Endorphine für ein bekanntes Geburtstagskind

LUZERN ⋅ Der deutsche Bariton Benjamin Appl hat eine starke Stimme, ein neues Album und ein grosses Netzwerk. Es reicht bis nach Luzern, wo er zum Geburtstag der Mäzenin Ursula Jones-Strebi (85) sang.
15. März 2017, 07:19

Sich von der Stimme des deutschen Baritons Benjamin Appl (34) in den Schlaf wiegen zu lassen, ist nicht ohne Tücken. Sein «Guten Abend, gute Nacht» ist nicht nur mit Rosen, sondern auch mit viel Nachdruck und Vibrato bedacht: Es wird selbst in diesem scheinbar schlichten Lied um höchsten Ausdruck gerungen!

Der Effekt ist hier wie auch bei anderen Stücken auf dem neuen Album «Heimat» von Appl und seinem vorzüglichen Klavierbegleiter James Baillieu zweischneidig: Die einen werden sich an den populären Melodien und der schönen, sonoren Stimme Appls nicht satthören können. Die anderen aber dürften zwischen den Liedern von Brahms, Reger, Schubert, Britten hin und wieder Kitschgefahr wittern. Davon ausgenommen sind die Werke von Richard Strauss, in denen Appl auch bei einem Privatkonzert in Luzern aufblühte.

Dietrich Fischer-Dieskaus letzter Schüler

Der in Regensburg aufgewachsene Opern- und Liedsänger hatte sein Studium an der Guildhall School of Music & Drama in London sowie bei Dietrich Fischer-Dieskau abgeschlossen. Er war bis zum Tod der Bariton-Legende 2012 dessen letzter Schüler.

Dass der fast 2 Meter grosse Sänger am Sonntag in einem schönen alten Appartement in der Luzerner Altstadt sang, hing mit dem Netzwerk zusammen, das er sich von London aus aufgebaut hat: Die in London und Luzern wirkende Musikmäzenin Ursula Jones-Strebi ist am Samstag 85-jährig geworden. Sie ist eine Nichte von Hans Erni und Leiterin der Maria-und-Walter-Strebi-Erni-Stiftung sowie Stiftungsrätin des Lucerne Festival. 2014 wurde sie für ihr Engagement für die hiesige Musikszene und für junge Talente mit der ­Ehrennadel der Stadt Luzern ausgezeichnet. Am Sonntag genoss sie nun mit einer kleinen Gästeschar das «Geburtstagsständchen» ihres Schützlings Appl.

Dieser bringt die Qualitäten eines grossen Baritons mit: Felsensicher steigt er in tiefe Lagen, lässt bei langen Noten sein beachtliches Volumen spielen und glänzt in der Höhe mit kerniger Stimme. Die klare Diktion und die klangliche Verdichtung bei Schlüsselwörtern lässt den Einfluss von Fischer-Dieskau erkennen. Das Einfärben und Dehnen von Vokalen fiel am Sonntag in Schuberts mondtrunkenem «Ständchen» sowie im Lied ­«Seligkeit» auf, in dem sich Appls Stimme «im Himmelssaal» buchstäblich öffnete. Wie der Bariton es schafft, seine Stimme in der Höhe zu schattieren, dämpfen und wieder aufzuhellen, ist ein ästhetisches Erlebnis für sich.

«Morgen»-Glück in voller Blüte

Diese konzentrierte Klangausformung geht leider auf Kosten der Leichtigkeit. Schuberts «Forelle» etwa bekam man von der Klavierbegleiterin Miduo Zhuge, Donzentin der Musikhochschule Luzern, fein und spritzig serviert, worauf Appl zwar beherzt antwortete, aber nicht an ihre Verspieltheit heranreichte.

Von dem dramatischen Bariton waren weniger atmosphärisch-leichte Momente zu erwarten als Klangintensität, die in den Liedern von Richard Strauss zu voller Blüte kam: Das Anschwellen der Stimme in der inbrünstigen «Zueignung», die verzweifelte Beschwörung des Frühlings in «Allerseelen» oder das verklärte Glück in «Morgen», das in ein ausdrucksstarkes Schweigen mündete – mehr Endorphine konnte sich das Geburtstagskind kaum wünschen.

Und doch: In den Piano-Passagen am Schluss des «Morgens» war ein leichtes Schwanken in der Stimme zu hören. Das war nach dem intensiven Liedparcours verständlich, aber auch symptomatisch dafür, wie Appl seine Stimme führt: mit Nachdruck und kontrolliertem Vibrato, wobei die Kontrolle in solch feinen Passagen eben nicht leicht ist. Man darf gespannt sein, wohin Appls Hochleistungstripp noch führt.

 

Simon Bordier

kultur@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: