Fabienne Louves: «Ich bin so, wie ich nun mal bin»

SHOW ⋅ Die Hauptrolle im Musical «Cabaret» in Zürich ist für Fabienne Louves (30) ein weiterer Karriereschritt. Wir trafen die lebenslustige Frau in einer der rar gewordenen Spielpausen in ihrer alten Heimat Luzern.

27. November 2016, 05:00

Fabienne Louves, ich habe eigentlich erwartet, dass Sie in Netzstrümpfen und mit Federboa hierherkommen.

Also ich habe die Rolle der Sally Bowles in «Cabaret» ja schon verinnerlicht, aber privat bin ich immer noch die Fabienne. Ich hoffe, ich gefalle Ihnen auch so. (lacht)

Aber sicher doch. Die Rolle dieser Sally Bowles in «Cabaret» ist die bislang grösste Ihrer Karriere, und sie ist ziemlich anders als alles Bisherige. Wie erleben Sie das?

Sally stellte mich effektiv vor völlig neue Herausforderungen. Die Figur ist facettenreicher als alles, was ich bislang spielen durfte. «Cabaret» hat trotz seines Titels ja einen eher ernsten Hintergrund, es ist härtere Kost. (siehe Kasten)

Wie viel Fabienne ist in Sally drin?

Sagen wir halbe- halbe. Sally bezeichnet sich als extraordinär, irritierend und stimmungsschwankend, zudem streitet sie gerne. Ich dagegen bin lebensfroh und friedliebend, da musste ich mir schon einiges neu aneignen. Meine Mutter war an der Premiere und hat mir danach gesagt, sie habe ihre Tochter von völlig neuen Seiten gesehen ...

Apropos lebensfroh: Woher haben Sie diese Eigenschaft?

Wahrscheinlich wurde mir das in die Wiege gelegt. Jedenfalls gehöre ich nicht zu denen, die sich andauernd Gedanken über die Schwere des Lebens machen und wegen jeder Kleinigkeit traurig sind. Zudem hilft mir auch mein bekanntes Motto: «Es kommt, wie es muss.» Mit dieser Haltung ist man kaum je enttäuscht, wenn mal was nicht klappt.

«Es kommt, wie es muss» – heisst das auch, dass man sein Leben eh nicht gross beeinflussen und die Hände in den Schoss legen kann?

Nein, keineswegs. Wenn ich zum Beispiel an ein Auswahlverfahren für eine Rolle eingeladen werde, kommt die Streber-Louves hervor, und die gibt alles. Kriege ich die Rolle trotzdem nicht, muss ich mir nichts vorwerfen, und ich denke, dass es so hat sein müssen. Dafür kommt dann etwas anderes. So war es bei mir bislang immer. Holz anfassen.

Glauben Sie an eine höhere Macht?

Ja, ich glaube an eine höhere Macht, aber ich weiss nicht, wie ich mir diese vorstellen muss. Ich glaube an eine gewisse Schicksalhaftigkeit des Lebens, im Guten wie im weniger Guten.

Können Sie eigentlich auch steinhässig werden?

Das gibt es schon, dass ich «gätzig» werde. Ist ja auch menschlich. Aber die Hässigkeit dauert bei mir vielleicht 30 Sekunden, dann ist es vorbei.

Wann zum Beispiel?

Unwahre Behauptungen nerven mich. Und am ehesten hässig bin ich über mich selber. Ich bin recht selbstkritisch. Das kann manchmal zum Problem werden, bringt einen aber auch vorwärts.

Wie äussert sich diese Selbstkritik?

Wenn ich zum Beispiel am TV ein Live-Interview mit mir sehe, verfolge ich das manchmal lieber nur mit einem Ohr und einem Auge, um nicht alles mitzukriegen, was ich da alles von mir gegeben habe. (lacht) Aber letztlich muss ich mir auch sagen: Ich bin so, wie ich nun mal bin, und ich verstelle mich nicht.

Dass Sie authentisch sind, hat vor bald zehn Jahren auch zu Ihrem Sieg bei «Musicstar» beigetragen. Denken Sie noch an diese Zeit zurück?

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber für mich ist «Musicstar» nicht riesig weit weg. Ich werde heute noch sehr oft darauf angesprochen und bin mega froh, dass ich das gemacht habe. Dank «Musicstar» bin ich das, was ich heute bin.

Über «Musicstar» wurde auch viel gelästert.

