Ein Vater spielt um sein Leben

KINO ⋅ In «After The Storm» zeigt der Japaner Hirokazu Koreeda die Nöte eines Spielsüchtigen. ­ Und bleibt damit seinem Thema treu: Verschiebungen und Lücken im familiären Gefüge.
15. März 2017, 07:19

Hirokazu Koreedas grosses Thema sind die Leerstellen in einer Familie, die jemand hinterlässt, wenn er stirbt oder auf andere Weise verschwindet, und die ein anderer dann füllen muss. Das kann jäh geschehen oder subtil nach und nach, so wie bei der Familie Shinoda, von der Koreedas neuster Film, «After the Storm», handelt. Ryota Shinoda (Hiroshi Abe), ein Mann mittleren Alters, ist Schriftsteller. Sein letzter ­Roman liegt allerdings 15 Jahre zurück. Weil es mit dem neuen Buch nicht vorangeht, arbeitet er teilzeitlich als Privatdetektiv.

Doch seine Schreibblockade ist Symptom für ein weitaus grösseres Problem: seine Spielsucht. Sie ruinierte seine Ehe mit der pragmatischen Kyoko (Yoko Maki). Seinen 12-jährigen Sohn Shingo sieht er nur noch einmal im Monat. Das Einzige, was Ryotas Leidenschaft entfacht, sind jene Momente an der Radrennbahn, in der Pachinko-Spielhölle oder am Lottostand.

Der eine Vater ist weg, ­ der andere ein Versager

Der Film beginnt mit einem Gespräch zwischen Ryotas Mutter Yoshiko (Kirin Kiki) und seiner Schwester. Ryotas Vater ist vor kurzem gestorben, und die Mutter zeigt sich unverhohlen erleichtert darüber. Seinetwegen muss sie in Kiyose unweit von Tokio in einer Siedlung für günstiges Wohnen leben. Von seinem Vater hat Ryota sein Laster, die Spielsucht, geerbt. Der eine Vater ist weg, der andere ein Versager. Was nun mit diesen beiden Leerstellen passiert, davon erzählt Hirokazu Koreeda in unaufgeregten Szenen.

Der 54-jährige japanische ­Regisseur hat Verschiebungen im familiären Gefüge schon in ­seinen früheren Filmen nach­gezeichnet: In seinem Spielfilmerstling «Maboroshi» trauert eine Witwe um ihren Mann, der möglicherweise Suizid begangen hat. In «Nobody Knows» verschwindet eine alleinerziehende Mutter und lässt ihre vier Kinder in der Wohnung zurück. In «Like Fa­ther, Like Son» erfahren zwei Familien, dass ihre sechsjährigen Söhne bei der Geburt vertauscht worden sind.

Bei einem der seltenen Wochenenden, an denen Ryota seinen Sohn sehen darf, kommt ein Taifun auf; die getrennte Familie sieht sich gezwungen, in der Wohnung von Ryotas Mutter zu übernachten. Als sich der Taifun nachts ausgiesst, nimmt Ryota seinen Sohn mit auf den Spielplatz. Da sitzen sie, vor dem Regen geschützt, im krakenförmigen Kletter- und Krabbel-Gebilde. Doch wer glaubt, Koreeda verwende den Taifun als Metapher für einen kathartischen Konflikt oder um eine dramaturgische Wende zu vollführen, täuscht sich. Lücken im familiären Gefüge schliessen sich nicht über Nacht.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Regula Freuler

kultur@luzernerzeitung.ch


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