Grisham geht mit einer korrupten Richterin ins Gericht

THRILLER ⋅ Starautor John Grisham deckt im neuen Roman ein Komplott von organisiertem Verbrechen und einer bestechlichen Richterin auf. Doch die starke Ausgangslage vergibt er mit einer eher uninspirierten Umsetzung.
12. April 2017, 05:00

In Anlehnung an eine berühmte Schokoladenwerbung könnte man sagen: «Deinen ersten Gri­sham vergisst du nie.» Aber das trifft vor allem zu, wenn diese Begegnung mit einem der drei ersten Thriller von John Grisham stattfand: Mit «Die Jury», «Die Firma» und «Die Akte» setzte er zwischen 1989 und 1992 im Genre des Justizthrillers neue Massstäbe – auch für sich selber und seine weiteren Romane.

Nur zu oft aber konnte er den fulminanten Drive seiner damaligen Phase nicht mehr erreichen. Der 2016 auf Deutsch erschienene Roman «Der Gerechte» beispielsweise zerfiel mangels einer zwingenden Hauptstory gar in verschiedene Einzelepisoden.

Gaunereien um Kasinos auf Indianergebiet

Dies kann man dem neuen Roman «Bestechung» nicht ankreiden. Grisham bietet wieder eine stringente Handlung – mit einer starken Grundidee: Die junge Anwältin Lacy gehört zu einer Aufsichtsbehörde in Florida, die richterliches Fehlverhalten untersucht. Der neuste Fall hat eine horrende Dimension. Eine angesehene Richterin soll über Jahre Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben. Als Gegenleistung half sie mit richterlichen Entscheiden einem Gangstersyndikat, auf dem Land von indianischen Ureinwohnern Kasinos aufzubauen und Gewinne abzuschöpfen. Sie ging so weit, dass sie einen Unschuldigen, der als Opponent des Kasinos aus dem Weg geräumt werden sollte, durch einen Mordschuldspruch in die Todeszelle brachte.

Lacys Situation ist komplex: Ihr Informant steht nur indirekt mit der Hauptquelle, einer Person im nahen Umfeld der Richterin, in Verbindung. Als Lacy zu ermitteln beginnt, muss sie rasch erfahren, wie gefährlich das ist. Denn vor allem das Gangstersyndikat mit seinem mysteriösen Boss an der Spitze tut alles, um die Aufdeckung der korrupten Machenschaften zu verhindern.

Spannende Fragen als Cliffhanger

Die Story hat viel Potenzial. Das ist zum einen das Fernduell zweier weiblicher Hauptfiguren – Ermittlerin gegen Richterin –, welches viel Brisanz in sich birgt. Interessant ist zudem der Hintergrund der Indianerkasinos. Der im Buch erwähnte Stamm ist fiktional, aber diese Kasinos gibt es tatsächlich. Grisham geht mit den Stammesoberen hart ins Gericht, indem er sie am organisierten Verbrechen teilhaben lässt.

Für nachhaltige Spannung sorgen auch verschiedene Fragen: Wie wird die Richterin reagieren und zurückschlagen, wenn sie erfährt, dass gegen sie ermittelt wird? Wer ist der Maulwurf in ihrem nahen Umfeld? Gelingt es Lacy, den Unschuldigen aus der Todeszelle zu holen.

Dennoch kommt die Handlung lange Zeit nicht so richtig in Fahrt. Zwar sorgt Grisham mit dem Gespür des routinierten Erzählers nach etwa 130 Seiten für einen Knaller, indem eine Hauptfigur getötet wird, was auch noch Mordermittlungen auslöst. Aber die zentrale Handlung gerät darob ins Stocken. Grisham schildert menschliche Aspekte, was einige starke emotionale Momente ergibt, aber den Fluss der Story nicht ersetzen kann. Zumal auch die Hauptfiguren blass bleiben. So hätte man gerne mehr über die korrupte Richterin gelesen. Ein Problem ist auch, dass der komplexe Fall immer wieder neuen Personen erläutert wird, was viele Wiederholungen bewirkt.

Mit protokollarischer Trockenheit

Erst das letzte Drittel nimmt wieder Fahrt auf. Wobei Grisham noch eine halbherzig erzählte Lovestory um Protagonistin Lacy für nötig hält. Wie das Gefüge der Korruption zusammenbricht, wie die Kavallerie alias FBI eingreift, dies erzählt Grisham dann zwar mit Tempo, aber auch protokollarischer Trockenheit.

Das Buch hat gute Momente, dank der Auflösung der Cliff­hanger, dank Grishams juristischer Kompetenz und wie immer dank kraftvoll gezeichneten Nebenfiguren. Aber es wirkt trotz der tollen Ausgangslage etwas uninspiriert. Indes: Wie würde man es beurteilen, vergliche man es nicht mit Grishams fulminanten Anfangswerken? Vielleicht erwartet man als eingefleischter Fan von damals heute einfach zu viel.

 

Arno Renggli

arno.renggli@luzernerzeitung.ch


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