Er erzählte die harten Wahrheiten

KINO ⋅ Im Alter von 90 Jahren ist in Warschau der Regisseur Andrzej Wajda gestorben. Er hat Polens Geschichte in Kinobildern festgehalten. Und damit auch international für Furore gesorgt.

11. Oktober 2016, 07:29

Wer die Geschichte Polens verstehen will, der kann sich die Filme von Andrzej Wajda ansehen. Mehr als 60 Filme und rund 30 Theateraufführungen hat er inszeniert und sich darin als ein Chronist seiner Zeit und Gesellschaftskritiker seines Landes erwiesen. Keiner hat sich so, wie der am 6. März 1926 in Nordostpolen geborene Regisseur, in ­Kinobildern mit der Geschichte seiner Heimat beschäftigt.

Wajda studierte Malerei an der Kunstakademie Krakau und besuchte danach die Filmschule in Lodz. Bereits seine ersten ­Filme «Eine Generation» (1955), «Der Kanal» (1957) und «Asche und Diamant» (1958) gelten als Meisterwerke des polnischen ­Kinos, in denen er sich mit einem Thema beschäftigte, zu dem er immer wieder zurückkehrte: der Zweite Weltkrieg und die kommunistischen Nachkriegsjahre.

Die «Palme» bewahrt ihn vor dem Gefängnis

Immer wieder geht es dabei um eine junge Generation, die, noch geprägt von den Kriegserfahrungen, ihren Platz in der neuen Gesellschaft sucht und mit ihrem Hunger nach Freiheit auf Grenzen stösst. Seine Gabe für ein bildhaftes Erzählen und starke Metaphern – auch unter dem Druck der damaligen Zensur – liessen seine Filme als Parabeln auf Polens kommunistische Gegenwart lesen. Ein Beispiel ist das vielschichtige Kammerspiel «Der Dirigent» (1980), worin er das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft und seine eigenen Erfahrungen mit staatlicher Willkür reflektierte.

1981 gewann Wajda in Cannes die Goldene Palme für «Der Mann aus Eisen». Der Preis sei sehr wichtig für sein Leben gewesen, erinnerte sich der Regisseur in einem Interview. Der Preis (es kam noch eine Oscar-Nomination dazu) bewahrte ­Wajda wohl davor, vom kommunistischen Regime ins Gefängnis gesteckt zu werden – ein Schicksal, das andere regimekritische Filmemacher und Kunstschaffende erlitten.

Wegen seiner Opposition arbeitete der Regisseur öfter ausserhalb Polens. So realisierte er in Frankreich das mitreissende Revolutionsdrama «Danton» (1983) mit Gérard Depardieu in der Titelrolle.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 kehrte Wajda zu ­seinem Thema der Kriegs- und Nachkriegsgeschichten zurück. Zu erwähnen ist «Das Massaker von Katyn» (2007), mit dem er den polnischen Offizieren ein Denkmal setzte, die 1940 vom sowjetischen Geheimdienst erschossen worden waren. Unter der Opfern war Wajdas Vater. Der Film brachte ihm eine weitere Oscar-Nomination ein.

Posthumer Oscar für das letzte Werk?

Sein letztes Werk, «Nachbilder» (2016), dreht sich um den polnischen Nachkriegskünstler Wladyslaw Strzeminski. «Ich habe ­einen Film gemacht, der zeigt, dass das Eingreifen in die Kunst nicht Aufgabe der Regierung ist», hat Wajda in einem Interview gesagt. Der Film ist Polens Beitrag im Oscar-Rennen. Erhalten hatte Wajda den Oscar trotz mehrerer Nominationen nie; im Jahr 2000 verlieh man ihm dafür einen ­Oscar für sein Lebenswerk.

Ans Aufhören hat er nie gedacht. «Wer 90 Jahre alt ist, ist ein wirklich alter Mensch. Deswegen beeile ich mich und denke schon an den nächsten Film», sagte der Regisseur, der sich bei öffentlichen Auftritten auf einen Gehstock stützen musste.

Am Sonntag ist er gestorben. Dem Vernehmen musste er zuvor mit Lungenproblemen ins Spital gebracht werden. Zahlreiche polnische Schauspieler und Filmschaffende, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, trauern um ihn. Und würdigten ihn als «Meister seiner Kunst», «Mentor» und «grosse Autorität».

Andreas Stock


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