen falschen Kandidaten unter, um zu zeigen, wie wenig Wert dort auf Wahrheit gelegt wird. Mit seinem Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten schaffte er es, dass wieder einmal über Satire diskutiert wurde. Verglichen mit Erdogan und den grossen TV-Sendern ist der deutsche Seicht-Pop ein vergleichsweise simples Opfer. Dessen Fans schauen nicht Böhmermann, und wenn sie «Menschen, Leben, Tanzen, Welt» am Radio hören würden, bemerkten sie die Ironie wohl eher nicht. Es würde gar nicht auffallen im weichgespülten Durchschnittstagesprogramm. Da, wo die grösste Angst ist, dass ein Lied aufregen oder anregen könnte.

Wirklich lustig wäre gewesen, hätte Böhmermann den Song den Radios zuerst untergejubelt und erst dann den Spass aufgelöst. Das hätte etwas bewegen können in der Musikindustrie. So bleibt die Kritik von «Menschen, Leben, Tanzen, Welt» genauso an der Oberfläche, wie all die Popnummern, die der Song kritisiert. Immerhin: Songzeilen wie «Die Welt stürzt auf mich ein. Strom ist gelb – eine Allianz fürs Leben» sind ziemlich sicher für die Ewigkeit. Geschrieben von Schimpansen.

 

Michael Graber

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