Luzerner Baselstrasse – Alles andere als eine Blamage

SOLOTHURNER FILMTAGE ⋅ Filme, die am Wochenende in Solothurn Premiere feierten, handeln von Verfolgung, Migration und Abschottung. Doch hie und da durfte auch gelacht werden. Und ein Luzerner Film überzeugte.
22. Januar 2017, 21:19

Die Eltern des jungen Regisseurs Christophe M. Saber führen in Ägypten ein christliches Zentrum. Kurz nach der Machtübernahme von Mohammed Mursi 2012 werden der Ägypter und die Schweizerin von Fundamentalisten mit dem Tod bedroht. Just in diesen Tagen reist Saber zu den Eltern, die Kamera im Gepäck. Vier Jahre danach feierte sein packender Dokfilm «La vallée du sel» in Solothurn Premiere. Saber lässt einen mit sehr persönlichen Bildern teilhaben an der heiklen Situation seiner Eltern und am politischen Chaos Ägyptens nach der Revolution. Der Film ist für den Prix de Soleure nominiert.

Ebenso «MIRR», eine Dokumentation von Mehdi Sahebi über die Enteignung kambodschanischer Bauern. Deren Felder werden von einer Firma usurpiert, die Kautschuk für die erste Welt herstellt. Mit Betroffenen stellt der Regisseur die Feldenteignungen nach und gibt dadurch Menschen ein Gehör, die sich allein gelassen fühlen.

Die Welt vereint in einer Strasse in Luzern

Doch auch innerhalb unserer Landesgrenzen sind Menschen von den Krisen betroffen. «Rue de Blamage», ebenfalls für den Prix de Soleure nominiert, erzählt von den unterschiedlichen Bewohnern einer Strasse am Rande Luzerns. «Sie waren also der einzige Tourist an der Baselstrasse», scherzte der Moderator auf der «Landhaus»-Bühne mit dem Luzerner Regisseur Aldo Gugolz und meinte, auf die 650 ausverkauften Plätze und den nicht enden wollenden Applaus anspielend: «Eine Blamage war ja der Film nun wirklich nicht.»

Genau so wird die Baselstrasse bisweilen im Volksmund jedoch genannt – und eine Hand voll Personen, die teils schon ihr Leben lang an dieser Ausfallstrasse wohnen, hat Gugolz, der heute in Berlin lebt, liebevoll während dreier Jahre dokumentiert. Die erzählerische Klammer bildet die Statue auf dem die Baselstrasse abschliessenden Kreuzstutzkreisel, für den der Künstler Christoph Fischer den pensionierten Strassenreiniger Heinz Gilli verewigt hat. Sowohl Gilli wie Fischer und auch all die andern Menschen von der Baselstrasse waren in Solothurn auf der Bühne anwesend.

Der einzige Protagonist aus dem Film, der nicht auf der Bühne stand, war der 43-jährige Daniele Martin. Er, der noch zu Beginn dieses Monats von Radio 3fach den Award als bester ­Strassenmusiker erhalten hatte, schrieb ein SMS an Aldo Gugolz: «Kann leider nicht nach Solothurn kommen, muss für vier Wochen in den Knast wegen nicht bezahlter Bussen für nicht erlaubtes Musizieren auf der Strasse.» Der Applaus für den Abwesenden war überwältigend. «Rue de Blamage» kommt im Frühjahr ins Kino.

Schwarzen Gärtner wieder loswerden

Vergeben wird der renommierte Prix de Soleure am Donnerstagabend. Dann verkünden die Filmtage auch, welcher Film das Publikum am meisten begeistert hat. Der Prix du Public ist mit 20 000 Franken dotiert.

Bei aller Dramatik wurde auch gelacht an den Filmtagen. Martin Guggisbergs Kinodebüt «Usgrächnet Gähwilers» ist eine freche Politkomödie. Der Film, am Samstag uraufgeführt und im Rennen um den Publikumspreis, erzählt von einem Bünzli-Ehepaar. Die Frau hat einen Sudanesen als Gärtner eingestellt.

Als dieser blutend im teuer eingerichteten Wohnzimmer liegt, kommt eine Ambulanz nicht in Frage, denn Ngundu weilt illegal in der Schweiz. Um den unliebsamen Gast loszuwerden, lassen die Gähwilers den halbwegs genesenen Mann nach einem Ausflug alleine in den Bündner Bergen zurück. Doch dieser taucht bald wieder auf – nicht alleine. Der Film setzt ein heikles Thema herrlich inkorrekt um.

Im Anschluss an die Verleihung der Schweizer Fernsehfilmpreise am Sonntagabend stand die Premiere von Micha Lewinskys Komödie «Lotto» auf dem Programm. Der Fernsehfilm handelt von Philipp, der viel unternimmt, um seinem Vater einen Lottogewinn vorzugaukeln.

Bis Donnerstag stehen noch etliche Vorführungen an. Spannend wirds am Mittwochabend, wenn die Filmakademie die Nominationen für den Schweizer Filmpreis 2017 bekannt gibt.

Annina Hasler, SDA, und Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

Video: Rue de Blamage - Trailer

Dokumentarfilm über die Luzerner Baselstrasse von Regisseur Aldo Gugolz. Kinostart: 6. April 2017 (youtube.com, 23.01.2017)

Video: Usgrächnet Gähwilers - Trailer

Komödie von Martin Guggisberg. Kinostart: 26. Januar 2017. (youtube.com, 23.01.2017)




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