Grossbaustelle Utopie

KUNST ⋅ Eine Doppelausstellung in Bern zum 100. Jahrestag der russischen Revolution macht eines deutlich: An der durch russische Avantgardisten erzeugten Reibungswärme wärmt sich die Kunstwelt bis heute.
16. April 2017, 09:34

Julia Stephan

Als der Journalisten-Tross ins Berner Kunstmuseum strömt, steht Vitaly Komar unerkannt und stumm am Eingang. Aus derselben Perspektive des anonymen Beobachters ist der gebürtige Russe vor Jahrzehnten als kleiner Bub Stalin begegnet. 1981/82 verewigte er die Erinnerung daran auf einem Gemälde. Darauf herrscht statt heiteren Sonnenscheins tiefschwarze Nacht. In einer bedrohlichen, albtraumhaften, surrealistisch anmutenden Szene in Schwarz und Rot wendet sich der Blick des Diktators aus dem Rückfenster eines Taxis nach hinten zum Betrachter – und nicht, wie in der zukunftsbejahenden, immer auf gutes Wetter und Sonnenschein getrimmten Rhetorik des sozialistischen Realismus, nach vorne.

Später wird der Künstler vor dem Gemälde im Kunstmuseum Bern sagen: «Als Kind habe ich Stalin bewundert.» Sein selbstironischer Umgang mit dem Thema erlebte er stets als befreiend.

Unterschiedliche Bewältigungsstrategien

So wie Vitaly Komar ging es vielen russischen Künstlern während und nach dem Zerfall des Sowjetsystems. Was tun mit dieser eng an eine Ideologie geknüpften Stilrichtung, die während 50 Jahren staatstragend und damit auch identitätsformend war und vor der abzuweichen –seit dem 1932 unter Stalin ausgesprochenen Verbot sämtlicher Künstlervereinigungen – Konsequenzen für Karriere, Leib und Leben bedeutete? Sich von ihr einspannen lassen? Sie subtil durchkreuzen? Komar, einer der Väter der Soz-Art, des Pendants zur amerikanischen Pop-Art, verarbeitete noch vor dem Mauerfall die Beschäftigung mit den ideologiebefrachteten Symbolen des sozialistischen Realismus die Lebenswirklichkeit, in der er aufwuchs und die somit zwangsweise bis heute seine Identität mitprägt.

Die Strategien des Umgangs mit dem Erbe ist vielfältig. Der deutsche Maler Norbert Bisky überzeichnete um die Jahrtausendwende in grellen, ins flimmernde Weiss gehenden Bildern mit Szenen aus seiner DDR-Jugend aggressiv die heile Welt, die von diesem Kunststil stets pro­pagiert wurde, ungerührt ob der ­tristen Realität. Ebenso verfahren Vladimir Dubossarski und Alexander Vinogradov (Bild oben). Auf ihren im 21. Jahrhundert entstandenen riesigen Leinwänden wird eine zum Erbrechen schöne Kinderbuchidylle ausgebreitet. Darauf werden die Symbole der Freizeitkultur ähnlich inszeniert wie im sozialistischen Realismus.

Die Doppelausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution» von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee – beide Institutionen sind durch die im letzten Jahr neu eingesetzte Gesamtleiterin Nina Zimmer inzwischen eng miteinander verzahnt – nimmt sich viel vor und löst auch viel ein. Während das Zentrum Paul Klee dem Einfluss der russischen Avantgarde auf die Kunst des 20. Jahrhundert nachspürt, widmet sich das Kunstmuseum Bern dem sozialistischen Realismus.

Früh in der «Kitsch»- Schublade gelandet

Dass der amerikanische Kunsthistoriker Clement Greenberg diese Stilrichtung 1939 in der «Kitsch»-Schublade unterbrachte, mag ihre Vorverurteilung zementiert haben. Die leitet sich nicht zu Unrecht aus der gefährlichen Indienstnahme von Kunst für ideologische Zwecke ab.

In der Begleitbroschüre findet man dazu auch Überlegungen der Kunsthistorikerin Ekaterina Degot. Dass im sozialistischen Realismus sowohl ein individueller künstlerischer Ausdruck als auch ein selbstreflektiver Moment fehlen, habe, so Degot, aus der Unvereinbarkeit dieser Qualitäten mit der Darstellung von Werten wie Solidarität und Zusammengehörigkeit zu tun. Individueller Ausdruck und selbstreflektive Spielereien gehören aber fest zu den Werken der künstlerischen Moderne, weshalb ein Teil der im Kunstmuseum Bern gezeigten Werke, die sich eng an der staatlich verordneten Kunst bewegen – etwa die von Alexander Samochwalow (Bild links) –, für heutige Augen humorlos und austauschbar wirken.

Der westliche Betrachter lernt in Bern jedoch auch die subtileren Zeichen von Subversion kennen. Und man kehrt ins Revolutionsjahr und an die Anfänge zurück, als sich Avantgarde-künstler wie Kasimir Malewitsch noch engagiert über ihre utopischen Ideen auf dieser Zukunftsbaustelle stritten. Sozialistischer Realismus war damals keineswegs avantgardefeindlich. Eine in Bern gezeigte Plakatsammlung mit Fotomontagen und suprematistischen Motiven führt dies anschaulich vor Augen.

Epocheninseln im Zentrum Paul Klee

Im Zentrum Paul Klee wird derweil dem Einfluss der russischen Avantgarde auf die weltweite Kunstszene nachgegangen.

Konzentriert haben sich die Kuratoren auf zwei Ikonen und Strömungen der Kunstgeschichte, die den Eingang flankieren: Kasimir Malewitschs «Schwar-zes Quadrat» und dessen Suprematismus sowie Wladimir Tatlins nie realisiertes spiralförmi­- ges Architekturmodell für ein «Denkmal der III. Internationale» (1919) und den materialvernarrten Konstruktivismus.

Das Viereck und der Turm werden zu Leitmotiven der Ausstellung. Die Elemente tauchen in ständiger Anverwandlung und Abwandlung in den wie Inseln im Raum präsentierten Epochen wieder auf. Etwa im Bauhaus, bei de Stijl, der Pariser Gruppe Abstraction-Création, später bei den Zürcher Konkreten und – kunstgeschichtlich etwas zurechtgebogen – in der Minimal-Art.

Hinweis

«Die Revolution ist tot. Lang Lebe die Revolution». Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum Bern. Bis 9.7. www.kunstmuseumbern.ch

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