Gabriel Vetter: «Poetry-Slam war ein Ventil für mich»

SPOKEN WORD ⋅ Der 33-jährige Gabriel Vetter ist so etwas wie der Schweizer Grossvater des Poetry-Slams. Vor seinem Auftritt am Luzerner Spoken-Word-Festival Woerdz erinnert sich der Künstler zurück an seine Anfänge als Slampoet.

15. Oktober 2016, 05:00

Gabriel Vetter, vor zehn Jahren war der Schweizer Poetry-Slam eine Szene im Untergrund, und Sie waren ihr Star. Heute füllt man mit Slams Hallen, Sie sind im Öffentlich-Rechtlichen, und in Luzern gibts ein Festival für Spoken-Word-Literatur. Was ist passiert?

Darüber habe ich mich kürzlich mit der Slampoetin und aufstrebenden Comedy-Frau Hazel Brugger unterhalten. Brugger steckt momentan in einer ähnlichen Situation wie ich vor zehn Jahren. Damals wurde ich, von der Slam-Szene kommend, plötzlich von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Slam-Bühnen waren zu jener Zeit noch Off-Spaces am Rand des regulären Literaturbetriebs. Dort trieben sich Leute herum, die mit dem Literaturbetrieb nichts zu tun hatten. Das machte diese Orte so spannend.

Ist das heute noch so?

Ich glaube, man findet dieselbe kreative Energie heute auch im Bereich Hip-Hop und in der neuen Stand-up-Comedy-Szene. Stand-up-Comedy findet momentan an Orten statt, wo man es nie vermuten würde: in Musik-Locations wie dem Zürcher Club Zukunft oder dem Basler Club Balz – oder im «Madeleine» in Luzern.

Besuchen Sie noch Slams?

Ja, ab und an, aber nicht mehr so oft. Vor der Premiere meines ersten Comedy-Programms «Hobby» habe ich in Winterthur allerdings mal wieder bei einem vorbeigeschaut. Lauter junge Leute um die zwanzig performten da. Die Beiträge waren derart überzeugend, dass ich mich zum Schluss gefragt habe: Wer seid ihr eigentlich? Und warum habe ich noch nie etwas von euch gehört? Grossartig!

Hätte ich Sie vor fünf Jahren gefragt, ich weiss nicht, ob Sie so gut auf die Slam-Szene zu sprechen gewesen wären.

Ja, meine Liebe zur Slam-Szene kommt und geht in Phasen, das stimmt. Aber ich war und bin mit dieser Skepsis nie allein gewesen. Ein Teil der Slammer sagt sich nach zwei, drei Jahren von der Szene los, macht mal Pause, kommt vielleicht wieder. Andere haben dieses Format nie angezweifelt, sind ihm durchgehend treu geblieben. Etrit Hasler und Patrick Armbruster leisten mit ihrer Basisarbeit seit über fünfzehn Jahren wahnsinnig viel für den Erhalt dieser lebendigen Szene. Ich finde das beeindruckend.

Würden Sie im Nachhinein sagen: Erst der Erfolg als Slammer hat mich zum Bühnenkünstler gemacht?

Poetry-Slam war ein Ventil für mich. Aber ich hätte auch ein anderes für mein Mitteilungsbedürfnis gefunden. Viel erstaunlicher und herrlich finde ich rückblickend, dass die engsten Freundschaften, die ich in meinem Leben geknüpft habe, in der Slam-Szene entstanden sind. Die soziale Komponente ist immens wichtig. Wenn Sie wie ich mit 19 Jahren als Schaffhauser Landei in eine Stadt wie Basel kommen und nicht der soziale Ausgehtyp sind, finden Sie in der Slam-Szene mit ihrer klaren Rollenverteilung Anschluss und Sicherheit. Man sollte das nicht unterschätzen. In deutschen Studentenstädten ersetzt die Slam-Szene inzwischen eine Leerstelle, die im angelsächsischen Raum von studentischen Comedy- und Theatergruppen ausgefüllt wird.

Die Slam-Szene war für Sie ein Familienersatz?

Kürzlich war ich an einem Poetry-Slam-Festival in Rio de Janeiro. Da sassen wir alle zusammen: Argentinier, Brasilianer, Polen und Mexikaner. Trotz Sprachbarriere fühlte ich mich nach zwei Stunden wie zu Hause. An dieser Dynamik hat sich bis heute nichts geändert. Bei aller Exzentrik: Auf Poetry-Slams treffe ich immer noch vernünfti­gere, schlauere und coolere Leute als in vielen anderen Bereichen des Kulturbetriebs. Und den kenne ich inzwischen gut.

Der Luzerner Verleger und Woerdz-Mitorganisator Matthias Burki hat viel dazu bei­getragen, dass man Spoken- Word-Literatur heute zum Literaturkanon zählt. Sehen Sie das auch so?

Der Mann ist tatsächlich so etwas wie der Hofarchivar der Szene. (lacht) Man hat ihn auch schon scherzhaft mit dem einflussreichen Republikaner-Lobbyisten und Chefstrategen Karl Rove verglichen. Er bewirkt enorm viel – allerdings im Hintergrund und für die Öffentlichkeit unsichtbar.

Ihr erstes Stand-up-Comedy-Programm hatte gerade Pre­miere. Begrüssen Sie es, dass auch jüngere Kollegen von der Slam-Bühne ins Stand-up-Comedy-Fach wechseln?

Die Slamszene funktioniert wie ein Flaschenhals. Wer ein Bühnentalent besitzt und in einer grösseren Stadt lebt, kommt heute am Slam nicht vorbei. Dass sich im deutschsprachigen Raum einige Exponenten aus der Szene eher in Richtung Humor entwickeln, liegt auch daran, dass es dort mehr Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten gibt.

Am Woerdz werden Sie als Teil der Werkschau auftreten. «Werkschau» klingt so museal. Welches historische Material aus Ihrer Karriere werden Sie auspacken?

Ich weiss es noch nicht. Ich werde es so machen wie immer bei Slams: mich kurz vor der Show entscheiden.

Hinweis

Gabriel Vetter performt am 21. 10. am Woerdz im Krienser Südpol. Mit dem Comedy-Programm «Hobby» kommt er am 7. 12. ins Kollegium Schwyz und am 13. 1. ’17 ins Restaurant Alpenclub in Engelberg. Tickets fürs Woerdz über www.woerdz.ch.

Interview: Julia Stephan


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