Doherty und die gezähmten Dämonen

NEUES ALBUM ⋅ Pete Doherty (37) nennt sich jetzt Peter Doherty. Auf seinem neuen Album ringt er mit seinen Dämonen. Toll ist es trotzdem geworden.

01. Dezember 2016, 07:33
Als Pete Doherty nach Hamburg kam, ging es ihm nicht gut. Er torkelte nachts betrunken und zugedröhnt über den Kiez, lebte zeitweise in einem Wohnwagen – und schwärmte in einem «Spiegel»-Interview vom «Drob Inn», einer Einrichtung der Suchthilfe, «weil es da saubere Spritzen gibt und man sich in Ruhe einen Druck setzen kann».

«Einerseits war ich abenteuerlustig, oft auch ziemlich ungezogen, ich habe ein paar gefährliche Dinge gemacht. Es gab eine Menge verlorener Wochenenden», sagte Doherty jüngst in einem Interview des «Musik­express». Jetzt kommt gewissermassen sein Tagebuch aus dieser Zeit auf den Markt: Diesen Freitag erscheint – rund ein Jahr nach der spektakulären Wiedervereinigung der Libertines – Dohertys Solo-Album mit dem Titel «Hamburg Demonstrations».

Er singt jetzt auch deutsch

Seine Stimmung bei den Studioaufnahmen, so sagte Doherty, der sich inzwischen lieber Peter als Pete nennt, der Zeitschrift, sei «eher finster, manchmal sogar verzweifelt» gewesen. Die Fürsorglichkeit seines Produzenten sei für ihn ein Problem gewesen: «Ich wurde quasi an den Busen seiner wohlmeinenden Familie gedrückt, während ich einfach nur mein Leben leben wollte.»

«Das Album heisst nicht ohne Grund ‹Hamburg Demonstrations›, da sind sicherlich auch die ‹demons›, die Dämonen, drin, die ihn hier geplagt haben während seines ersten halben Jahres», sagt eben jener Produzent Johann Scheerer, der das Album mit Doherty aufgenommen und dazu viel Geduld gebraucht hat.

«Die Arbeit mit Pete ist immer – wie bei jedem Menschen – abhängig davon, wie es ihm geht», sagt er. «Wenn man dann noch schwerst multitox drogenabhängig ist, variiert die Tagesform natürlich dementsprechend deutlich heftiger als bei einem Nicht-Drogenabhängigen. Insofern gibt es da eine totale Unberechenbarkeit.»

Diese Unberechenbarkeit ist dem Album nicht anzumerken. Es ist eine ebenso ruhige und melodische wie starke und vielschichtige Platte geworden, auf der Doherty sich wünscht, nicht so zu enden wie «Kolly Kibber» (Song 1) aus Graham Greenes Roman «Brighton Rock», oder vom «prison of my mind» singt (Song 2, «Down For The Outing»). «Only luck can heal the sickness of celebrity» singt er im dritten Lied «Birdcage».

Zum ersten Mal singt Doherty auf Deutsch: «Oh Liebling, Liebling, die Form zerbrach noch in der ersten Nacht, die Nacht des ersten Lichts» heisst es in «Kolly Kibber». Und: «Danach kommt nix, oder?»

Jungs wählt: Gitarre oder Kalaschnikow?

«Es geht um eine Momentaufnahme und darum, abzubilden, in welchem Geisteszustand er sich gerade befindet», sagt Produzent Scheerer, der Doherty monatelang in seiner Künstlerwohnung über dem Studio wohnen liess, damit er nicht obdachlos war, und ihm nach eigener Aussage zu dem Entzug in Thailand riet, den Doherty in Angriff nahm, bevor er 2015 mit den Libertines die grossen Bühnen zurückeroberte. Als er von dem Entzug und der Tour mit den Libertines zurück nach Hamburg kam, sei die Arbeit viel einfacher gewesen, sagt Scheerer.

Für «Hamburg Demonstra­tions» hat Doherty auch das Lied «Flags From The Old Regime» neu aufgenommen, das er seiner 2011 gestorbenen Freundin Amy Winehouse gewidmet hat. Und die Platte präsentiert mit der Ballade «She Is Far» so etwas wie eine Legende. Das Lied schrieb Doherty als Teenager, und es wird nach Angaben Scheerers schon seit 15 Jahren online schwarz gehandelt. Jetzt gibt es den Song ganz offiziell.

Das Herzstück des Albums ist aber «Hell To Pay At The Gates Of Heaven», das Doherty unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris – vor allem im Konzertsaal Bataclan – schrieb. «Oh come on boys – you gotta choose your weapon» heisst es darin: entweder die J-45, die legendäre Gitarre, auf der einst auch John Lennon spielte, oder die AK 47 – die Kalaschnikow.

Britta Schultejans, DPA
kultur@luzernerzeitung.ch

Song aus dem neuen Album «Hamburg Demonstrations». Im Handel erhältlich. (youtube.com, 01.12.2016)

Song aus dem neuen Album «Hamburg Demonstrations». Im Handel erhältlich. (youtube.com, 01.12.2016)




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