Glenn Miller in Manier von Dieter Bohlen

WORLD BAND FESTIVAL ⋅ Acht Tage lang geht es um alle Facetten der Blasmusik. Dazu gehören Big-Band-Formationen wie das Swing Dance Orchestra, das gestern ein Glenn-Miller-Programm präsentierte.

25. September 2016, 20:53

Auf der KKL-Bühne standen für einmal keine klassischen Notenständer. Nein, das Swing Dance Orchestra hat eigens für sein Glenn-Miller-Programm dessen legendäre Pulte nachbauen lassen. Die Konstruktionen aus silbernem Metall erinnerten an eine Diner-Bar auf dem amerikanischen Highway. Die vier Trompeten, drei Posaunen und fünf Saxofone teilten sich je eines dieser Designerstücke.

Auch darüber hinaus konnte man eine durch und durch authentisch den Dreissiger- und Vierzigerjahren nachempfundene Show erwarten. Bandleader Andrej Hermlin und seine Musiker traten in zeitgemässen Sakkos und schwarz-weissen Lederschuhen auf, spielten ohne Verstärkung und nahmen das Publikum mit auf eine Zeitreise zurück in die goldene Swing-Ära im Amerika der Dreissigerjahre.

Feinsinnige Retro-Show

Bereits in seinen ersten charismatischen Ansagen entzauberte Hermlin die Figur des Glenn Miller gehörig: Der Bandleader hätte lediglich ein einziges Stück selber komponiert, die Arrangements nicht selber geschrieben, und überhaupt habe es auch schon vor Miller diese Art von swingender Big-Band-Musik gegeben. «Eigentlich war er eine Art Dieter Bohlen, ein relativ unbescheidener Geschäftsmann.»

Dennoch verdient es seine Musik, weiterhin gespielt zu werden, das wurde schon nach dem ersten Stück klar. Es war die «Moonlight Serenade», Millers einziger Song aus eigener Feder. Wie originalgetreu Hermlin Glenn Millers Orchester auferstehen lässt, zeigte sich in den nächsten Stücken. Finn Wiesner als singender (und mitunter pfeifender) Saxofonist trat in die Fussstapfen von Tex Benekes, dem Miller-Saxofonisten, und sang «My Melancholy Baby» mit warmem Timbre und der nötigen ironischen Distanziertheit. Viola Manigk übernahm als Sängerin die Rolle der Marion Hutton – Manigk könne aber, im Unterschied zur Hutton, tatsächlich singen, meinte Hermlin.

Und das kann sie wirklich: Sowohl humorvolle Stücke wie «Ding Dong, The Witch Is Dead» als auch Klassiker wie «Jukebox Saturday Night» gelangen ihr mühelos und immer mit einem charmanten Augenzwinkern. Natürlich darf bei einem Glenn-­Miller-Programm auch eine Vocal Group nicht fehlen, eine Gruppe aus vier Männerstimmen, die beim Swing Dance Orchestra The Skylarks heissen, in weissen Cocktail-Sakkos auftraten und mit ihren präzisen vierstimmigen Sätzen die Stücke bereicherten.

Historisch informiert und etwas kokett

Die planbaren Konstanten wie Outfits und Notenpulte im Stil der Dreissiger und Originalarrangements wurden makellos umgesetzt. Einen wichtigen Teil des Jazz macht aber auch die Improvisation aus, und darin wiesen sich sämtliche Bandmitglieder als Spezialisten der Swing-Ära aus. Sie haben sich die Stilistik bezüglich Tonmaterial, Rhythmus und Phrasierung wirklich zu eigen gemacht: Die Soli waren allesamt leichtfüssig, skalenorientiert und zeugten von grosser Spielfreude.

So gehört beispielsweise in «It Must Be Jelly», dem letzten Song vor der Pause. Hermlin zeigte sein Können als Stride-Pianist, der Schlagzeuger spielte beherzte Fills, und das Orchester solierte, sang im Chor und bot gar eine kleine Choreografie dar.

In diesem Sinne macht das Swing Dance Orchestra für den Jazz etwas Vergleichbares wie klassische Ensembles für Alte Musik: Sie pflegen die historisch informierte Aufführungspraxis. Bei einem Programm, das sich so dezidiert mit der Vergangenheit auseinandersetzt und diese detailgetreu wiederaufleben lässt, steht Authentizität im Fokus – bisweilen vielleicht zu Ungunsten der individuellen Originalität.

Nichtsdestotrotz ist es eine helle Freude, am Sonntagmorgen zwei Stunden Big-Band-Sound vom Feinsten so spielfreudig interpretiert zu hören wie vom Swing Dance Orchestra. Zum Schluss spielten sie Glenn Millers Hit «In The Mood» – Amerika-Feeling dank der Diner-Notenpulte inklusive.

Hinweis

Infos zum weiteren Programm:

www.worldbandfestival.ch

Katharina Thalmannkultur@luzernerzeitung.ch


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