Ach, es gibt immer welche, die nur das Negative sehen. Ich stand zu 100 Prozent hinter dieser Sendung, mein Umfeld auch. Was vielleicht zu sagen ist: Wenn man aus einer Castingshow kam, musste man sich danach auf der Bühne doppelt beweisen. Aber ich hatte zum Glück bereits einige Erfahrung. Mit der Gruppe Girls to Girls bin ich schon vor «Musicstar» x-fach auf der Bühne gestanden. Leider sehe ich Raffaela und Sarah nur noch selten, aber an Sarahs Hochzeit habe ich gesungen.

Sie waren zwölf, als es mit den drei Girls anfing. Anscheinend haben Sie früh gewusst, was Sie wollen.

Das sagen auch meine Eltern. Ich bin anscheinend bereits als Vierjährige auf den Tischen herumgetanzt. Ich war Fan von vielen, von Michael Jackson, den Backstreet Boys, der Kelly Family. Ich machte selber Mini-Playback-Shows und so Zeug. Das Tanzen habe ich wohl von meiner Mutter, das Musikalische vom Vater. Mit dem Singen haben es beide nicht so, dafür die Cousine meiner Mutter. Sie ist Jodlerin. Vielleicht kommt das dann auch noch einmal. (lacht)

Zumindest in einer Art Tracht waren Sie schon auf der Bühne. Zudem haben Sie die Nationalhymne aufgenommen, und mit «Rot-Wiss» eine Ode an die Schweiz gesungen. Hat man Sie dazu gedrängt?

Überhaupt nicht, das kommt wirklich von Herzen. Ein Dankeschön an die Schweiz, dass wir hier leben dürfen. Wer hier ist, hat es vergleichsweise sehr gut.

Anders als andere Musicstars sind Sie im Geschäft geblieben. Weshalb?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man an sich glaubt, an sich arbeitet und obendrein ein Umfeld hat, das einen unterstützt. Mein Management und meine Plattenfirma haben mir sehr geholfen und mir gleichzeitig Freiraum gelassen.

Da wären wir jetzt bei der Streber-Louves.

Ja, ich hatte schon in der Schule diesen Ruf. (lacht) Aber ich habe einfach gern gelernt, und das zieht sich bis heute durch. Wenn ich ein Textbuch kriege, knie ich mich da hinein, um es möglichst schnell auswendig zu können.

Hat vielleicht Ihre etwas andere Hautfarbe als die der Klassengspänli dazu beigetragen, dass Sie das Gefühl hatten, sich durch besonderen Fleiss bewähren zu müssen?

Nein, meine dunklere Hautfarbe war als Kind kein Thema, ich habe das nicht einmal selbst gross wahrgenommen, und es gab auch nie rassistische Sprüche und dergleichen.

«Cabaret» handelt in der Zeit des Aufkeimens des Nationalsozialismus. Solche Tendenzen sind heute wieder spürbar. Beschäftigt Sie das?

Regisseur Dominik Flaschka betont die Aktualität der Handlung, er möchte die Besucher zum Nachdenken anregen. Ich weiss durch Geschichtsunterricht und Filme schon einiges über jene Zeit, und auch aktuelle Strömungen auf der Welt sind mir nicht gänzlich unbekannt. Aber offen gesagt bin ich zu wenig damit konfrontiert, und ich setze mich damit auch nicht so intensiv auseinander, als dass ich da jetzt eine tiefgründige Analyse abgeben könnte. Das überlasse ich gerne anderen.

Für eine Showkarriere braucht es neben Ehrgeiz auch einiges Talent.

Schon, aber Talent allein bringt es nicht. Ich arbeite wirklich sehr viel an mir, habe zum Beispiel für diese «Cabaret»-Rolle den ganzen Sommer über ein Bühnendeutsch-Studium gemacht und Schauspielunterricht genommen, um mich mit dieser Rolle vertraut zu machen.

Sie standen während der Proben parallel auch noch für die Musicals «Stägeli uf, Stägeli ab» und «Ost Side Story» auf der Bühne. Ist das alles nicht doch sehr anstrengend?

Das ist es, aber wenn man etwas mit Spass macht, ist die Anstrengung eine andere und vor allem weniger ermüdend.

Und Sie haben Spass?

Sehr. Es ist ein Lebenstraum. Vor allem jetzt diese Musical- und Theaterwelt. Über längere Zeit mit einem Ensemble zusammen zu sein, ein Stück zu proben und dann an der Premiere Standing Ovations zu bekommen – das ist extrem schön.

Sie hatten sich doch einst eher eine Karriere als Sängerin ausgemalt. Ist das begraben?

Nein. Ich stand auch letzten Sommer mit meiner Band ein paarmal auf der Bühne und finde das nach wie vor toll. Aber im Moment schlägt mein Herz halt sehr für Theater und Musical, es ist für mich unglaublich spannend, in andere Rollen hineinzuschlüpfen.

