«Exegese» des Schweizerpsalms

HYMNE ⋅ Vor 175 Jahren erklang der Schweizerpsalm zum ersten Mal. Ist es ein religiöses Lied? Oder können wir den Text heute auch «säkular» deuten, im Sinn einer anderen Religiosität?

25. November 2016, 05:00

Trittst im Morgenrot daher ... Es ist die wohl populärste Schweizer Liedphrase. Vor genau 175 Jahren – am 22. November 1841 – wurde der Schweizerpsalm auf dem Hofe St. Carl, dem heutigen Salesianum bei Zug, von vier jungen Stadtbürgern erstmals gesungen. Hier nämlich weilte der Komponist Pater Albrik Zwyssig im Sommer besagten Jahres und vertonte einen poetischen Liedtext, den er vom Zürcher Musikverleger und Liederdichter Leonhard Widmer zugeschickt erhalten hatte.

Es handelte sich um das Gedicht «Schweizerpsalm», das Widmer 1840 geschrieben hatte. 1894 und 1953 scheiterten zwei Vorstösse, das Lied zur Schweizer Nationalhymne zu erklären – man hielt an «Rufst du, mein Vaterland» fest. Erst nach einem dritten Anlauf um 1961 wurde das Zwyssig/Widmer-Lied zur offiziellen Landeshymne.

Kritik am Hymnentext

Der stark spirituell-religiös geprägte Schweizerpsalm wurde in jüngerer Zeit vermehrt als verstaubt und überholt empfunden. Eine Debatte entbrannte insbesondere im Vorfeld der Fussball-EM 2008. Im Fussballbuch «Trittst im Morgenrot» von Urs P. Engeler und Mario Tuor nannte der Berner Theologe und Professor für Hymnenkunde, Andreas Marti, den Text als «kitschig geschöntes Bild der Schweizer Alpen». Und es sei gar Gotteslästerung, vor einem Spiel die Sportler mit den Worten «Betet, freie Schweizer, betet» anzuspornen. Noch deutlicher äusserte sich die Schweizerische Freidenker-Vereinigung: Sie sah in diesem Text eine Verletzung der von der Verfassung garantierten Religionsfreiheit. Und vor drei Jahren führte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) einen Wettbewerb zur «Neuvertextung der Schweizer Nationalhymne» durch. Ein Mitglied des Komitees meinte, der bisherige Text sei «eine in einen Psalm eingepackte Wettervorhersage».

Aber ist der Schweizerpsalm wirklich überholt, weil er so «romantisch» und explizit religiös ist? Oder kann er auch «säkular» ausgelegt werden? Fachleute betonen wiederholt, dass so ein Lied – wie jeder historische Text – von seinem Ursprung her zu verstehen und zu deuten ist. Der Schweizerpsalm etwa ist entstanden, als sich die Schweiz mitten in den Auseinandersetzungen um die Gründung eines modernen Bundesstaates befand. Er widerspiegelt die entsprechende Grundstimmung. «Die damaligen politischen Diskussionen haben sich bis in den Wortlaut hinein im Schweizerpsalm niedergeschlagen», erklärt hierzu Alois Odermatt. Der Zuger Historiker beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung und dem Wandel religiöser Ideen und Sprach­spiele im Lauf der Jahrhunderte.

«Andacht» als politisches Handeln

«Die Wendung ‹freie Schweizer› etwa bringt zum Ausdruck, dass der alteidgenössische Begriff der Freiheit von einem körperschaftlichen zu einem persönlichen Wert weiterentwickelt werden sollte.» Die politische Gestaltung des Gemeinwesens sollte die fortschrittlichste Europas werden, also «hehr», was so viel bedeute wie «herausragend». Und der Begriff «fromm» bedeute ganz nüchtern, was dem Vaterland zu «Nutz und Frommen» ist. «Aus dieser Sicht ist auch der Begriff ‹Ahnung› zu deuten, der im Schweizerpsalm eine so zentrale Rolle spielt», führt der Historiker weiter aus. «Wer fromm im Sinne eines Pflichtgefühls ist, der ‹ahnt› auch ‹Göttliches› in der Natur und in der ‹vaterländischen› Gestaltung des Gemeinwesens.»

Das alles sei aber nicht religiös im engeren Sinne zu verstehen, so Odermatt. Er sieht dahinter die damals verbreitete Philosophie von Jakob Friedrich Fries (1773–1843), der neben Wissen und Glauben einen weiteren Weg der Erkenntnis definierte: die Ahnung als «notwendige Überzeugung aus blossem Gefühl». Das Entscheidende dabei: Fries bestimmte «Andacht» und «Hin­gabe» als nichtreligiöse Arten politischen Handelns. «Das re­ligiöse Erlebnis selbst ist die Ahnung des Ewigen im Endlichen», erläutert der Zuger. «Die Fries’sche Philosophie belebt bis heute die Diskussion über ethische Überzeugung und politisches Handeln.»

Staunen und Ergriffensein

Und was bedeutet dann der scheinbar unmissverständliche Aufruf zum Beten? «Dieser taucht nur in der ersten Strophe des Schweizerpsalms auf», merkt Odermatt an. «Dieses ‹Beten› richtet sich nicht an einen Gott. Es bedeutet nicht ‹Bitten›, sondern ‹Staunen› und ‹Ergriffensein› im Sinne der spätroman­tischen Natur-Religiosität.»

Alois Odermatt versteht, dass man sich heute mit dem historischen Text schwertun kann und man deshalb nach einer Neuvertextung sucht. Aber dann seien diese Texte zuerst in ihrer Eigenart zu erkennen und zu würdigen. «Das ist ähnlich wie mit liturgischen Texten, die aus einer vergangenen Zeit stammen, nicht mehr dem heutigen Empfinden entsprechen und darum oft neu gedacht und geschrieben werden.» Wer also bei der Nationalhymne vor einem Fussballspiel die vermeintliche «Gotteslästerung» meiden will, der solle einfach die zweite Strophe wählen, denn die enthalte keine Aufforderung zum Beten. «Ohnehin finden Fussballspiele ja», kommt Odermatt schmunzelnd zum Schluss, «kaum ‹im Morgenrot› statt, sondern eher ‹im Abendglühn›.»

Andreas Faessler
andreas.faessler@zugerzeitung.ch


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