Robert Mapplethorpes erregende Offenheit

KINO ⋅ Er schockierte und polarisierte, der New Yorker Fotograf Robert Mapplethorpe (1946–1989). Nackte Männer und homosexuelle ­Praktiken inszenierte er vor der Kamera. Und er tat dies mit entwaffnender Ehrlichkeit.

01. Dezember 2016, 07:26
«Look at the Pictures!» «Schauen Sie sich nur die Bilder an!» ereifert sich Jesse Helms. Der republikanische Senator (1921–2008) betrieb eine offen antihomosexuelle Politik und agierte gegen die National Endowment for the Arts, einen Verein zur Kunstförderung, da dieser den homosexuellen Künstler Robert Mapplethorpe unterstützte. Es kam sogar zu einem Verfahren. Dies alles konnte Mapplethorpe nichts mehr anhaben. Er starb am 9. März 1989 im Alter von 42 Jahren an den Folgen von Aids und durfte den exponentiell in die Höhe schnellenden Marktwert seiner Werke noch miterleben, das Geld, zu seinem eigenen Bedauern, jedoch nicht mehr ausgeben.

Ausgehend von dieser Kontroverse, die dem Film auch gleich den Titel gab, greifen die US-amerikanischen Filmemacher Fenton Bailey und Randy ­Barbato («Inside Deep Throat») aus zu einem umfassenden Porträt über den Zeit seines Lebens polarisierenden Fotografen. War er ein grosser Künstler oder ein ehrgeiziger Geschäftemacher? Ein Engel oder ein Teufel?

Künstlerische Anfänge im pulsierenden New York City

Sie machten es sich zur Aufgabe, den Menschen hinter dem von konservativen Politikern dämonisierten Mapplethorpe zu ergründen und haben hierzu auch Fotografien ausgegraben, die man noch nie gesehen hat – zum Teil nicht einmal die Modell ­stehenden Personen – sie hatten uneingeschränkten Zugang zu ­allen Archiven der Mapplethorpe Foundation.

Die HBO-Dokumentation ist chronologisch aufgebaut, beginnt also mit der Kindheit auf Long ­Island und endet mit dem Tod und den Vorbereitungen zur umfassendsten Mapplethorpe-Retrospektive «The Perfect Moment», die im Winter 1988 in Philadelphia eröffnet wurde; die Ausstellung zeigte Werke aus den gut 20 Jahren seines Schaffens, von den späten 1960er-Jahren bis 1988 – Porträts prominenter Personen, Selbstporträts, gemischtrassige Personen- und Körperstudien, Stillleben von Blumen, homoerotische Bilder und Collagen. «Everything from flowers to fist fucking», wie es der jüngste Bruder Edward Mapplethorpe ironisch zusammenfasst. Das Foto mit der Faust im Anus ist wohl eines der Werke, das Senator Helms am meisten zu denken gegeben haben mag.

Die Filmemacher haben Interviews mit Familienangehörigen und einer Menge Weggefährten geführt, von denen sie zuerst ein Polaroidfoto erstellen – eine schöne Referenz an den Künstler, der sich am Anfang seiner fotografischen Karriere keine richtige Kamera leisten konnte; die Hasselblad kam erst viel später, die hat ihm sein Liebhaber und Förderer Sam Wagstaff gekauft. Einzig mit Patti Smith (69), seiner ersten grossen Liebe und Muse, haben sie nicht gesprochen – ein kleiner Wermutstropfen in dieser sorgfältigen, in keinster Weise anbiedernden filmischen Biografie. Sie lernte er mit 20 Jahren an der Kunsthochschule in New York City kennen und lebte dann einige Jahre mit ihr zusammen im Künstler-Hotel Chelsea nördlich vom Greenwich Village. Es war Ende der 1960er-/Anfang 1970er-Jahre, die Zeit von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll.

«Sex ist das Wichtigste ­ im Leben»

Was dabei aber am meisten besticht, ist Mapplethorpe selber, seine Ehrlichkeit. Bailey und Barbato lassen ihn als Erzähler auftreten, dass es scheint, er würde die Bilder durch seine Stimme kommentieren. «Die Fotos sind weniger wichtig als das Leben, das jemand führt», ist einer seiner vielsagenden Sätze. Für ihn gab es keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben. Das, womit er gerade beschäftigt war, fand Eingang in sein Werk. Menschen, die er an bestimmten Orten fand.

Seine männlichen Modelle – und Liebhaber – suchte er im «The Mineshaft», einem Schwulen- und Sexclub in New York. «Sex ist das Wichtigste im Leben», sagte Mapplethorpe. Er sorge für die gewisse Magie. Wenn das Foto gemacht war, sei es für ihn nicht mehr schockierend gewesen. Penisse und Fetische nahmen in seinem Leben nun mal zentralen Raum ein.

Anerkennung der Fotografie als Kunstform

Auf der Insel Mustique porträtierte er die Highsociety. Das war für ihn kein Widerspruch. Vielmehr ist sein Werk autobiografisches Zeugnis. Und Mapplethorpe lechzte nach Ruhm.

Ein Engel war Mapplethorpe zweifellos nicht. «Mapplethorpe: Look At The Pictures» zeigt auf, wie umstritten und kompromisslos seine Arbeiten auch heute noch sind. Doch nicht zuletzt ist es ihm zu verdanken, dass die Fotografie als eigenständige zeitgenössische Kunstform endlich den ihr angemessenen Stellenwert bekam.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Regina Grüter
regina.grueter@luzernerzeitung.ch


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