Ist Musical auch wirtschaftlich attraktiver?

Man hat eine fixe Gage, aber das Engagement ist zeitlich befristet. Ich würde nicht wirtschaftlich attraktiver sagen, einmalige Gagen für Konzerte können auch interessant sein. (lacht) Tatsache ist: Ich kann heute gut leben.

Sie hätten ja auch noch eine kaufmännische Ausbildung. Als Personalvermittlerin sind Sie aber nicht mehr tätig?

Nein, seit zwei Jahren nicht mehr, aus Zeitgründen, leider. Ich habe das bei Best Jobs Baggenstos wirklich sehr gerne gemacht, nicht mal wegen des Zusatzeinkommens, sondern weil einen die Arbeit in einem ganz normalen Job erdet und ich normale Bürozeiten auch mal schätze.

«Cabaret» endet Mitte Januar. Wissen Sie jetzt schon, was Sie danach 2017 machen?

Ja, ich weiss es, sogar bis 2018, darf es aber noch nicht sagen.

Sie sind heuer am 5. Mai 30 geworden. Eine Zäsur?

Nein, nichts Besonderes, es war ein schöner, aber ziemlich normaler Geburtstag. Natürlich, als 18-Jährige hat man das Gefühl, 30-Jährige seien sehr alt. Insofern ist es schon ein bisschen speziell, wenn man dieses Alter erreicht. Aber ich habe die Hürde problemlos genommen, und Falten habe ich auch noch keine. (lacht)

Als Bühnenfrau ist der Körper sehr wichtig, und «Cabaret» erfordert extrem viel Fitness.

Ja, das ist intensiv. Ich habe im Sommer ein Personal Training in einem Fitnessstudio begonnen, unter anderem mit Ausdauer­training und elektrischer Muskelstimulation, wo man so ein «Gstältli»überziehen muss und verkabelt wird ...

Müssen Sie nicht auf vieles verzichten? Etwa gutes Essen?

Nein, eigentlich nicht. Auf die Ernährung achte ich sowieso, aber dass man während eines Musicals zunimmt, ist eher unwahrscheinlich. Ich habe vier Kilo abgenommen. Da darf oder muss man sich auch mal etwas gönnen. Von meinem Vater, der immer noch Chefkoch im «Bistro» in Luzern ist, habe ich gelernt, was gutes Essen ist.

Können Sie selber kochen?

Ja, aber wenn es etwas Spezielles geben soll, macht das meistens mein Freund Luca, und ich lasse mich gerne verwöhnen. Bis auf Schnecken und Auberginen mag ich praktisch alles.

Mit Luca sind Sie anderthalb Jahre zusammen ...

... ja, ich habe ihn am Zürcher Sechseläuten angesprochen, weil ich gemeint hatte, er sei mir nachgelaufen, und es kam, wie es kommen musste. Wir sind mega glücklich miteinander.

Sind Heirat und Kinder ein Thema?

Das ist sicher mal ein Thema, ich bin ein ausgesprochener Familienmensch. Aber das hat Zeit.

Sie bewegen sich heute vorwiegend in Zürich, wohnen auch in der Region Zürich. Fühlen Sie sich trotzdem noch als eine von hier, als Emmerin?

Absolut. Hier leben meine Eltern, meine Familie, viele Freunde. Zu Emmenbrücke bin ich immer gestanden, und das wird auch so bleiben.

Bleibt neben der vielen Arbeit noch Platz für anderes?

Ich reise sehr gerne, möchte die Welt sehen. Jetzt dann endlich auch einmal meine zweite Heimat Karibik (Anmerkung: ihr Vater stammt ursprünglich aus Guadeloupe). Mein 37-jähriger Bruder war jetzt erstmals dort, und ich möchte das auch nachholen.

Weshalb erst jetzt?

Es hat sich einfach nie ergeben. Zudem ist das Französisch offenbar die Ausnahme der Regel bei der Streberin Fabienne ...

Heute ist der erste Advent. Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Ich liebe die Weihnachtszeit. Die schönste Zeit des Jahres, verbunden mit vielen wunderschönen Erinnerungen. Ich habe bereits meine Riesenkiste mit Weihnachtskrimskrams aus dem Keller geholt, mit Lichtlein, Bäumchen, und auch einen Adventskalender habe ich. Und ich freue mich schon jetzt auf die Familienfeier in Luzern, am Tischgrill mit feinem Rindsfilet und viel, viel Desserts – zum Glück ist dann erst am 28. wieder «Cabaret».

Interview: Hans Graber


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