Grenzerfahrungen auf dem Berg

PILATUS ⋅ Nur ein erster Höhepunkt auf einer langen Gipfeltour: Im Hotel Pilatus Kulm starteten der Pianist Oliver Schnyder und Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters das Grossprojekt mit allen Klavierkonzerten von Beethoven.

17. Oktober 2016, 07:41

Licht, das man mit dem Leben bezahlt, begeisterte sich Max Frisch über Sonnenuntergänge, die man auf Berggipfeln erlebt, wenn man den letzten Zeitpunkt für den Abstieg verpasst. Die Pilatuskonzerte mit dem Pianisten Oliver Schnyder und Beethovens Klavierkonzerten in Kammermusik-Fassungen, die an diesem Wochenende starteten, bieten quasi solche Grenzerfahrungen ohne die damit verbundenen Gefahren.

Da konnte man sich etwa am Samstag vom Abendlicht und an Steinböcken vorbei zu einem Spaziergang auf dem Blumenpfad locken lassen. Geht man da weiter zu dem Punkt, wo man in den fantastischen Sonnenuntergang hinunterschauen kann, muss man sich wenigstens beeilen, um zum Nachtessen im Hotel Kulm zurück zu sein.

Monumental wie Beethovens Musik

Nach dem anschliessenden Nachtkonzert, mit dem Schnyder jedes der Wochenenden dieses Beethoven-Projekts eröffnet, konnte man zwar mit einer Sonderfahrt der Zahnradbahn zurück nach Alpnachstad gelangen. Aber viele der knapp 140 Konzertbesucher verbrachten mit einem der Kombipackages die Nacht auf dem Berg: komfortabel im Hotel Pilatus Kulm oder, wie einige Pilatus-Abenteurer an diesem Wochenende, sogar auf der Spitze des Gipfels unter freiem Himmel. Und da ging am Sonntagmorgen die Sonne genau in dem Moment auf, in dem der Vollmond am Horizont versank.

Die Einbettung in solche Naturereignisse ist im Fall des vom Luzerner Sinfonieorchester (LSO) veranstalteten Beethoven-Zyklus mehr als eine Äusserlichkeit. Denn die Natur war schon im 18. Jahrhundert Inbegriff des Erhabenen und Monumentalen, mit dem Beethovens Musik identifiziert wurde. Und dass Beethoven erst allmählich den Weg von der Virtuosität zum Monumentalen ging, macht die Konzerte von diesem und den beiden folgenden Wochenenden ihrerseits zu einer Art Gipfeltour.

Dafür hat Schnyder nicht nur mit den Stimmführern des LSO alle fünf Konzerte geprobt, sondern zeitgleich entstandene Solowerke. Das ist – auswendig gespielt – ein Mammutprogramm, das mit zur Werkstattatmosphäre in dieser Startphase des Beethoven-Projekts gehört. «Ein erster Schritt», meinte Schnyder in seiner charmant-bescheidenen Art bei der Begrüssung zur Sonntagsmatinee im Queen-Victoria-Saal des Hotels Pilatus Kulm. Der letzte wird die Aufführung aller Konzerte mit Orchester im Juni im KKL sein, wo die Werke für eine CD aufgenommen werden.

Die Perfektion, die man dann erwarten wird, erreichten die ersten beiden Konzerte noch nicht. Aber sie gaben einen neuen Einblick in die Werke selbst. Die eher trockene Akustik des Saals förderte noch ein Hören wie mit der Lupe – mit überraschend unterschiedlichem Resultat.

Rollenspiele in Werkstattatmosphäre

Das – als erstes entstandene – Konzert Nr. 2 führte die Vorzüge dieser «Kammermusik auf hohem Niveau» vor, wie Konzertmeisterin Lisa Schatzmann in der Begrüssung die solistisch besetzten Bearbeitungen charakterisierte. Da hörte man, unter den Melodiestimmen der Geigen, die Viola und das Cello betörend singen und rhythmisch erregt hecheln, wie es der Tuttiklang eines Orchesters nicht erlaubt. Und in den Dialogen zwischen Streichern und Klavier liessen sich unterschiedliche Rollenspiele pointierter verdeutlichen.

Oliver Schnyder, sorgsam auf Balance bedacht, wechselte mit seinem mächtigen Flügel wendig zwischen Vorder- und Hintergrund hin und her und übernahm mühelos die Führung, wo das Klavier virtuos ins Zentrum rückt.

Dass er im ersten Satz die später geschriebene Kadenz machtvoll zu einem drängenden Drama verselbstständigte, wurde hier aufgefangen durch das Wunder des langsamen Satzes: In der solistischen Streicherbesetzung erinnerte das unmittelbar an die Klangwelt von Beethovens späten Streichquartetten. Dahinein liess Schnyder seinen Flügel singen und sprechen. Und er tat es wie im Nachtkonzert mit einem Klavierton, der sich in der Farbe und Artikulation und bis hin zu echoartigen Klangverschleierungen mit Hilfe des Pedals verblüffend dem eines Hammerflügels annäherte. All das bewies, wie dieser romantische Poet am Flügel einen bestechenden Zugang zum Klassiker Beethoven findet.

Banalität nach dem Tastendonner

Nachteile einer kammermusikalischen Fassung zeigte dagegen die Wiedergabe der Konzerts Nr. 1, auch wenn darin die Wut über den verlorenen Groschen, die Schnyder dazwischenschob, latent nachflackerte. Schon im Orchesterauftakt, dessen Einfachheit auf den monumentalen Beethoven vorausweist, wirkte die Fassung für Streichquartett dünn und der Schluss – nach dem Tastendonner in der Kadenz – banal. Auch wenn die Empfindsamkeit des langsamen Satzes intensiv emotionalisiert und das Finale musikantisch pointiert wurde, blieb es hier beim Werkstatt-­Eindruck, der das Original nicht ersetzen kann.

Für die weiteren Konzerte auf dem Pilatus schafft das eine spannende Ausgangslage. Schnyder selbst hat erläutert, wie in den späteren Klavierkonzerten die Gegenüberstellung von Solist und Orchester einem Miteinander weicht, an dem sich beide Seiten «gleichermassen beteiligen und aufgeilen» (Ausgabe vom Montag). Das klingt existenziell nach Musik, die man mit dem Leben bezahlt, und dürfte in solistisch besetzten Fassungen direkter zu erleben sein als mit Orchester.

Hinweis

Beethoven-Konzerte auf dem Pilatus (Nachtkonzert 22 Uhr am Samstag, Matinee 10.30 Uhr am Sonntag): 22./23., 29./30. Oktober.

Infos zu Programm, An- und Rückfahrt sowie Kombiangeboten: www.sinfonieorchester.ch

Urs Mattenberger


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